Russland in den Panama Papers Der Putin-Skandal, der keiner ist

In Russland blüht Korruption. Das ist bekannt wie die Tatsache, dass in Wladimir Putins Dunstkreis viele Petersburger reich und mächtig wurden. Ein Nachweis der Kreml-Geldwäsche findet sich nicht in den Panama Papers – nur viele Indizien.

Ein Archivbild von 2009 zeigt Sergej Roldugin (links), Wladimir Putin Dimitri Medwedew (R) im St. Petersburg House of Music. Quelle: dpa

Zuallererst zuckten auch an diesem Montagmorgen die Anti-Amerika-Reflexe bei Putins Sprecher Dmitrij Peskow: Hinter den Panama Papers, mit denen die Weltpresse seit Sonntag die Inhaber von Offshore-Konten in Mittelamerikas Steuerhafen demaskiert, stünden „frühere Agenten“ der US-Geheimdienste. Ziel sei es, den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Vorfeld der Wahlen in zwei Jahren zu diskreditieren.

Faktisch ist das irrsinnig. Erstens bringen die Dokumente Politiker anderer Länder viel mehr in Bedrängnis, zumal wenn sie Demokraten sind wie Islands Regierungschef.

Denn, zweitens, in einer Autokratie wie Russland interessiert sich kaum wer für einen möglichen Skandal, der fernab der russischen Lebenswirklichkeit wurzelt; irgendwie korrupt sind „die da oben“ alle, jedenfalls aus Sicht der einfachen Russen. Staatliche Fernsehkanäle ignorieren die „Leaks“.

Das müssen Sie zu den Panama Leaks wissen

Taktisch indes war die plumpe antiwestliche Rhetorik überflüssig, weshalb Peskow selbst ein paar Stunden später ausnahmsweise mit der Wahrheit an die Öffentlichkeit trat: Er sei von den Inhalten „eher etwas enttäuscht“, so Peskow, denn da stehe „offensichtlich nicht viel Neues drin“. In der Tat wirken die Panama-Enthüllungen wie ein Putin-Skandal, der (noch) keiner ist.

Welche Rolle spielt Sergej Roldugin?

Und doch bergen sie viel Zündstoff, die diese Dokumente das Geldverschieben zwischen staatlichen und privaten Strukturen in Russland dokumentieren.

Im Mittelpunkt des Spinnennetzes steht Sergej Roldugin. Der 64-Jährige ist ein mäßig bekannter Freund Putins, der im „ersten Leben“ Cellist am Marinski-Theater St. Petersburg ist – und im „zweiten Leben“ Milliardenbeträge über Bankkonten von Offshore-Firmen in Panama und auf den britischen Jungferninseln verschiebt. Dies ergaben Recherchen der unabhängigen russischen Zeitung „Nowaja Gazeta“.

Diese Banken sind in die Panama-Affäre verwickelt
Ein internationales Recherchenetzwerk hat Daten der Kanzlei „Mossack Fonseca“ aus Panama ausgewertet, die sogenannten Offshore-Firmen in Steueroasen registriert. Im Auftrag von Banken hat die Kanzlei für viele Kunden solche Konstrukte angelegt, die oftmals der Steueroptimierung dienen. Laut Georg Mascolo, Leiter der Recherchekooperation von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung seien auch deutsche Banken in die Geschäfte verwickelt. Er sagte am Sonntagabend: „ Wenn Sie mich fragen würden, welche der deutschen Banken eigentlich nicht dabei gewesen ist, Kunden zu helfen, zu „Mossack Fonseca“ zu gehen, müsste ich lange nachdenken, ob mir überhaupt eine einfällt.“ Die Commerzbank hatte beispielsweise im vergangenen Jahr bereits 17 Millionen Euro Bußgeld wegen umstrittener Geschäfte in Panama und Luxemburg gezahlt. Quelle: dpa
Die Funktionsweise von Mossack Fonsecas Geschäft: Für nur wenige Tausend Dollar bekommt der Kunde eine anonyme Firma. Die Kanzlei stattet die Firma mit Scheindirektoren aus und verschleiert damit den wahren Eigentümer. Dieses Geschäftsmodell ist moralisch zweifelhaft, sie sind aber nicht per se illegal. Der ausgewertete Datensatz zeigt, welche Institute über die Kanzlei in Panama die meisten Schattenfirmen registrierten. Auf Platz 10 landet die Investmentbank Rothschild, eine Tochtergesellschaft des Unternehmens registrierte für seine Kunden 378 Offshore-Unternehmen. Quelle: ICIJ Quelle: dpa
Die Landsbanki Luxembourg ließe den Daten zufolge 404 Schattenfirmen registrieren. Quelle: dpa
Die Luxemburg-Tochter der französischen Großbank Société Générale hat 465 Offshore-Unternehmen für seine Kunden registriert. Quelle: REUTERS
Die britische Privatbank kommt auf eine Zahl von 487 Schattenfirmen, die für ihre Kunden registriert wurden. Quelle: REUTERS
Die Schweizer Großbank UBS ließ im Auftrag seiner Kunden 579 Schattenfirmen registrieren. Quelle: REUTERS
Die Schweiz-Tochter der britischen Großbank HSBC wickelte Deals mit 733 Schattenfirmen ab. Fasst man alle HSBC-Töchter zusammen, landet die britische Bank sogar auf Rang 1 der Geschäftspartner von Mossack Fonseca – mit mehr als 2.300 registrierten Firmen. Quelle: dpa
Auch die Monaco-Niederlassung der HSBC ist in die Geschäfte auf den Steueroasen verwickelt. Sie registrierte für seine Kunden 778 Firmen. Quelle: AP
Auch die weltweit tätige Schweizer Großbank Credit Suisse taucht in den "Panama Papers" auf. Die Bank registrierte im Auftrag seiner Kunden 918 Firmen. Quelle: REUTERS
Die Schweizer Privatbank Safra Sarasin registrierte 963 Schattenfirmen. Quelle: REUTERS
Der luxemburgische Vermögensverwalter Experta, eine Tochter der Banque internationale à Luxembourg, gründete für seine Kunden so viele Offshore-Firmen wie kein anderes Institut. Nach den Recherchen hat das Institut insgesamt 1.659 Schattenfirmen gegründet. Quelle: dpa


Dubios sind viele jener Transaktionen, die Journalisten rekonstruierten: So stellte Zyperns Bank RCB dem Offshore-Imperium Billig-Kredite ohne Sinn und Sicherheit bereit – womöglich auf Geheiß der russischen Staatsbank VTB, der die Bank damals zu 100 Prozent gehörte.

Briefkästen, die zu den Imperien von Oligarchen wie den mit Putin befreundeten Rotenberg-Brüdern gehören, transferierten den Panama-Firmen des Cellisten viele Millionen, ohne dass erkennbare Sicherheiten dahinter stünden oder Rückzahlungen erfolgt seien. Über Beraterverträge oder Strafen für geplatzte Transaktionen scheffelten die Oasenfirmen von Sergej Roldugin Milliardenbeträge.

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