WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Streitfall des Tages Ein Coach muss tun, was ein Coach tun muss

Viele Führungskräfte lassen sich coachen, um im Beruf Erfolg zu haben. Das Problem: Jeder darf sich Coach nennen und viele Berater fordern viel Geld für heiße Luft. Wie sich Kunden gegen schwarze Schafe wehren.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres


Der Fall

Am Anfang war die Freude groß. Dann kam die Angst. So erfreulich die Beförderung zur Vertriebsleiterin auch war, sie flößte Maren Frey auch gehörigen Respekt ein. Würden die Kollegen, mit denen sie jahrelang zusammengearbeitet haben, sie als Chefin akzeptieren? Ihr Mentor war da sehr zuversichtlich. „Wir verpassen dir ein schickes Coaching, dann wird das schon.“

Die Umsetzung der Idee folgte schnell. Schon im folgenden Monat absolvierte Frey ein sündhaft teures Wochenend-Seminar – und machte sich eilends daran, das Gelernte in die Tat umzusetzen. Gerade die Lektionen zur „körperlichen Präsenz“ hatten es ihr angetan.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Statt sich – wie bisher – mit ihren Kollegen an einen Tisch zu setzen, hielt sie die Team-Meetings nun stehend ab. Das, so hatte ihr der Coach erklärt, untermauere ihre Führungsrolle und verschaffe ihr den nötigen Respekt. Das Problem war nur: Derartig exponiert fühlte Frey sich ausgesprochen unwohl, zumal ihr Team mit der neuen Aufstellung offenbar wenig anfangen konnte. Ebenso wie die frischgebackene Chefin verkrampften auch die Kollegen, redeten nur noch das nötigste und schienen froh, wenn die einst so fröhlichen Meetings endlich vorüber waren.

    Die Relevanz

    Auch wenn nicht jedes Coaching von Erfolg gekrönt ist – die Nachfrage steigt, und damit auch die Zahl derer, die auf diese Weise ihr Geld verdienen wollen. Laut Schätzungen des Deutschen Bundesverband Coaching werben derzeit zirka 35 000 Coaches darum, überforderte oder optimierungswillige Menschen beruflich und persönlich voranzubringen. Der Umsatz der Branche dürfte sich auf Hundert Millionen Euro pro Jahr belaufen. Tendenz: steigend.

    Der Experte

    Coaches können mitunter sehr hilfreich sein, wenn es darum geht, bestimmte berufliche oder persönliche Probleme zu lösen. Doch nicht überall, wo Coaching draufsteht, ist auch Coaching drin. „Vielfach wird der Begriff Coaching synonym mit dem Terminus ‚Training’ verwendet“, sagt Vivi Dimitriadou, Vorstandsvorsitzende beim Deutschen Verband für Coaching und Training.

    Die beiden Methoden seien aber sehr verschieden. Während es beim Training vor allem darum gehe, dem Klienten ein bestimmtes Wissen zu vermitteln – etwa zehn Tipps zum Zeitmanagement – verfolge das Coaching einen ganz anderen Ansatz. „Hier geht es nicht darum, Verhaltensregeln aufzustellen, sondern dem Coachee neue Perspektiven zu eröffnen, indem man zum Beispiel herauszufinden versucht, warum die Zeit im Büro nie reicht. Der zweite Schritt wäre es dann, das Ziel zu definieren und einen maßgeschneiderten Weg dorthin zu erarbeiten – auch wenn die von den ‚üblichen Methoden’ abweichen.“


    Zweifelhafte Anbieter

    Die Rechtslage

    Das vermeintliche Coaching von Maren Frey war demzufolge also schon einmal kein Coaching, sondern ein Training – und offenbar noch nicht einmal ein besonders gutes. Stellt sich die Frage: Wie können Interessenten einen ähnlichen Reinfall verhindern?

    Eine eindeutige Antwort auf diese Frage haben leider auch ausgewiesene Experten nicht parat. Denn die Branche ist nicht eben durch große Übersichtlichkeit geprägt. Hauptgrund für dieses Dilemma: Coach nennen kann sich erst einmal jeder, der das möchte. Eine verbindlich vorgeschriebene Qualifikation gibt es nicht.

