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Steuerparadies Malta Das neue Panama

Alle reden über Malta, das neue schwarze Loch der EU – und ein Paradies für Steuerhinterzieher. Die WirtschaftsWoche schildert, mit welchen simplen Tricks dort auch deutsche Konzerne Millionen sparen.

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Hafeneinfahrt der maltesischen Hauptstadt Valletta Quelle: Laif

Marcis Vibergs ist ein hilfsbereiter Typ. Nur wenige Minuten nachdem das Anfrageformular auf der Seite seiner Kanzlei St. Publius ausgefüllt ist, meldet er sich per Telefon. Eine Firmenverlagerung nach Malta? Er könne das sehr empfehlen und auch schnell umsetzen, sagt Vibergs in osteuropäischem Akzent. Dafür müsse man zwar formell den Wohnsitz wechseln, aber das sei kein Problem. „Solange Ihre Firma einen Gewinn von bis zu 100.000 Euro im Jahr macht, schauen die deutschen Behörden nicht hin“, sagt er. Sollte die Firma größer werden, könne man einen Treuhänder einsetzen oder eine Holding-Lösung finden.

Wie schön Panama mal war, dass wussten Steuerflüchtlinge schon lange. Doch seit gut einem Jahr weiß es leider auch die Öffentlichkeit, als sicherer Hafen für unversteuertes Geld taugt das Land nicht mehr. Deswegen sucht man Alternativen. Und eine davon liegt dort, wo man sie in Zeiten des Datenaustausches und Zusammenarbeit zwischen befreundeten Finanzbehörden nicht vermutet: mitten in der Europäischen Union, in Malta. Wie ist das möglich?

Die maltesische Regierung, derzeit vor allem mit der Ausfüllung ihrer EU-Ratspräsidentschaft beschäftigt, wen wundert es, beschwichtigt. Am Dienstag nutzte der Finanzminister einen Besuch in Berlin, um zu versichern: Ja, wir haben attraktive Steuersätze. Und ja, das zieht Unternehmen an. Aber nein, kriminelle Konstruktionen dulden wir nicht. Manche Steuerbehörden, allen voran die aus Nordrhein-Westfalen, sehen das aber anders und behaupten, entsprechende Daten zu haben.

Außenminister Sigmar Gabriel war Ende April am Tatort. Da weihte er den neuen Sitz der Botschaft in Maltas Hauptstadt Valletta ein. Deutschlands Diplomaten arbeiten nun mit Blick auf die Yachten in der Marina – und in direkter Nachbarschaft zur Pilatus Bank. Die steht im Verdacht, der Gattin von Premier Joseph Muscat bei der Geldwäsche geholfen zu haben. Seit im Fernsehen zu sehen war, wie Gründer Sayed Ali Sadr Hasheminejad Koffer aus dem Gebäude trug, ist Whitehall Mansions für die Malteser zu einem Gebäude geworden, in dem dubiose Dinge passieren. Noch ist nicht erwiesen, dass Muscat Geld gewaschen hat. Aber täglich neue Details lassen den Eindruck entstehen, dass in dem Land dunkle Geschäfte möglich sind. Nachdem vergangenes Jahr zwei Vertraute von Premier Muscat in den Panama-Papers auftauchten, ohne dass ihr Fall untersucht wurde, ist klar, dass Europas kleinster Mitgliedstaat gravierende Probleme hat.

Die "schlimmsten Steueroasen" der Welt
British Virgin Islands Quelle: dpa
Mauritius Quelle: dpa Picture-Alliance
Barbados Quelle: REUTERS
Jersey Quelle: Marion Neuhau - Fotolia
Bahamas Quelle: worachatphoto.com copyrighted 2014 - Fotolia
Zypern Quelle: dpa
Hongkong Quelle: dpa

Für den 3. Juni hat Muscat Neuwahlen angesetzt, und allen Vorwürfen zum Trotz führt der Sozialdemokrat die Umfragen an. Denn in Malta florieren nicht nur die Steuerkanzleien, der gesamten Wirtschaft geht es gut. Fünf Prozent BIP-Wachstum bedeuten EU-Rekord. Doch das hat einen Grund: Der Anteil der Finanzbranche an der Beschäftigung ist in Malta doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Euro-Zone. 14 Milliarden Euro sollen anderen Staaten zwischen 2012 und 2015 entgangen sein, weil Unternehmen ihre Gewinne in Malta verrechnet haben. „Es ist wie in Luxemburg oder der Schweiz“, sagt der Grünen-Europaabgeordnete Sven Giegold. „Wenn das System von außen infrage gestellt wird, dann rücken alle zusammen.“

