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Steuervermeidung Stiftungen und Vereine werden zu Steueroasen

Von Jahr zu Jahr steigt die Zahl der Stiftungen und Vereine. Nicht weil die Deutschen mildtätiger werden, sondern weil sie so Steuern sparen. Der Staat schaut weg.

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Steueroase Stiftung und Verein. Quelle: dpa Picture-Alliance

Wer die wohl elitärste Veranstaltung der deutschen Hauptstadt sucht, der muss in den Berliner Westen fahren. Immer die Bundesstraße 1 entlang, bis kurz vor die Stadtgrenze. Dann einmal nach links und gleich wieder rechts in den Golfweg, eine Privatstraße versteht sich. Nur Mitglieder des Golfclubs Wannsee dürfen hier passieren: Millionäre und Milliardäre, Exbundespräsidenten, „Tatort“-Kommissare und Wirtschaftsbosse. Aufgenommen wird nur, wer von mindestens zwei Mitgliedern persönlich empfohlen wird, sich mit Anschreiben und Lebenslauf bewirbt und dann vor dem Aufnahmeausschuss besteht.

2500 Euro beträgt die Jahresgebühr, dazu kommt alle zehn Jahre eine Investitionsumlage von 5100 Euro. Zusätzliche Spenden machen sich immer gut: Manche geben regelmäßig ein paar Hundert Euro gegen Quittung, Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn überwies mal 45.000 Euro am Stück. Sponsoren wie BMW, Hublot oder Total geben ebenfalls gerne Geld. Die wohl größte Unterstützung aber leistet der Staat. Denn offenbar frönen die Mitglieder des noblen Golfclubs nicht nur dem gepflegten Rasensport – sondern auch dem Wohle der Menschheit. So sehen sie es jedenfalls selbst und haben ihren Verein als gemeinnützig anerkennen lassen.

So war es bisher. Und so hätte es womöglich bleiben können, wenn nicht vor zwei Jahren den hauptstädtischen Steuereintreibern und Staatsanwälten Zweifel am wohltätigen Werk der Wannsee-Golfer gekommen wären. Sie ermitteln, unter anderem wegen des Verdachts, der Verein habe versteckte Aufnahmegebühren in Form von Spenden erwartet. So hätten die Mitglieder das Geld steuerlich absetzen können. 6,4 Millionen Euro, schrieb das Finanzamt an den Golfclub, habe man nachzuzahlen.

Steuersparende Stiftungen und Vereine

Bis heute bestreitet man am Wannsee die Vorwürfe und geht von einer Einstellung des Verfahrens aus. Alles andere könnte den Verein in existenzielle Nöte bringen – und dürfte eine bundesweite Debatte eröffnen über die Schattenseiten der boomenden Gemeinnützigkeit im Land.

Jede Woche werden hierzulande inzwischen elf neue Stiftungen gegründet und mehr als 1100 Vereine. Auch die Zahl der gemeinnützigen GmbHs und AGs steigt stetig: Gab es 2012 noch gut 614.000 mildtätige Körperschaften, waren es 2015 schon mehr als 670.000. Die Bruttowertschöpfung des Sektors kratzt laut dem Verband Zivilgesellschaft in Zahlen an der 100-Milliarden-Euro-Grenze. An sich ist das eine gute Sache: Gönner sind wichtige Pfeiler der Zivilgesellschaft. Sie überbringen eine kaum zu überschätzende Botschaft: dass es in einem Gemeinwesen um so viel mehr geht als ökonomischen Erfolg und optimale Ressourcennutzung.

Doch immer häufiger weicht die Mission dem Missbrauch. Denn egal, ob die Stiftungen und Vereine – wie viele – wirklich der Gemeinschaft dienen oder nicht doch eher dem Wohl ihrer Gründer: Sind sie einmal als gemeinnützig anerkannt, erfreuen sie sich großzügiger Steuervorteile. Umsatz-, Körperschaft- und Gewerbesteuer werden dann erlassen. Auch Mitgliedsbeiträge und Aufwendungen für Veranstaltungen können dann bei der Steuererklärung angegeben werden. Der aktuelle Subventionsbericht der Bundesregierung geht von 2,4 Milliarden Euro Steuermindereinnahmen allein für 2016 aus, die dadurch entstehen.