    Entsprechend ideenreich (und mitunter haarsträubend) sind denn auch die Angebote, mit denen (selbsternannte) Coaches das Leben ihrer Klienten verbessern wollen: Ob „Energetisches Coaching zur Befreiung und Transformation“, Coaching durch Dream Guidance (als Traumführungen), Bachblüten-Coaching oder Coachings, die „ in altem Geheimwissen hawaiianischer Ureinwohner wurzeln und auf Erkenntnissen der Quantenphysik aufbauen“ – der Markt ist bunt und bedient nahezu jede Nische.

    Nun könnte man sich auf den Standpunkt stellen, dass es jedem selbst überlassen sein muss, auf welche Art und Weise er sein berufliches Weiterkommen oder seine persönliche Entwicklung forcieren will. Ausgehend von der Tatsache, ein Coach aber ein neutraler Partner sein soll, der seine Klienten vor allem zur Selbstreflexion anleitet, muten etliche Angebote zumindest befremdlich an – erst Recht, wenn die selbsternannten Gurus Tagessätze von 1000 Euro und mehr verlangen.

    Wer will, dass sein Coaching erfolgreich ist, sollte daher auf zwei Dinge Wert legen. Erstens: Er muss sich einen Coach mit einer fundierten Ausbildung suchen, der idealerweise noch auf das Thema spezialisiert ist (etwa Führungskräfte).

    Dazu empfiehlt es sich zum Beispiel, Referenzen zu verlangen, sich in einem kostenlosen Vorgespräch zu informieren, welche Methoden der Coach anwendet – und welche Ziele er verfolgt. Stimmen die Rahmenbedingungen, folgt Schritt zwei. Klient und Coach müssen herausfinden, ob die Chemie zwischen ihnen stimmt. „Selbst ein ausgewiesener Spezialist wird nur wenig ausrichten können, wenn er und der Coachee menschlich nicht miteinander können“, so Expertin Dimitriadou.

    Sind beide Voraussetzungen erfüllt, stehen die Chancen gut, dass ein Klient mit seinem Coach die gemeinsam erarbeiteten Ziele tatsächlich erreicht. Allerdings gilt auch: Wunder sollte niemand erwarten. „Coaching ändert nicht das Umfeld, sondern die Veränderung setzt beim Klienten selbst ein“, sagt Dimitriadou. „Lediglich dessen verändertes Verhalten kann auf sein Umfeld wirken. Wenn ich mit neuen Erkenntnissen in eine Diskussion gehe, also zum Beispiel gelernt habe, wie meine Gesprächsführung Einfluss auf das Gegenüber hat, kann das bewirken, dass Gespräche künftig besser laufen. Eine Garantie dafür gibt es allerdings nicht.“

    Das Fazit

    Die Zeiten, in denen es als ehrenrührig galt, sich bei beruflichen Problemen professioneller Hilfe zu bedienen, sind vorbei. Coachings sind salonfähig geworden. Die rege Nachfrage allerdings fördert auch den Wildwuchs in der kaum regulierten Branche. Wer sicher gehen will, dass er sich mit seinem Problem in kundige Hände begibt, kommt daher nicht umhin, einen gewissen Rechercheaufwand zu betreiben und womöglich den einen oder anderen Coach auszuprobieren, bevor der richtigen gefunden ist. Zudem macht ein Coaching nur Sinn, wenn der Klient den Willen hat, an sich selbst zu arbeiten. Denn die Mitmenschen, mit denen es Probleme gibt, werden sich durch die Arbeit mit dem Experten sicher nicht verändern.

    Nützliche Adressen

    Fachanwälte lassen sich über die „Anwaltsauskunft“ des Deutschen Anwaltsvereins finden. Dort sind insgesamt sind 68.000 Anwälte gelistet, die Mitglied im Verband sind. http://anwaltauskunft.de/anwaltsuche

    Alle Teile der Serie "Streitfall des Tages": www.handelsblatt.com/streitfall

    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%