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Nachhaltigkeit im Mittelstand Wie verschärfte Berichtsvorschriften die Unternehmen treffen

Künftig müssen auch tausende Mittelständler einen Nachhaltigkeitsbericht vorlegen. Quelle: imago images

Immer mehr, auch kleinere, Unternehmen werden künftig über ihre Nachhaltigkeit berichten müssen. Wie gut der Mittelstand dafür schon gerüstet ist, zeigt eine exklusive Studie.

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Nachhaltig zu wirtschaften, das ist heutzutage wohl die Herausforderung schlechthin für fast alle Unternehmen. Gerade wenn Firmen am Tropf des Kapitalmarktes hängen, wo Investoren Billionen in grüne oder zumindest vermeintlich grüne Anlagen lenken. Der European Green Deal, der Umweltschutz und die Förderung eines robusten Wirtschaftswachstums vorsieht, schlägt dabei stark auf die Unternehmen durch. Diese sind gezwungen, sich dazu zu positionieren, auf ihren Webseiten etwa, aber vor allem in ihrer Ansprache in den Geschäftsberichten. 

Seit April 2021 liegt der Entwurf zu neuen Regelungen der Europäischen Union zur Nachhaltigkeitsberichterstattung vor. Mit dem Entwurf einer Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) soll die Kommunikation von nichtfinanziellen Parametern von Unternehmen neu geregelt werden. Aktuell müssen in Deutschland beispielweise insbesondere große Kapitalgesellschaften, die zugleich kapitalmarktorientiert sind, und im Jahresdurchschnitt mehr als 500 Mitarbeiter beschäftigen, ihren Lagebericht um eine sogenannte nichtfinanzielle Erklärung erweitern. „Der Entwurf zur neuen europäischen Nachhaltigkeitsrichtlinie sieht neben neuen Berichtsinhalten insbesondere eine erhebliche Ausweitung des Anwenderkreises vor, die sich auch auf deutsche Unternehmen auswirken wird“, sagt Christian Zwirner, Geschäftsführer der Münchner Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Dr. Kleeberg & Partner. Künftig seien „alle Unternehmen betroffen, die an einem regulierten EU-Markt notiert sind, und zwar unabhängig von ihrer Größe – die einzige Ausnahme sind Kleinstunternehmen“, so der Bilanzexperte. 

Geschätzt 15.000 Unternehmen in Deutschland betroffen

Zu dem Kreis sollen auch Unternehmen zählen, die nicht am Kapitalmarkt mit Aktien oder Anleihen etwa notiert sind, aber die wenigstens zwei der folgenden drei Größenmerkmale überschreiten: eine Bilanzsumme von 20 Millionen, Jahreserlöse von 40 Millionen Euro und eine durchschnittliche Anzahl an Arbeitnehmern von 250. „Schätzungen zufolge wären damit in Deutschland statt bisher rund 500 zukünftig rund 15.000 Unternehmen zur Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten in ihrem Lagebericht verpflichtet“, sagt Zwirner. Im Lagebericht beurteilen Unternehmen ihren Geschäftsverlauf, geben Ausblicke und Einblicke etwa in ihre ESG-Tätigkeiten (Environmental, Social, Governance). Für große Unternehmen soll die erweiterte Berichtspflicht schon von 2023 an gelten, unabhängig davon, ob sie am Kapitalmarkt aktiv sind oder nicht. Für börsenorientierte kleine und mittelgroße Unternehmen ist die Berichterstattungspflicht von 2026 an vorgesehen.

Experte Zwirner erwartet, dass die Verschärfung der Vorschriften „tatsächlich eintreten“ wird. Denn die „EU-Kommission möchte in Bezug auf die Prüfung der Bilanzen den neuen Nachhaltigkeitsbericht auf eine Stufe mit der reinen Finanzberichterstattung stellen“, so Zwirner. Wichtig: Neben einer Prüfung, die Überwachungsorgane wie Aufsichtsrat vornehmen, sollen Wirtschaftsprüfer künftig nicht nur eine formelle, sondern auch eine materielle Prüfung der Klimaberichte vornehmen. Hintergrund dürfte sein, Greenwashing von Unternehmen einzudämmen. 