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Nur 230 der bundesweit 700.000 spendenabzugsberechtigten Einrichtungen lassen sich ihren guten Zweck vom dafür vorgesehenen Prüfinstitut DZI bescheinigen. Der Rest? Dunkelziffer. Einen „zunehmenden Missbrauch“ beklagt die Deutsche Steuer-Gewerkschaft und warnt vor den „Bauchschmerzen“, die viele Finanzbeamte bei der Genehmigung gemeinnütziger Körperschaften hätten.

Nach einer Stunde Vortrag zur transatlantischen Sicherheitspolitik wird Gerhard Schempp deutlich: „Solche parlamentarischen Abende sind auch dafür da, Zusammenhänge aufzuzeigen“, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik (DWT). „Deshalb möchte ich zwei Partner erwähnen, die uns dieses Treffen ermöglicht haben: Lockheed Martin und MBDA. Danke fürs Budget.“ Pause. „Ähh, fürs Buffet.“ Dann bittet der drahtig-große Mann, graues Haar und immer um Coolness bemüht, in den Raum Sylt des Golden Tulip Hotels in Berlin. Dort haben die Rüstungsfirmen aufgetischt: Rotwein und Bier, Currywurst, Bratkartoffeln, Hackbraten, Reis, Rollmops und Schmalzbrot. Man mag es deftig in der Wehrindustrie.

Politiker und Rüstungsfirmen

Geladen sind Parlamentarier ebenso wie Vertreter großer Rüstungsfirmen. Auch Rheinmetall oder Diehl Defence haben Vertreter geschickt, um den anwesenden Politikern ihr Leid über die jährlich schrumpfenden Rüstungsausgaben zu klagen. Natürlich sind auch die Panzerschmiede Krauss-Maffei Wegmann oder der Waffenproduzent Heckler & Koch bei der DWT engagiert. Sie alle treffen an diesem Abend auf offene Ohren, etwa bei den Gesandten des Auswärtigen Amtes, bei den Herren der Botschaften von Österreich oder Norwegen, auch bei Beamten des Wirtschafts- und Verteidigungsministeriums. Wie hatte Schempp doch vorhin noch gefordert, als er über den sinkenden deutschen Rüstungsetat sprach: „Die Mittel müssen bereitgestellt werden.“

Verabschiedet werden die Gäste mit der Einladung zum „Highlight des Jahres“, dem „Dialog mit Militärattachés“. „Veranstaltungskern“, heißt es in der Einladung, sei die Ausstellung. Dort können sich Rüstungsfirmen für 275 Euro pro Quadratmeter ihren Werbeplatz erkaufen, um mit den amtierenden und künftigen Diplomaten der Bundesregierung ins Gespräch zu kommen. Die Teilnahmequote der Attachés liege, so verspricht es die Broschüre, bei „100 %“. Die Unternehmen hoffen auf gute Kontakte und lukrative Aufträge. Lufthansa Technik etwa habe sich für dieses Jahr schon mal 4,5 Quadratmeter reserviert, Dynamit Nobel Defence und Airbus jeweils sechs. Einen der größten Stände habe Atlas Elektronik gebucht: 15 Quadratmeter Showroom.

„Zweck des Vereins ist die Förderung der Bildung in den Bereichen Wehrtechnik, Verteidigungswirtschaft, Bündnisfähigkeit und Sicherheitspolitik“, erklärt DWT-Geschäftsführer Wolfgang Döring, Generalmajor a. D. Seit 1957 wirke man auf diesen Feldern als neutrale Informations- und Dialogplattform und trage so zur Bildung auf diesen Gebieten bei. Deshalb erfülle die DWT „uneingeschränkt die Voraussetzungen für die Anerkennung der Gemeinnützigkeit“. Vertreter aller großen Unternehmen der Verteidigungsbranche sitzen in seinem Präsidium, dazu Politiker und Generäle. Mindestens 500 Euro Beitrag zahlen Unternehmen pro Jahr an die DWT. Alles absetzbar von der Steuer, versteht sich.

