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Schufa-Auswertung Wo die schlechtesten Schuldner wohnen

Nicht nur der Staat steckt tief in der Kreide. Auch die Schulden der Bürger steigen. Wo die Zahlungsmoral besonders schlecht ist, wie Schuldner um eine Rückzahlung herumkommen und Gläubiger an ihr Geld kommen.

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Die Schuldenuhr vom Bundes der Steuerzahler in Berlin: Mit mehr als zwei Billionen Euro stehen Bund und Länder in der Kreide. Quelle: dpa

Die Schuldenuhr tickt. Langsam und scheinbar unaufhaltsam. Mit mehr als zwei Billionen Euro stehen Bund, Länder und Kommunen mittlerweile in der Kreide. Aber nicht nur der Staat hat einen Schuldenberg aufgetürmt. Auch die Bürger rutschen immer tiefer in die Miesen. Eine aktuelle Auswertung der Auskunftei Schufa zeigt jetzt, in welchen Regionen die Kreditnehmer besonders häufig in Zahlungsschwierigkeiten stecken.

Die gesamten Verbindlichkeiten der privaten Haushalte belaufen sich auf mehr als 1,5 Billionen Euro. Zwar übertrifft das Nettogeldvermögen diesen Wert um das mehr als das Doppelte. Trotzdem sagt das nichts über die Verteilung - für immer mehr Bürger werden die Schulden zum Problem.

Die Zahl der Kredite in Deutschland steigt seit Jahren rasant. Laut Schufa ist die Zahl der laufenden Ratenkredite in den vergangenen zehn Jahren um 52,5 Prozent angestiegen. Allein im vergangenen Jahr ist das Volumen der neuen Kredite um 8,6 Prozent gestiegen. Insgesamt haben die 80 Millionen Deutschen rund 17 Millionen Konsumentenkredite abgeschlossen. Im Schnitt leihen sie sich bei jedem Ratenkredit 7712 Euro.

Viele Kunden überfordert die Rückzahlung: 2,5 Prozent der Kredite wurden trotz Mahnung nicht zurückgezahlt. Die Quote ist seit Jahren konstant. Je jünger die Kreditnehmer desto unsolider tilgen sie. Die Ausfallquoten liegen bei 18 bis 20 Jährigen bei 3,6 Prozent und bei 20 bis 34 Jährigen bei 3,3 Prozent.

Nicht nur bei den Krediten patzen die Deutschen. Eine Auswertung der knapp 60 Millionen Datensätze der Schufa zeigt: 8,2 Prozent der Deutschen haben mindestens ein Negativmerkmal. Die Schufa erfasst  479 Millionen Informationen zu 66,2 Millionen Personen. Auf den Servern der Auskunftei sind Auffälligkeiten bei Bankkrediten aber auch Rechnungen von Handel oder Telekommunikationsunternehmen gespeichert. Außerdem wertet die Schufa die Schuldnerregister der Amtsgerichte aus. Negativmerkmale entstehen auch dann, wenn es Zahlungsstörungen bei Girokonto, Kreditkarte oder Leasingvertrag gibt.

Den höchsten Anteil an Negativmerkmalen haben 30 bis 34 jährige. 15,6 Prozent dieser Altersgruppe sind bereits mindestens einmal auffällig geworden. Mit steigendem Alter nimmt der Anteil der Schufa-Einträge ab. Die Schufa unterscheidet zwischen „harten“ und „weichen“ Negativmerkmale. Harte Einträge entstehen sind etwa eidesstattliche Versicherungen oder Verbraucherinsolvenzen. 4,5 Prozent der Deutschen sind haben demnach massive Zahlungsschwierigkeiten, bei den 30 bis 34 jährigen liegt der Anteil bei 7,6 Prozent.    


Wo die schlechtesten Schuldner wohnen

Die schlechtesten Schuldner leben in den Metropolen. In Berlin ist die Zahlungsmoral besonders schlecht. In der Hauptstadt haben 12,4 Prozent der erfassten Personen mindestens ein Negativmerkmal. In Bremen liegt der Anteil  bei 11,9 Prozent. Besonders solide sind dagegen die Einwohner im Süden der Republik. Bayern und Baden-Württemberg liegen in der Statistik vorne.

Wer aber sind die Menschen, die ihre Finanzen nicht im Griff haben? Verschiedene Studien belegen: Vor allem junge Konsumenten schlagen über die Strenge, etwa bei Handyrechnungen oder Bestellungen im Internet. Die offenen Summen sind aber nicht besonders hoch und müssen nicht den Startschuss einer Schuldnerkarriere bedeuten.