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    Das benötigt eine gute Vorbereitung. Während Neuerungen für Konzerne aus dem Dax etwa vergleichsweise leicht zu stemmen sein sollten, stehen eher schlank aufgestellte Mittelständler vor größeren Herausforderungen. „Um zu verstehen, wie mittelständische Unternehmen darauf vorbereitet sind, diesem Druck zeitnah zu begegnen, haben wir gemeinsam mit dem Management-Beratungsunternehmen Sustainserv die Berichterstattung von ausgewählten Mittelstands- und Familienunternehmen auf Stärken und Schwächen untersucht“, so Zwirner von Dr. Kleeberg & Partner. Dabei wurde die Kommunikation von rund 50 der größten bayerischen Mittelstands- und Familienunternehmen aus verschiedenen Branchen beleuchtet. Im Mittelpunkt der Analyse standen Nachhaltigkeits- und besonders Klimafragen. Neben der Berichterstattung im Lagebericht wurde dabei auch die freiwillige Nachhaltigkeitskommunikation – etwa in separaten Berichten oder auf den Homepages – gewürdigt. Ergebnis: „Die Berichterstattung zu Nachhaltigkeits- und insbesondere Klimafragen verschiedener mittelgroßer Unternehmen in Bayern zeigt, dass viele Unternehmen schon erste, vielversprechende Schritte gegangen sind“ so die Studie. Es bestehe aber auch noch „wesentlicher Nachholbedarf – sowohl hinsichtlich der Robustheit der Grundlagen als auch der Konsistenz“.

    Zudem gab es im Vergleich der für die Berichtsjahre 2018 und 2019 durchgeführten Analysen nur geringe Fortschritte in der Offenlegung. Es falle auf, dass eine deutliche Mehrheit der untersuchten Unternehmen Umwelt- und Energie-Managementsysteme implementiert habe und mehr als ein Drittel den Klimawandel in der regulierten Berichterstattung zumindest indirekt als Risiko oder Chance beschreiben. „Allerdings legt nur eine Minderheit quantitative Kennzahlen dar, die belegen, dass die Thematik strategisch im Unternehmen verankert ist“ so Zwirner. Auch werde der gleiche Sachverhalt im Lagebericht oft anders belegt und strategisch bewertet als in den freiwilligen Teilen der Berichterstattung. Sprich: Werblicher Anspruch und Wirklichkeit liegen offenbar auseinander. „Dies macht es für die Adressaten der Unternehmenskommunikation schwer, sich ein klares Bild über die Ernsthaftigkeit des Nachhaltigkeitsansatzes, die damit verbundenen Leistungen und die Perspektiven der Unternehmen zu machen“, sagt die Studie. 

    Die Hälfte berichtet Klimarisiken schon

    Immerhin fast die Hälfte der Unternehmen berichtete zuletzt aber über ihre nachhaltigen oder klimaschonenden Produkte oder Dienstleistungen. Mehr als ein Drittel der in der Studie untersuchten Unternehmen publiziere sogar einen eigenständigen Nachhaltigkeitsbericht. Auf ein klares System bezüglich der Nachhaltigkeitskommunikation beziehen sich nur Unternehmen, die auch eine signifikante freiwillige Berichterstattung zu diesem Themenkreis haben. So nimmt laut Studie keiner der untersuchten Lageberichte auf die Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen Bezug. „Einige Gesellschaften beginnen aber, die SDGs in ihren Nachhaltigkeitsberichten zu nutzen“, beobachtet Bernd Kasemir, Managing Partner bei der Zürcher Beratungsgesellschaft Sustainserv. Die Berichtsrahmen von GRI (ehemals Global Reporting Initiative) und des UN Global Compact zum Nachhaltigkeitsreporting wendeten immerhin etwa ein Drittel derjenigen Unternehmen an, die einen dezidierten Nachhaltigkeitsbericht veröffentlichen. Eine Minderheit veröffentlicht laut Studie in verschiedenen freiwillig publizierten Formaten auch bereits konkrete Kennzahlen, etwa zum betrieblichen Energieverbrauch sowie zum Ausstoß an Treibhausgasemissionen, und quantifiziert Ziele des Unternehmens im Hinblick auf einen bewussteren Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen. Im Vergleich zur freiwilligen Kommunikation wird die regulierte Berichterstattung hinsichtlich nachhaltigkeitsrelevanter Informationen bisher eher „stiefmütterlich“ behandelt. „Es wird deutlich, dass viele Unternehmen die Thematik noch nicht strategisch und konsistent nutzen, um relevante Risiken zu managen und potenzielle Chancen zu nutzen“, sagt Kasemir.



    Dabei könne eine „klare Nachhaltigkeitsstrategie dazu dienen, sich strategisch günstig im Markt zu positionieren und entscheidend zur Attraktivität des Unternehmens und der Wahrnehmung von Kunden, potenziellen Arbeitnehmern sowie weiteren Geschäftspartnern beitragen“. In Zeiten CO2-neutraler Ziele, politischer Vorgaben sowie eines sich schnell ändernden Umwelt-, Klima- und Nachhaltigkeitsbewusstseins wird eine schlüssige und konsequente Berichterstattung zum Thema Nachhaltigkeit zweifellos immer wichtiger. Denn auch der Kapitalmarkt differenziert eben immer mehr danach, wie Unternehmen mit Nachhaltigkeit umgehen.

    Mehr zum Thema: Wir brauchen die Klimawende – und deutsche Weltmarktführer haben die Produkte für den technologischen Umstieg. Lesen Sie hier über die grüne Macht des Mittelstands.

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