Die größten Steueroasen der Welt
Bei der Nichtregierungsorganisation Tax Justice Networks steht die Schweiz an erster Stelle der Steueroasen – trotz aller Abkommen zum Informationsaustausch. Grund für die Top-Platzierung ist für die NGO die nach wie vor hohe Geheimhaltung von Finanzdaten in der Alpenrepublik. Quelle: dpa
Hongkong steht wegen seiner Verschwiegenheit bei der NGO Tax Justice Networks auf Rang zwei der Schattenfinanzplätze. Auch hier spielt der britische Einfluss noch eine große Rolle, da HK über mehr als ein Jahrhundert eine Kronkolonie war, bevor es in den 90er Jahren wieder an China fiel, aber weiter getrennt verwaltet wird. Quelle: AP
Luxemburg hat sich seinen Wohlstand – das Pro-Kopf-Einkommen liegt doppelt so hoch wie in Deutschland – durch eine äußerst wohlwollende Besteuerung erarbeitet, bei dem die Finanzverwaltung in geheimen Vereinbarungen („tax rulings“) gern auch mal nur ein Prozent Steuern verlangt. Quelle: dpa
Der US-Bundesstaat Delaware profiliert sich durch extrem niedrige Unternehmenssteuern. Hunderttausende Firmen sind dort registriert, auch namhafte deutsche. Nicht nur das Steuerklima ist dort günstig; Firmen lassen sich binnen eines Tages gründen. Quelle: dpa
Karibikeilande wie die Cayman Inseln, die Britischen Jungferninseln und die Bermudas zählen zu den echten Paradiesen mit viel Sonne, Strand und keinen Steuern für Unternehmen, Werktätige und Privatiers. Quelle: dpa
Irland ist für Unternehmen ein interessantes Land. Allerdings ist der Klassiker, das Double Irish mit Dutch Sandwich, nicht mehr im Angebot. Statt dessen gibt es nun eine „Knowledge Box“, mit deren Hilfe Unternehmen nur 6,25 Prozent Steuern zahlen müssen. Quelle: dpa
Deutschland gilt ebenfalls für manche als Steueroase, vor allem für reiche Unternehmer, die vererben wollen. Dank großzügiger Verschonungsregeln können selbst Milliardäre steuerfrei übertragen, wenn sich das Vermögen in Unternehmen befindet. Das Bundesverfassungsgericht hat deshalb eine Reform angemahnt. Quelle: dpa

Ein nettes Netzwerk. Aber was genau hat die Allgemeinheit davon?

An einem sonnigen Mittag im März steht Peer Witten, ein schlaksiger Mann mit runden Gläsern auf der Nase, im Konferenzraum zwei der Hamburger Otto-Zentrale. Witten hat für den Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft zum „Lunch Break“ geladen. Er wartet noch auf ein paar Gäste und vertreibt den Anwesenden derweil die Zeit mit Reiseanekdoten. Gerade schwärmt er von der Mongolei.

Er ist dem Verein und Otto verbunden, saß bis 2005 im Vorstand des Versandhändlers. Da ist es ihm vorbehalten, die einleitenden Worte zu sprechen: „Wir als Osteuropaverein wollen bessere Chancen und bessere Möglichkeiten für die Unternehmen, die in Osteuropa tätig sind“, beginnt er. „Wir wollen Türen öffnen in der Politik für die Unternehmer.“ Dafür, referiert Witten, gebe es eine Vielzahl von Veranstaltungen: den Neujahrsempfang etwa, den Osteuropa-Wirtschaftstag, natürlich das Sommerfest in Berlin mit diplomatischem Corps. In der PowerPoint-Präsentation wird das „Unsere Dienstleistungen“ genannt.

