WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Steuern und Abgaben Wie die Mittelschicht durch den Staat Plus macht

Niedrige Zinsen, eine schwindende Altersvorsorge und Angst vor dem sozialen Abstieg: Die deutsche Mittelschicht sieht sich oft als größten Verlierer der Eurokrise. Dabei geht es ihr prächtig: Das Bürgertum bekommt sogar mehr Geld vom Staat, als es einzahlt.

Experten haben Steuern und Sozialabgaben der Mittelschicht den Transferleistungen des Staates an sie gegenübergestellt. Das Ergebnis: Ein sattes Plus für rund 60 Prozent der Deutschen. Quelle: dpa

Das Gejammer des Mittelstands könnte sich schon bald in Gelächter verwandeln: Wirtschaftsforscher haben ausgerechnet, dass Haushalte mit einem mittleren Einkommen zwar mehrere hundert Euro Steuern und Sozialabgaben monatlich an den Fiskus zahlen müssen, sie im Endeffekt aber mehr Geld aus Transferleistungen bekommen. Das legen Daten nahe, die am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) erhoben worden sind. Sie stammen aus dem „Sozioökonomischen Panel“ (SOEP), einer Forschungseinrichtung am DIW, die jedes Jahr 23.000 Deutsche befragt.

Demnach erhalten Haushalte mit einem Nettoeinkommen zwischen 1.700 und 3.600 Euro im Schnitt mehr als 900 Euro im Monat vom Staat. Die ärmsten Deutschen mit dem geringsten Nettoeinkommen kriegen durchschnittlich keine 700 Euro im Monat. Zum Mittelstand zählen die Forscher alle Haushalte, deren Nettoeinkommen zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Nettoeinkommens (Median) liegt – das sind rund 60 Prozent der Deutschen.

Die spektakulärsten Spezialisten
1,97 Milliarden Euro Umsatz, 12 320 Mitarbeiter, in 160 Länder aktiv: Der Motorsägen-Weltmarktführer Stihl trotzt den Rückschlägen in Südeuropa und setzt seinen Wachstumskurs weiter fort. In den ersten acht Monaten dieses Jahres steigerte Stihl seine Erlöse gleich um 7,9 Prozent. Ein Drittel aller Motorsägen weltweit vertreibt Stihl nach eigenen Angaben und diese weltweite Präsenz hat dabei geholfen, die regionalen Einbußen in Italien, Spanien, Portugal und Griechenland abzufedern. Im vergangenem Jahr ging es dem Weltmarktführer aus Waiblingen auch sehr gut: Er machte ein sattes Rekordumsatzplus von 10,8 Prozent. Für 2012 rechnet Stihl mit einem etwas schwächeren Wachstum von "nur" 5 bis 10 Prozent. Quelle: dpa
Pisten plätten und Halfpipes formen, eine Pistenraupe muss für alles gerüstet sein. In der Umgangssprache heißen die Maschinen "Pistenbully". So, wie das Produkt der Kässbohrer Geländefahrzeug AG. Mit den unverkennbar roten Pistenraupen ist das Unternehmen zum Weltmarktführer aufgestiegen. Vorher stellte es Reisbusse und LKW-Anhänger her. Quelle: Presse
Nicht nur bei Kindern beliebt, auch auf Musikfestivals ein Renner: die "Pustefix"-Seifenblasen der Firma Hein aus Tübingen. In mehr als 50 Ländern gibt es das Produkt zu kaufen. Besonders Amerikaner und Japaner stehen auf die bunten Blasen aus Deutschland. Quelle: REUTERS
Roll-Leinen für Hunde kommen von Flexi. 1972 entwarf die Firma den Prototyp aus Holz. Heute gibt es auch Luxusmodelle mit Swarovski-Kristallen. Produziert wird nach Unternehmensangaben ausschließlich in Deutschland, verkauft in 90 Ländern weltweit. Quelle: dpa
Blick in die Tiefe: In einer Übung seilen sich Feuerwehrmänner am Hochhaus "Taipei 101" ab. Die Fassade für das 508 Meter hohe Gebäude in Taiwans Hauptstadt Taipeh hat der deutsche Spezialist Gartner gefertigt. Nur eines von vielen Großprojekten; auch in Dubai, London, New York und München stehen Glasfassaden von Gartner. Quelle: AP
Edles Ambiente im Bundeskanzleramt. Gespeist wird hier mit feinstem Silber. Das Besteck liefert die Silbermanufaktur Robbe und Berking aus Flensburg. 1874 gegründet, hat die Firma international einen Marktanteil von 40 Prozent erreicht. Ein Viererset (Gabel, Messer, Ess- und Kaffeelöffel) ihres Besteck Modells "Dante" aus dem Bundeskanzleramt kostet 575 Euro in 925er Sterling Silber oder 283 Euro mit 150 Gramm Massiv-Versilberung. Quelle: dpa
Der Prothesenhersteller Otto Bock Healthcare ist offizieller Ausrüster der Paralympics in London. Für Rollstühle, Arm- und Fußprothese und viele weitere Hilfsmittel gibt es technische Unterstützung. Als Weltmarktführer fördert Otto Bock auch die Athleten des Deutschen Behindertensportverbands. 400-Meter-Sprinter Oscar Pistorius, der schon bei den Olympischen Spielen gestartet war, setzt dagegen auf Prothesen vom isländischen Konkurrenten Össur. Quelle: dapd

Im Vergleich zu den üppigen Geschenken vom Staat wie dem Kinder- und Elterngeld, den Renten und Pensionen zahlt die Mittelschicht nicht besonders viel in die Staatskassen ein. An Steuern und Abgaben führt die Mittelschicht nach allen Steuertricks, Pendlerpauschalen und Werbungskostenpauschalen der FAZ zufolge rund 25 Prozent ihres Nettoeinkommens an den Staat ab. In absoluten Beträgen bedeutet dies, dass Mittelschichts-Haushalte vom Staat durchschnittlich 100 bis 400 Euro im Monat mehr erhalten, als sie bezahlen. 

Auch international scheint die Gesellschaft in der Mitte zu profitieren. Die Industrieländer-Organisation OECD hat ausgerechnet, dass der Mittelstand im Durchschnitt 49 Prozent an Steuern und Abgaben in den Staatstopf zahlt, aber 56 Prozent aus dem Topf bekommt. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erklärt sich die Geldgeschenke an die Mittelschicht durch unser demokratisches System. In der Demokratie „verorten die politischen Akteure ihre Wähler“, sagt IW-Experte Jochen Pimpertz. „Um als aktiv wahrgenommen zu werden, müssen Politiker etwas tun.“ Und das wird sich auch wohl im Jahr der Bundestagswahl nicht ändern.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%