Nach einer Untersuchung des Karlsruher Soziologen Gunter Zimmermann ist das Risiko für Überschuldung besonders bei Alleinerziehenden besonders hoch. Statistisch gesehen leben besonders viele Alleinstehende von Unterhalt oder staatlicher Unterstützung. Unerwartete Ausgaben können sie überfordern. Das Risiko von kinderlosen Ehepartnern ist dagegen besonders niedrig.

Generell tappen gut ausgebildete Personen weniger häufig in der Schuldenfalle wie ungelernte. Wer ein hohes Einkommen bezieht, kann laut Statistiken eher seine Raten bedienen als Geringverdiener, auch wenn die Außenstände höher sind.  Soziologen beobachten, dass Einkommensschwache beim Konsum mit der Mittelschicht mithalten möchten, was sie häufig überfordere. Besonders hoch ist das Risiko für Überschuldung auch bei Arbeitslosigkeit.

Die Verschuldungsstatistik der Schuldnerberater zeigt: Im Jahr 2009 lebten 44 Prozent aller von den Schuldnerberatungsstellen beratenen Personen allein. Besonders allein lebende Männer steckten häufig in einer finanziellen Krise. Die überschuldeten Personen hatten im Durchschnitt rund 35.000 Euro Schulden. Bei mehr als der Hälfte der überschuldeten Personen lag das monatliche Nettoeinkommen unter 900 Euro und damit unter der Pfändungsfreigrenze, die derzeit 990 Euro beträgt. Nur rund drei Prozent aller überschuldeten Personen hatten Einkünfte von mehr als 2.000 Euro pro Monat.

Besonders solvent sind Senioren. 95,9 Prozent aller über 60-Jährigen haben ausschließlich positive Daten bei der Schufa gespeichert. Der Gesamtdurchschnitt aller Verbraucher liegt bei 91,2 Prozent. Die Rückzahlquote der Kredite der Älteren liegt bei 98,2 Prozent - 0,7 Prozentpunkte besser als der Durchschnitt. „Die Generation 60 plus zeichnet sich durch eine besondere Zahlungstreue und Zuverlässigkeit aus“, sagt Michael Freytag, Vorstandsvorsitzender der Schufa Holding.

Die Kritik vieler Gläubiger: Der Staat mache es säumigen Schuldnern allzu leicht. Viele Schuldner würden sich in die Verbraucherinsolvenz flüchten. Im vergangenen Jahr stellten 813.000 Überschuldete einen Anträge auf ein solches Verfahren. Jeder Überschuldete kann diesen Antrag stellen, ausgenommen sind nur aktive Selbstständige und ehemalige Selbstständige, die mehr als 19 Gläubiger zu bedienen haben oder noch gegenüber Arbeitnehmern und der Sozialversicherung in der Pflicht stehen.

Das Verfahren ist einfach: Ein Anwalt, Steuerberater oder Schuldnerberater bestätigt, dass eine außergerichtliche Einigung mit den Gläubigern nicht möglich ist. Wenn der Pleitier weniger Einkünfte als der Sozialhilfesatz ausweisen kann, kann dieser einen Beratungshilfeschein zur Vorlage bei einem Rechtsanwalt bei seinem Amtsgerichts beantragen. Ansonsten liefern Schuldnerberater in den Kommunen günstige Beratung, allerdings mit teils monatelangen Wartezeiten.


Schuldnerfreundliche Pfändungsgrenzen

Der Schuldner oder seine Vertreter müssen den Gläubigern dann einen Vergleich anbieten, in der Regel inklusive eines großzügigen Schuldenschnitts. Sobald ein Geldgeber das Angebot ablehnt, scheitert der Vergleich. Nach der Bestätigung durch den Vertreter beantragt der Schuldner beim Amtsgericht das Insolvenzverfahren.

Hier reicht es, wenn etwas mehr als die Hälfte der Gläubiger eine Einigung ablehnt damit das Gericht die Insolvenz direkt eröffnet. „In der Praxis kommt es vor Gericht nicht zu einer Einigung“, sagt der Wiesbadener Rechtsanwalt Hans-Jürgen Salzbrunn. In diesem Fall bestellt das Gericht einen Treuhänder, der das pfändbare Vermögen verwertet.

Häufig ist aber kaum noch was zu holen. Hauhaltseinrichtungen wie Betten, Kleiderschränke, sowie abgezahlte Wasch- oder Spülmaschinen sind unpfändbar. Das gilt auch für ältere Fernsehgeräte und Radios. Auch alte Computer zu niedrigen Verkaufspreisen kann der Pleitier behalten.