Der OEV versteht sich als Interessenvertretung, schreibt aber in seiner Satzung: „Der Verein arbeitet auf unmittelbar und ausschließlich gemeinnütziger Grundlage im Sinne des Abschnitts ,Steuerbegünstigte Zwecke‘ der Abgabenordnung.“ Er verfolge „keine politischen Ziele“. Beim Hamburger „Lunch Break“ klingt das ganz anders. „Wir vertreten die Interessen unserer Mitglieder. Wir sitzen in sämtlichen bilateralen Regierungsarbeitsgruppen, die es gibt“, sagt Geschäftsführerin Ute Kochlowski-Kadjaia und verspricht: Als mitgliederstärkster Verein der deutschen Wirtschaft habe man Einfluss. Zur Gemeinnützigkeit des OEV sagt Kochlowski-Kadjaia nichts. Eine Antwort auf die Anfrage der WirtschaftsWoche bleibt aus.

Zweifelhafte Gemeinnützigkeit

Die Gemeinnützigkeit ist eine deutsche Erfindung. Staatsrechtler Ernst Forsthoff entwickelte den Begriff in den Dreißigerjahren quasi nebenbei. In einem Aufsatz beschäftigte sich der Jurist mit der Daseinsvorsorge. Er war der Meinung, dass wichtige Branchen wie die Energieversorgung nicht privaten Firmen überlassen werden, sondern der Allgemeinheit nützen sollten. Alles, was der Daseinsvorsorge diene, argumentierte Forsthoff, sei also gemeinnützig. „Die Ökonomen haben das aufgegriffen und gesagt: Gemeinnützig sind all jene Felder, bei denen der typische Marktprozess aus Angebot und Nachfrage nicht funktioniert“, sagt Hans-Peter Schwintowski, Wirtschaftsrechtler an der Berliner Humboldt-Universität. „Wenn also ein Gut deshalb nicht entsteht, weil es keine entsprechende Nachfrage und deshalb kein Angebot gibt. Grundlagenforschung zum Beispiel, Museen, Theater, vielleicht gar die Schulausbildung. Gemeinnützigkeit ist die Antwort auf Marktversagen.“

Heute wird diese Antwort vor allem im Steuerrecht gegeben, genauer: in der Abgabenordnung. In Paragraf 52 heißt es, eine Körperschaft sei gemeinnützig, wenn „ihre Tätigkeit darauf gerichtet ist, die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos zu fördern. Eine Förderung der Allgemeinheit ist nicht gegeben, wenn der Kreis der Personen, dem die Förderung zugutekommt, fest abgeschlossen ist.“

Ein exklusiver Golfclub kann demnach kaum gemeinnützig sein, ebenso wenig eine Lobbygruppe. Dass es doch so ist, liegt an einer 25 Punkte umfassenden Liste, die dem Paragrafen beigefügt ist. Sie regelt Bereiche, die generell als gemeinnützig gelten, die Förderung des Sports etwa, der Kunst oder der Kleingärtnerei. Aber auch Wissenschaft und Forschung zählen dazu, auch dann, wenn sie erkennbar im Dienste einer Sache stehen.

Diese Organisationen halten die Deutschen für besonders wichtig fürs Gemeinwohl

Lisa Paus, Bundestagsabgeordnete der Grünen und Steuerexpertin der Fraktion, findet, dass das alles nicht mehr zeitgemäß sei. Eine wesentliche Voraussetzung für die Gemeinnützigkeit sei doch die Selbstlosigkeit. Es gebe jedoch Stiftungen, die ganz augenscheinlich die Interessen ihrer Förderer den Interessen der Allgemeinheit voranstellen.

