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Prozess US-Gericht verurteilt Tabakkonzern zu Milliardenstrafe

Ein Amerikaner hängt am Glimmstängel und stirbt im Alter von 36 Jahren an Lungenkrebs. Ein Gericht verhängt eine der bisher höchsten Strafen gegen eine Zigarettenfirma - wohl eher symbolisch.

Mehr Frauen sterben an Folgen des Rauchens
Frau raucht eine Zigarette Quelle: dpa
Das Volksleiden: Rückenschmerzen gehören in Deutschland zu den häufigsten Gesundheitsbeschwerden. Forscher der Northwestern University (USA) fanden nun heraus, dass Raucher im Vergleich zu Nichtrauchern ein um das Dreifache erhöhtes Risiko haben, an chronischen Rückenschmerzen zu erkranken. Studienautor Bogdan Petre erklärt: "Wir haben festgestellt, dass Rauchen die Art und Weise beeinflusst, in der das Gehirn auf Schmerzen im Rücken reagiert." Auf Hirnscans der rauchenden Patienten stellten die Forscher eine Veränderung der Areale fest, die für Sucht- und Lernverhalten zuständig sind. Die Kommunikation dieser Hirnregionen sei für die Entwicklung eines chronischen Schmerzes kritisch, stellten die Wissenschaftler fest. Chronischer Schmerz und Suchtverhalten hingen eng zusammen. Antientzündliche Medikamente konnten zwar die Schmerzen erleichtern, waren aber nicht in der Lage, die Aktivität der verantwortlichen Hirnregionen zu ändern. Nur wer während der Studie freiwillig mit dem Rauchen aufhörte, konnte sein Risiko absenken. Quelle: dpa
Passivrauchen: Raucher gefährden auch ihre Mitmenschen, denn der blaue Dunst schadet jedem, der ihn einatmet. Jährlich sterben weltweit mehr als 600.000 Menschen an den Folgen des Passivrauchens. Besonders betroffen sind Kinder. Selbst, nachdem sich der Rauch verzogen hat, sind die Schadstoffe noch stundenlang in der Luft, fanden Forscher des Berkeley Lab heraus. Sie lagern sich in Teppichen, Polstern oder Tapeten ab. Auch 18 Stunden, nachdem die letzte Zigarette geraucht wurde, fanden die Forscher noch immer eine ganze Reihe gesundheitsgefährdender Stoffe. Es reicht also nicht, nur in der Gegenwart anderer Menschen nicht zu rauchen. Auch die Luft in Räumen ist noch lange belastet. Quelle: dpa
Rauchen ist das Gesundheitsrisiko Nummer eins: Jeder sechste der jährlich rund 850.000 Toten in Deutschland ist laut Statistik an den Folgen des Rauchens gestorben. Raucher verkürzen ihre durchschnittliche Lebenserwartung um fünf, ambitionierte Tabakkonsumenten sogar um neun Jahre. EU-weit sterben pro Jahr fast 700.000 Raucher an den Folgen ihres Konsums. Quelle: dpa
Rauchen begünstigt viele Krebsarten: Jeder, der raucht, hat ein zweimal höheres Risiko an Krebs zu erkranken als Nichtraucher. Etwa 90 bis 95 Prozent der erwachsenen Lungenkrebspatienten sind oder waren Raucher.  Das Risiko, an Mundhöhlen-Krebs zu erkranken, steigt durch regelmäßigen Tabakkonsum um den Faktor 27, bei Kehlkopfkrebs um den Faktor 12. Durchschnittlich rauchte jeder Deutsche im Jahr 2013 996 Zigaretten. Im Jahr 2000 lag der Pro-Kopf-Konsum noch bei 1699 Zigaretten pro Jahr. Quelle: dpa
Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Schlaganfälle und Herzinfarkte verursachen die meisten Toten in Deutschland. Raucher trifft es besonders oft, Herzinfarkte vor dem 40. Lebensjahr betreffen fast ausschließlich Raucher. Ihr Risiko ist drei- bis viermal so hoch wie das von Nichtrauchern. Denn der Tabakkonsum verengt die Blutgefäße, lässt den Blutdruck steigen und schränkt die Leistungsfähigkeit des Herzens ein. Quelle: dpa
Frauen erhöhen durch Nikotin-Konsum ihr Risiko für Brustkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Osteoporose oder Unfruchtbarkeit. Vor der Menopause versechsfacht sich das Risiko für Raucherinnen, an einem Herzinfarkt zu sterben. Weniger als jede fünfte deutsche Frau ab 15 Jahren konsumiert regelmäßig Zigaretten und Co. Quelle: dpa

Ein Gericht in Florida hat den Tabakkonzern R.J. Reynolds zur Zahlung von mehr als 23 Milliarden Dollar (17 Milliarden Euro) an die Witwe eines Kettenrauchers verurteilt. Die Geschworenen befanden, dass die zweitgrößte Zigarettenfirma der USA die Gesundheitsgefahren ihres Produktes absichtlich verheimlicht habe, berichtete die „New York Times“. Zusätzlich zu den Strafgeldern sprach die Jury der Witwe Schadenersatz in Höhe von 17 Millionen Dollar zu.

Die Strafe ist eine der höchsten, die jemals in einem Prozess mit einem einzelnen Kläger gegen ein Tabakunternehmen verhängt worden ist. Der Prozess dauerte rund vier Wochen. Allerdings gilt es als praktisch sicher, dass ein Berufungsgericht sie später drastisch reduzieren wird, etwa auf einen entsprechenden Millionenbetrag. Das Unternehmen habe nicht deutlich gemacht, dass Nikotin süchtig mache und Zigaretten giftige Stoffe enthielten, befand die Jury dem Bericht zufolge am Freitag in Pensacola. Der Mann der Klägerin hatte demnach mehr als zwei Jahrzehnte lang geraucht, als er 1996 im Alter von 36 Jahren an Lungenkrebs starb.

Fakten zum Tabakkonsum

Die Verteidigung kündigte umgehend Berufung an. Das Urteil sei völlig exzessiv und sowohl nach staatlichem Recht als auch verfassungsrechtlich unzulässig und gehe weit über die Vernunftmaßstäbe hinaus, zitierte die Zeitung den Vizepräsidenten von R. J. Reynolds, J. Jeffery Raborn. Das Unternehmen sei überzeugt, dass das Urteil keinen Bestand haben werde. Tatsächlich sind die Aussichten darauf nach bisherigen Erfahrungen gut. Geschworenenjurys in Prozessen gegen Tabakfirmen neigen generell dazu, hohe Strafen zu verhängen, um ein Zeichen zu setzen. Sie selbst gehen dabei - wie auch die Kläger - zumeist davon aus, dass das Urteil später deutlich abgeschwächt wird. So weist die „New York Times“ etwa darauf hin, dass ein Geschworenengericht in Kalifornien 2002 Strafgelder in Höhe von 28 Milliarden Dollar gegen Philip Morris USA verhängte. Ein Berufungsgericht reduzierte die Summe dann im August 2011 auf 28 Millionen Dollar.

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Die Witwe des Kettenrauchers war zunächst im Rahmen einer Sammelklage gegen den Konzern vorgegangen. Das damalige Urteil - Strafgelder in Höhe von 145 Milliarden Dollar - war dann von einer Berufungsinstanz annulliert worden. Diese entschied, dass die einzelnen Fälle zu unterschiedlich seien, um in einem Sammelprozess behandelt zu werden. Danach waren viele der ursprünglichen Kläger individuell vor Gericht gezogen.

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