Paradiesische Steuersätze, lasche Aufsicht

Das System, das ist vor allem der aus Sicht vieler Konzerne und Privatleute paradiesische Steuersatz. Die Kanzlei St. Publius rechnet es anhand der Beispielkundin „Christine Müller“ vor. Der Auftrag: Die Steuerbelastung von deren GmbH zu senken. Das Beispielunternehmen macht 100.000 Euro Gewinn. In Deutschland blieben davon nach allen Steuern 50.522 Euro übrig. In Malta hingegen wird eine Körperschaftsteuer von 35 Prozent fällig, davon werden später aber 30.000 erstattet. Es bleiben: 95.000 Euro. Aus dem Steuersparmodell wird ein Hinterziehungsdelikt, wenn zwar die in Malta gezahlte Körperschaftsteuer, nicht aber die Erstattung in Deutschland gemeldet wird.

"In Luxemburg und Irland dürften sich gerade ein paar Leute sehr freuen"

Man könnte all das unter Steuerwettbewerb verbuchen, käme nicht eine zweite maltesische Spezialität hinzu: die lasche Finanzaufsicht. An der Spitze der Aufsichtsbehörde MFSA steht seit rund 20 Jahren dieselbe Person, Joseph Bannister, Professor für Biochemie. Premier Muscat hielt auch dann noch an ihm fest, als bekannt wurde, dass er Direktor von Investmentfonds auf den Cayman Islands war. Diese Posten hat er aufgegeben, ein Interessenkonflikt besteht weiter: Bannister ist Vizechairman von Finance Malta. „Auf der einen Seite holt er Finanzdienstleister ins Land, auf der anderen soll er sie überwachen“, kritisiert Arnold Cassola, Vorsitzender der maltesischen Grünen. So hatte die Skandalbank Pilatus ihre Lizenz von der Behörde innerhalb von drei Monaten bekommen, obwohl der Inhaber weder Bürger des Landes war noch irgendeine Erfahrung in der Branche vorweisen konnte.

Dass es in der Arbeit der dortigen Steuerbehörden noch viel Luft nach oben gibt, zeigt sich schon am Falle des Marcis Vibergs. Sein Arbeitgeber, die St. Publius Corporate Services Limited, ist auf der Insel schon länger bekannt. Im Oktober 2013 veröffentlichte die Aufsicht eine Warnung, St. Publius biete Finanzdienstleistungen ohne Lizenz an. Hinter der Firma steht der rheinische Unternehmer Peter Knappertsbusch, der es Anfang der 2000er-Jahre mit seinem Internetunternehmen Quickprinter zu lokalem Ruhm brachte. 2010 siedelte er persönlich nach London und mit seinem Druckunternehmen nach Malta über und erweiterte sein Portfolio um steuerliche Dienstleistungen. Die Warnung wiederholte die Behörde im vergangenen Jahr, den Geschäften des Herrn Kappertsbusch hat das bisher keinen Abbruch getan.

In Malta lassen sie trotzdem nichts auf ihren Finanzsektor kommen. „Wir haben keine Kohle, wir haben keinen Stahl, wir sind auf den Finanzsektor angewiesen“, sagt ein maltesischer Geschäftsmann beim Bier im Hafen von Sliema. Natürlich mache sich die Wirtschaft in Malta Sorgen über den Reputationsverlust: „In Luxemburg und Irland dürften sich gerade ein paar Leute sehr freuen.“

Von diesem gesellschaftlichen Konsens über den Wert der Finanzbranche profitieren nicht nur windige Privatleute, sondern auch große deutsche Unternehmen. Gleich eine Handvoll von ihnen leistet sich Büros im Mayfair Business Centre in Saint Julian. In den ersten drei Etagen lernen Teenager und Studenten Englisch, ihr Gelächter hallt über das mit Mamor verzierte Treppenhaus nach oben. Im vierten Stock hingegen ist es verdächtig ruhig dafür, dass hier laut Briefkasten die Finanz- und Investmentgesellschaften der Milliardenkonzerne Puma, K&S, Fresenius Medical Care und BASF ihren Sitz haben. An einem gewöhnlichen Montagmorgen öffnet niemand die Tür, auch sonst scheint hier selten etwas los zu sein: Der Postbote wird auf einem Schild am Briefkasten gebeten, Päckchen bei den Nachbarn im sechsten Stock abzugeben.

Bei den Optimierern von St. Publius hingegen scheint der Druck aus Deutschland etwas mehr zu bewirken als die Warnungen der maltesischen Aufsicht. An der Deutschlandniederlassung in Düsseldorf steht zwar noch der Name des Unternehmens, die Tür aber öffnet der Besitzer des benachbarten Modegeschäfts. Bis vor kurzer Zeit hätten hier zwei Damen für das Unternehmen gearbeitet. „Die sind dann aber ziemlich plötzlich verschwunden, seitdem habe ich da nie wieder jemanden gesehen.“

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