Das geht auch deswegen, weil das deutsche Gemeinnützigkeitsrecht nicht besonders streng ist. Genau genommen gibt es gar kein einheitliches Gemeinnützigkeitsrecht. Für die Vergabe des Status sind die örtlichen Finanzämter zuständig. Die Beamten vergeben den „Freistellungsbescheid“ meist für ein paar Jahre. Nach dieser Zeit muss die Körperschaft nachweisen, dass sie überwiegend gemeinnützig aktiv war. Dazu reicht es aus, dass der Großteil der Einnahmen mit gemeinnützigen Tätigkeiten erwirtschaftet wird.

Diese Unternehmen halten die Deutschen für besonders wichtig fürs Gemeinwohl

Generiert etwa eine Stiftung 51 Prozent ihrer Einnahmen aus Spenden, dürfte sie 49 Prozent ihres Budgets mit Dienstleistungen erzielen, die nicht gemeinnützig sind. Einige Finanzämter sind dabei gar noch großzügiger und verleihen den Status auch bei einem kleineren Anteil gemeinnütziger Tätigkeit. „Die Finanzbeamten brauchen klare und detaillierte Auslegungsrichtlinien – die haben sie momentan nicht“, sagt Steuerexpertin Paus. Ihre Fraktion fordert ein Gemeinnützigkeitsgesetz mit klaren Regeln und ein zentrales Register.

Wie nötig eine solche Reform wäre, zeigen einige Beispiele aus jüngster Zeit. Da ist etwa Attac. Jahrelang als gemeinnützig eingestuft, wurde der Nichtregierungsorganisation das Prädikat im Jahr 2014 vom Landgericht Frankfurt entzogen, weil sie den Steuerprüfern als politische Organisation galt. Seither kämpft Attac um den Status. Auch der BUND in Hamburg hatte Probleme mit der Steuerfreiheit, nachdem er 2010 und 2011 eine Kampagne zum Rückkauf der Stromnetze mit 20.000 Euro unterstützt hatte. Und selbst die Umweltschutzorganisation Greenpeace muss auf ihren Status achten, weil sie seit vergangenem Sommer bei der Flüchtlingsrettung in der Ägäis hilft – das aber nicht mit ihren satzungsgemäßen Zielen des Umweltschutzes vereinbar sein dürfte. Und nur dafür hat sie den Freistellungsbescheid des Finanzamtes ja bekommen.

Angst vor dem Verlust

Bundestag, Berlin, Saal 216. An einem Montag im Juni drängen sich fast 60 Vertreter von gemeinnützigen Körperschaften in den kleinen Raum. Der Bundesverband der Gartenfreunde hat ebenso einen Vertreter zum „Fachgespräch Gemeinnützigkeit“ geschickt, wie die Caritas oder Lobbycontrol. Bei belegten Brötchen und Kaffee wollen sie nun ihren Frust loswerden. Seitdem Attac die Gemeinnützigkeit entzogen wurde, geht die Angst in der Branche um. „In letzter Zeit wird schon strenger kontrolliert“, sagt eine Dame. „Da muss man aufpassen.“ Ein Herr von der Deutsche Liga für Menschenrechte sagt: „Wir sind aktuell gemeinnützig. Aber ob wir das in Zukunft auch noch sind? Ich habe da meine Zweifel.“

Der Unmut ist groß. Aber die Folgen sind ja auch beträchtlich. Wer seine Gemeinnützigkeit verliert, muss um die gesammelten Spenden bangen und Steuern nachträglich abführen. Für viele Körperschaften wäre das das Ende. Deshalb hat sich eine „Allianz für Rechtssicherheit“ zusammengefunden. Neben Attac sind darin etwa Brot für die Welt, Amnesty International, Foodwatch oder Terre des Hommes organisiert. Insgesamt über 70 gemeinnützige Organisationen. Sie alle fürchten um ihren Status. Auf ihrer Homepage schreiben sie: „Aufgrund der mehrdeutigen Rechtslage haben die Finanzämter einen großen Interpretationsspielraum.“ Deshalb setzt sich die Allianz für Rechtssicherheit für ein „modernes Gemeinnützigkeitsrecht“ ein.

