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Streitfall des Tages Wenn Doktors Liebling das Geld ausgeht

Privatpatienten, die einen Teil ihrer Arztkosten selbst bezahlen, werden mit niedrigeren Versicherungsbeiträgen belohnt. Eigentlich eine gute Sache. Nur kann das vermeintliche Sparmodell schnell zur Kostenfalle werden.

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Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

Der Fall
Es gibt zwei Worte, die Jörgen Schäuer gerne und häufig gebraucht. Eigenverantwortung und Bevormundung. Erstere schätzt er sehr, letztere weniger. Folgerichtig hat sich der selbstständige Unternehmensberater frühzeitig aus der gesetzlichen Krankenversicherung verabschiedet und stattdessen einen Vertrag bei einer privaten Gesellschaft abgeschlossen.

Die Tatsache, dass der Gesundheitsschutz dort auch noch deutlich günstiger war, als im gesetzlichen System hat ihm die Entscheidung erleichtert. Knapp 100 Euro monatlich zahlte Schäuer kurz nach seinem Wechsel für seinen Gesundheitsschutz. Ein extrem niedriger Wert, den der Freelancer nur deshalb festzurren konnte, weil er versprach, Arztkosten bis zu 2.000 Euro jährlich aus eigener Tasche zu zahlen – ganz im Sinne der Eigenverantwortung.

Inzwischen allerdings – Schäuer ist älter geworden, die Arztbesuche häufen sich – zweifelt der Berater immer häufiger daran, ob seine Entscheidung von damals die richtige war. Denn die Zahlungen werden zunehmend zur Belastung. Nicht nur, dass die Beiträge mit schöner Regelmäßigkeit steigen – auch den Selbstbehalt hat Schäuers Gesellschaft inzwischen schmerzhaft nach oben geschraubt. Inzwischen zahlt der Berater pro Jahr fast 2800 Euro aus eigener Tasche. Tendenz: steigend.


Die Gegenseite
Während der Staat die gesetzlichen Krankenkassen alljährlich mit Milliardensummen unterstützt, müssen Privatversicherte ihre steigenden Gesundheitskosten ohne steuerfinanzierte Subventionen schultern. Zudem sind die Gesellschaften verpflichtet, kostendeckend zu kalkulieren.

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    Das heißt: Jahr für Jahr kalkulieren die Unternehmen jeden Tarif neu durch. Liegen die Ausgaben mehr als zehn Prozent über den Erwartungen, müssen die Beiträge angehoben werden. Das ist mit schöner Regelmäßigkeit der Fall. Da die Gesundheitskosten in der Privaten noch schneller steigen, als im gesetzlichen Lager, müssen etlichen Patienten alljährlich schmerzhafte Beitragserhöhungen verkraften.

    Die Relevanz

    Knapp neun Millionen Deutsche verfügen derzeit über eine private Kranken-Vollversicherung. Und es könnten noch mehr werden. Nach Angaben des Verbands der Privaten Krankenversicherung (PKV) kehrten allein im vergangenen Jahr über 76.000 Menschen den Kassen den Rücken, um ihren Gesundheitsschutz privat zu versichern.

    Ein Trend, der anhalten dürfte, nicht zuletzt, weil Allianz und Co. kräftig für ihr System trommeln und potenziellen Neukunden oft ausgesprochen kostengünstigen Angebote unterbreiten. Das Problem ist nur: die Halbwertszeit dieser preiswerten Einsteigertarife ist gering.

    Zwar können Gutverdiener, die in der Kasse den Höchstsatz bezahlen, in den ersten Jahren ihres Daseins als Privatpatient durchaus ein paar Tausend Euro sparen. Irgendwann allerdings ist die Schonfrist vorbei. Der Grund: Die Beiträge im privaten Lager steigen deutlich schneller als bei der gesetzlichen Konkurrenz. Fünf bis zehn Prozent Plus pro Jahr sind keine Seltenheit.


    Wann PKV-Versicherte in die Kostenfalle tappen

    Der Experte
    Eine beliebte Strategie, die Beitragsschübe der Privaten abzufedern, ist die Wahl eines Tarifs mit Selbstbehalt. Grundsätzlich ist das eine durchaus sinnvoller Ansatz, der zum Beispiel auch im Bereich der Autoversicherung weit verbreitet ist. Wer sich gegenüber seinem Versicherer bereit erklärt, einen Teil der anfallenden Kosten selbst zu schultern, muss im Gegenzug eine geringere monatliche Prämie entrichten.