Bleibt das Einkommen des Überschuldeten. Gerade bei Familien liegen die Pfändungsgrenzen aber hoch. Einkommen bis zu einem Nettolohn von 1.029,99 Euro sind generell unpfändbar. Die weitere Abstufung der Pfändungsgrenzen hängt auch an der Zahl der unterhaltspflichtigen Personen. Einem Schuldner mit drei Kindern bleibt muss bei einem Nettogehalt in Höhe von 3.150 Euro nur 390,73 Euro pro Monat abgeben.

Dafür ist der Insolvente bei Arbeitslosigkeit verpflichtet, jeden angemessenen Job anzunehmen, der ein pfändbares Einkommen bringt. Nach sechs Jahren sind Betroffene fast alle Verpflichtungen los. Bedingung: Der Schuldner hat keine falschen Angaben gemacht. Lediglich Geldstrafen, Ordnungs- und Zwangsgelder oder zinslose Darlehen, die speziell für das Verfahren aufgenommen wurden bleiben stehen. „Das Recht gewährt Überschuldeten ein Anreizsystem“, sagt Schuldner-Anwalt Salzbrunn. Im fünften Jahr der Wohlverhaltensperiode bleiben zehn Prozent des pfändbaren Einkommens beim Schuldner. Im sechsten Jahr erhöht sich Satz auf 15 Prozent.

Wer Geld verleiht, muss daher möglichst vorab die Solvenz des Kreditnehmers überprüfen und die Mahnung professionalisieren. Forderungen verjähren nach drei Jahren. Die Frist beginnt Anfang des Folgejahres, in dem der Zahlungsanspruch entstanden ist. Unternehmer sind nicht mehr dazu gezwungen, dem Schuldner Mahnungen zu schicken. Gewerbetreibende geraten pauschal 30 Tage nach Eintreffen der Rechnung in Verzug. Bei privaten Kunden muss der Gläubiger die Frist auf der Rechnung ausweisen.

Nach dieser Frist kann der Gläubiger ein Mahnverfahren einleiten. Jedes gut sortierte Schreibwarengeschäft hat entsprechende Vordrucke für die Anträge im Sortiment. Für die Aufnahme des Verfahrens besteht zunächst keine Beweispflicht. Wenn der Schuldner nicht widerspricht, erwirbt der Schuldner direkt einen Vollstreckungstitel. Bei einem Widerspruch kommt es zu einem Klageverfahren. Wenn der Gläubiger im Recht ist und der Kunde trotzdem nicht zahlt, kann er eine Inkassogesellschaft einschalten. Die Kosten dafür sind erstattungsfähig.


Vorsicht vor dem Geldeintreiber

Wenn der Schuldner nicht zahlen kann bleibt der Gläubiger darauf sitzen. Seriöse Anbieter haben Adressen in Deutschland, sind telefonisch erreichbar und lehnen unbegründete Forderungen ab. Der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU) listet bundesweit 550 Mitglieder. Das Geschäft mit den Außenständen läuft gut. Die Branche erzielt aktuell einen Umsatz in Höhe von fünf bis zehn Milliarden Euro. Tendenz steigend.

Nicht alle Schuldner akzeptieren die Rechtslage und möchten ihr Geld widerrechtlich zurückholen. Niemals sollten sie sich aber an illegale Geldeintreiber wenden. Nicht nur "Moskau Inkasso" schickt muskelbepackte Männer medienwirksam vor die Haustür. Jeder Auftraggeber sollte aber wissen, dass er sich in solchen Fällen strafbar macht. Neben dem Verlust des Geldes droht dann eine Anzeige wegen Nötigung.

Mit zwielichtigen Schuldeneintreibern möchten seriöse Inkasso-Unternehmen nichts zu tun haben. So prüft der Verband rechtliche Schritte gegen die Sendergruppe ProSiebenSat.1. Bei Kabel 1 gehen schwarz gekleidete Geldeintreiber - darunter ein durchtrainierter Darsteller mit Spitznamen „Machete“ - auf Schuldnerjagd.

„Für mich wird mit diesem Format ein neuer TV-Tiefpunkt erreicht“, sagt Kay Uwe Berg, Geschäftsführer beim BDIU. Laut Verband stecke hinter der Sendung die Geldeintreiber vom „Inkasso-Team Moskau“. Vor dem Landgericht Köln habe der Verband eine Unterlassungsverfügung erwirkt. Das Unternehmen dürfe demnach „keine Inkassodienstleistungen ankündigen oder ausführen“.

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