Eine solche Reform müsste dann wohl auch ein Kernproblem beheben: die Intransparenz des Sektors. Jedes private Unternehmen unterliegt Publizitätspflichten. Stiftungen aber müssen ihre Bilanzen nicht offenlegen, Vereine ihre Versammlungsprotokolle nicht herausgeben. Es gibt bis heute keine Datenbank aller gemeinnützigen Körperschaften in Deutschland. Die letzte große Reform des Gemeinnützigkeitsrechts ist über zehn Jahre her. 2005 beschäftigte sich der Wissenschaftliche Beirat beim Bundesfinanzministerium mit dem Thema. Die Kommission unter Leitung des Dortmunder Volkswirts Wolfram Richter empfahl dem damaligen Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), die Gemeinnützigkeit stark einzuschränken. Stattdessen erweiterte Steinbrück sie.

Richter empfängt in seinem schmucklosen Büro an der Uni Dortmund. Er unterscheidet bei der Gemeinnützigkeit zwei Bereiche. Da gebe es auf der einen Seite den sogenannten „Non-Profit-Sektor“, also Firmen, die deshalb als gemeinnützig gelten, weil sie keine Gewinne erzielen wollen. Die Caritas zählt dazu, die Diakonie, aber auch das Rote Kreuz. „Hier ist eigentlich überhaupt keine steuerliche Privilegierung angezeigt“, sagt der Professor. „Die steuerlichen Privilegien sind unnötige Marktverzerrungen. Wenn jemand eine Dienstleistung erbringt, zum Beispiel Essen auf Rädern, dann muss er darauf auch Steuern zahlen.“

Der zweite Bereich der Gemeinnützigkeit betrifft diejenigen Branchen, in denen der Markt versagt. Volkswirte sprechen hier von einer „privaten Bereitstellung von Kollektivgütern“. Die Grundfrage sei, sagt Richter: „Wird der Staat durch die Tätigkeit einer gemeinnützigen Körperschaft von einer Pflichtaufgabe befreit? Wenn ja, dann darf man diese Körperschaften steuerlich begünstigen.“ Das aber, sagt Richter, werde inzwischen viel zu großzügig ausgelegt.

Tatsächlich gibt es einige Vorschläge, wie das Gemeinnützigkeitsrecht zu verbessern ist. Richter etwa orientiert sich bei seinen Empfehlungen an anderen europäischen Ländern: „Bei uns ist es so: Wenn man den überwiegenden Teil seiner Arbeit als gemeinnützig kennzeichnet, dann ist die ganze Körperschaft gemeinnützig“, sagt Richter. Besser wäre es doch, diejenigen Teile der Arbeit herauszupicken, die wirklich für alle vorteilhaft seien – die Jugendarbeit etwa –, und den Rest zu besteuern. Das, glaubt der Professor, würde nicht nur Milliarden bei der Steuer bringen, sondern sei auch effektiver. „Dass es bei uns anders ist, hat auch mit einer gewissen Naivität zu tun. Wenn jemand sagt: Er ist gemeinnützig, dann erstarren wir vor Ehrfurcht.“ Vor allem die Sportvereine sind ihm suspekt: „Nehmen Sie mal einen Golfclub. Wenn Menschen Golf spielen wollen, dann können sie das tun. Aber damit entlasten sie den Staat doch nicht von einer Pflichtaufgabe.“ Er beklagt: Sobald jemand sich das Label Gemeinnützigkeit verleihe, „denken wir sofort an den Bettelmönch, der am Rande der Existenz lebt. Aber das ist nicht der Fall.“