    Allerdings sollten Privatpatienten, die mit einem solchen Modell liebäugeln, genau kalkulieren. „So sinnvoll die Eigenbeteiligung mitunter sein mag – gerade für Festangestellte wird sie schnell zum Bumerang“, warnt Jörg Deppner, Versicherungsberater aus Hilpoltstein. „Auch Selbstständige, die bei der Gestaltung ihres Versicherungsschutzes einen recht weiten Gestaltungsspielraum haben, sollten sehr genau kalkulieren, bevor sie sich bei Versicherer und Arzt zum Selbstzahler erklären.“

    Die Rechtslage
    Dass Festangestellte und Selbstständige bei der Tarifwahl unterschiedliche Maßstäbe anlegen müssen, hat einen einfachen Grund: Bei Arbeitnehmern übernimmt der Chef die Hälfte der regulären Krankenversicherungsbeiträge seiner Mitarbeiter. Den Selbstbehalt hingegen müssen Versicherte alleine finanzieren.

    Ist die Summe, die der Versicherte aus seinem privaten Budget bestreiten muss, zu hoch angesetzt, wird das vermeintliche Sparmodell schnell ein Verlustgeschäft. Versicherungsberater Deppner: „Für Angestellte empfiehlt es sich in der Regel, die Obergrenze für einen Selbstbehalt bei zirka 600 Euro pro Jahr zu setzen.“

    Bei Selbstständigen liegen die Dinge anders. Für sie kann es durchaus ratsam sein, etwas höhere Eigenleistungen zu vereinbaren, denn einen Arbeitgeber, der sich bei der Finanzierung ihres Gesundheitsschutzes unterstützt, gibt es in ihrem Falle nicht. Sie zahlen alles aus eigener Tasche – und profitieren daher auch in vollem Umfang von den Ersparnissen, die ihnen der Eigenbehalt bei der Monatsprämie beschert.

    Allzu weit sollten sich Freelancer aber dennoch nicht aus dem Fenster lehnen. Zwar sinkt der Beitrag mit einem besonders hohen Selbstbehalt stärker als mit einer vergleichsweise bescheidenen Eigenbeteiligung. Probleme macht diese Gestaltung aber spätestens, wenn sich das Risiko einer ernsthaften Erkrankung verwirklicht. Wer den vollen Eigenanteil über Jahre bezahlen und zugleich beruflich kürzertreten muss, macht über kurz oder lang Verluste. „Bei etwa 1000 Euro pro Jahr sollten deshalb auch bei Freischaffenden erst einmal Schluss sein“, so Deppner.


    Was privat Versicherte beachten sollten

    Dies gilt umso mehr, als der vereinbarte Selbstbehalt keineswegs eine fixe Größe ist. „Mitunter erhöhen die Gesellschaften die Eigenleistungen des Versicherten, ohne dass es dazu dessen Zustimmung bedürfte“, warnt der Experte. Wer sich für einen Tarif dieser Machart interessiert, sollte daher von vorneherein einen Puffer nach oben einplanen, um sich am Ende nicht zu überfordern.

    Bedenkenswert ist zudem: Viele Tarife enthalten neben dem ausdrücklich vereinbarten Selbstbehalt auch versteckte Eigenbeteiligungen. „Oft bekommen Versicherte die Kosten für Heil- und Hilfsmittel oder Zahnersatz nur zu einem gewissen Prozentsatz erstattet“, warnt Deppner. Den Differenzbetrag müssen sie aus eigenen Mitteln bestreiten – zusätzlich zur vertraglich vorgesehenen Eigenbeteiligung.

    Weiteres Problem: Eine Steigerung des Eigenanteils auf eigenes Betreiben hin ist in der Regel problemlos möglich. Die Senkung des Selbstbehalts hingegen gestaltet sich oft schwierig. Nicht selten stellen sich die Gesellschaften quer und verlangen von ihren Kunden eine erneute Gesundheitsprüfung. Wird die nicht bestanden, drohen Risikozuschläge oder Leistungskürzungen. Es empfiehlt sich daher, mit einer eher moderaten Eigenleistung einzusteigen und – so gewünscht - den Selbstbehalt schrittweise aufzustocken.

    Das Fazit

    Selbstbehaltstarife können durchaus helfen, die die turnusmäßigen Beitragssteigerungen in der privaten Krankenversicherung abzufedern. Wer jedoch nach der Methode „Viel hilft viel“ verfährt, geht ein erhebliches Risiko ein – insbesondere, wenn der Vertrag auch an anderer Stelle noch Eigenleistungen des Versicherten vorsieht.

    Im Fall einer ernsthaften Krankheit kann das zu einem massiven Problem führen. Zudem sollten Versicherte bedenken, dass sich die regulären Krankenversicherungsbeiträge ohne weiteres steuerlich geltend machen lassen, während dies bei Selbstbehalten nicht ohne weiteres möglich ist. Auch unter diesem Aspekt empfiehlt es sich, bei der Tarifgestaltung mit Augenmaß zu agieren.t

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