Gute Unternehmensführung

Nein, ein Bettelmönch ist Gunnar Geyer bestimmt nicht. Eher ein unscheinbarer Mann in dunklem Anzug, der sich als Geschäftsführer mehrerer Stiftungen verdingt. An einem regnerischen Frühjahrsmorgen sitzt er im Dunkin’ Donuts am Berliner Hauptbahnhof, nippt an seinem mittleren Kaffee mit Caramel-Sirup und berichtet von seiner Läuterung. Vor drei Jahren hat Geyer geholfen, den Club of Hamburg zu gründen, eine gemeinnützige Stiftung, finanziert von Thomas Straubhaar, Leiter des Hamburger Instituts für Weltwirtschaft, Professorin und Beraterin Annette Kleinfeld, Frank Breckwoldt, der mit seiner Friseurkette Ryf reich wurde, und Christian Cordes, dem Leiter der Unternehmenskommunikation beim Tabakfabrikanten Reemtsma.

Die illustre Runde wollte sich den Themen gute Unternehmensführung, Ethik, Kommunikation und dem Wandel der Arbeitswelt verschreiben und hoffte auf viele Hamburger Mäzene, die ihre Forschungen und Clubabende unterstützen. Mitglieder gibt es inzwischen 300, nur die großen Geldgeber blieben aus. Und so dachten sich die Stifter etwas anderes aus. Sie entwickelten den „Deutschen Ethik Index“ und kreierten „Beratungsprodukte“, die Unternehmen kaufen können, um sich für diesen Index zu qualifizieren.

Dass das eher das Geschäft einer Unternehmensberatung denn einer gemeinnützigen Stiftung ist, sahen auch viele der 300 Stiftungsmitglieder so. Deshalb steuert Geschäftsführer Geyer nun um: „Uns wird zusehends unterstellt, dass wir auf dem Weg der Kommerzialisierung sind. Diesem Vorurteil möchten wir rechtzeitig entgegenwirken und wollen deshalb ab 2017 zweigleisig fahren.“

Die Stiftung Club of Hamburg soll es auch dann weiterhin geben. Allerdings würde sie nur noch wissenschaftliche Forschung betreiben und zu Clubabenden einladen. Daneben, sagt Geyer, gebe es „eine GmbH, die Themen der Stiftung in Leistungsangebote umwandelt und interessierten Unternehmen und Organisationen anbietet. Diese Tochter wird dann eine 100-prozentige Beteiligung der Stiftung, alle Gewinne fließen der Stiftung zur Verwirklichung ihrer Ziele zu.“

Eine solche GmbH hat auch der Golfclub Wannsee. In sie fließen all die Gaben der Sponsoren, werden versteuert und subventionieren dann das gemeinnützige Golfspiel auf dem 54 Hektar großen 27-Loch-Platz.

Ein Wochentag, mittags um zwölf. Vom Wannsee geht ein kleines Lüftchen. Vor dem Clubhaus der dortigen Golfer stehen schwere Wagen: Maserati, Porsche, Jaguar. Am Wannsee hält man sich für erfolgreicher als andere Vereine, weil man die richtigen Mitglieder gefunden hat. Nicht ein Sponsor, heißt es aus dem Club, sei während der Steueraffäre abgesprungen. Auch kein Mitglied habe deswegen gekündigt. Und warum: weil die Partner die Jugendarbeit des Clubs so schätzten. Neben den 1100 ordentlichen Mitgliedern sind noch 400 unter 18-Jährige im Verein aktiv. 60 davon nehmen gar an einem speziellen Förderprogramm teil. Schon allein diese Jugendarbeit zeige doch, dass der Club gemeinnützig sei. So wie die meisten anderen Sportvereine in Deutschland auch. „Vielleicht muss ja jeder Verein mal durch eine Krise – auch wenn es für Wannsee die erste in 120 Jahren Geschichte ist“, heißt es aus der Führung.

In einem Schreiben an die WirtschaftsWoche betont der Anwalt des Clubs indes, dass die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen seien, in Kürze aber mit einer Entscheidung gerechnet werde – zugunsten des Clubs. Oder anders gesagt: Der Verein ist gemeinnützig – und wird das auch bleiben.

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