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Streitfall des Tages Wenn Wildtiere Städter belästigen

Bei Morgengrauen erklingt ein Krächzen aus Hunderten von Kehlen: Krähen rauben den Badenern den Schlaf. Anderswo bedrohen Waschbären, Füchse und Marder die Einwohner. Was Städter gegen tierische Störenfriede tun können.

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Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

Der Fall


Im baden-württembergischen Offenburg häufen sich die Klagen im Rathaus: Saatkrähen haben die 60.000-Einwohner-Stadt zwischen Karlsruhe und Freiburg für sich entdeckt. Zu Hunderten nisten die schwarzen Rabenvögel in Kolonien in den Kronen hoher Pappeln und Erlen.

Gerade im Frühjahr und Sommer, wenn die Tiere in der frühen Dämmerung lauthals krächzend den neuen Tag begrüßen, ist für Anwohner an Schlaf nicht mehr zu denken. „Eine erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität“, urteilt Boris Klatt von der Stadt Offenburg. Bei dem Leiter des Bürgerbüros flattern dann die Beschwerden ein.

Viel tun kann die Stadtverwaltung jedoch nicht: Denn die Tiere stehen unter Naturschutz, selbst Vergrämungsaktionen, um die Vögel zu verscheuchen, müssen genehmigt werden. „Die Hürden, selbst kleinste Maßnahmen zu ergreifen, sind sehr hoch“, urteilt Klatt. „Man darf im Prinzip gar nichts machen.“

Vor diesem Hintergrund hat sich Offenburg im November mit einer Resolution an den Bundestag gewandt und hofft, dass andere Städte folgen. Die Forderung: Das Bundesnaturschutzgesetz so zu ändern, dass „bestandsregulierende Maßnahmen“ – beispielsweise Eier aus Nestern zu entfernen – und das Jagen erlaubt sind, wenn Saatkrähen in Städten zum Störfaktor werden.

Die Gegenseite


Helmut Opitz, Vizepräsident des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu), kann sich noch gut an Zeiten erinnern, in denen Saatkrähen eine Seltenheit waren. Der Rabenvogel galt als bedrohte Tierart. „Wir haben uns immer gefreut, wenn wir mal einen gesehen haben.“ Erst in den vergangenen 20 Jahren haben Saatkrähen wieder Fuß gefasst. Und das vor allem in Städten entlang des Oberrheins.

Denn mittelgroße Kommunen bieten den Koloniebrütern ein vergleichsweise attraktives Umfeld: Dort gibt es Parkbäume zum Nisten, die offene Landschaft mit ihren Nahrungsquellen ist nicht weit und natürliche Feinde fehlen. Der städtische Müll ist für die Tiere ein gefundenes Fressen.

„Wir können froh sein, dass es überhaupt eine Saatkrähen-Population gibt und sich die Tiere in der Stadt ansiedeln“, sagt der Naturschützer, der angesichts des weltweiten Verlusts der Artenvielfalt an die Toleranz betroffener Anwohner appelliert: „Saatkrähen schaden niemandem, sie sind höchstens lästig.“ Lärm und Dreck sind für Helmut Opitz längst kein Grund, die Tiere zu vertreiben oder gar zu jagen. Außerdem bezweifelt der Nabu-Vizepräsident, ob das Krähen-Geschrei im Vergleich zu anderen städtischen Lärmquellen wie Motorräder oder Güterzüge wirklich so stört.

Vergrämungsaktionen greifen nach Einschätzung des Nabu-Vizepräsidenten übrigens sowieso nicht: Wer die Vögel nur vertreibt, muss damit rechnen, dass sie sich an anderer Stelle in der Stadt neu formieren. „Es bliebe als Alternative höchstens, die Horstbäume zu fällen oder die Population ganz auszurotten. Halbe Sachen gibt es da nicht.“


Wie Mitarbeiter gegen Tiere vorgehen können

Der Experte


Manfred Kaiser ist Umweltbeauftragter im benachbarten Lahr und hat seit Jahren Erfahrung mit Saatkrähen gesammelt: Denn neben den 44.000 Einwohnern leben rund 2000 Saatkrähen-Brutpaare in der Stadt, 4000 Tiere also. „Das macht ein Drittel des gesamten Bestands am südlichen Oberrhein aus“, sagt Kaiser. Die Vögel bevölkern dort vor allem Pappeln entlang der Bahnlinie.

Auch Lahr hat es schon mit Vergrämung probiert, Nester aus Bäumen entfernt. „Doch die Vögel bauen einfach neue Nester, das alles hat nicht nachhaltig gewirkt“, urteilt der Umweltwissenschaftler. Vor diesem Hintergrund hält er auch nichts von Forderungen, Städten per Gesetz mehr Möglichkeiten zur Vergrämung einzuräumen. „Es fehlt so oder so die richtige Methode.“

Lahr hat deswegen einen anderen Weg eingeschlagen: Ein Umsiedlungskonzept unter fachlicher Begleitung eines Ornithologen soll die Vögel in die Ecken der Stadt locken, an denen sie weniger stören. Das bedeutet konkret: Alles, was Krähen nervt (Flatterbänder, CDs in den Bäumen, Greifvogelgeschrei aus Lautsprechern), an Bäumen anzubringen, in deren Kronen die Vögel unerwünscht sind.

Im Gegenzug sollen positive Anreize die Tiere zum Umziehen bewegen: An geeigneten Standorten werden künstliche Nester und Nistmaterial bereitgestellt, in günstigen Stadtrandlagen werden Horstbäume für die Zukunft gepflanzt.

Im vergangenen Jahr ist der Saatkrähen-Bestand in Lahr weiter gestiegen, jedoch nicht im Umkreis der Lautsprecher-Bäume. Ein Erfolg, wenn auch nur ein erster: „Die Alternativstandorte haben die Vögel noch nicht angenommen“, bedauert Kaiser. „Doch solche Konzepte greifen nicht von heute auf morgen, wir bleiben weiter dran.“ Aus Beispielen aus den Niederlanden weiß er, dass es mit der Umsiedlung klappen kann.

Bei seinen Einwohnern wirbt Lahr mit Broschüren um mehr Verständnis und Sympathie für die schwarzgefiederten, geselligen und intelligenten Vögel, deren Image unter Hitchcock-Thrillern, Märchengeschichten und altem Aberglauben leidet. „Wirklich trösten können wir betroffene Anwohner nicht, aber trotzdem hat sich die Diskussion beruhigt“, ist Kaisers Eindruck. „Die Menschen sind einfach besser informiert.“

Die Relevanz


Vor allem Großstädte mit ihren Grünflächen, Brachen und Gärten werden mehr und mehr zum Refugium von Wildtieren. Das Paradebeispiel ist Berlin. Allein 53 Säugetiere und 180 Vogelarten finden dort offensichtlich ausreichend Quartier und ein auskömmliches Nahrungsangebot. Berlin zählt damit zu den artenreichsten Metropolen Europas. Laut des zuständigen Nabu-Landesverbands nimmt die Artenvielfalt in Städten dieser Region stärker zu als in der umliegenden Agrarlandschaft. Städter haben es also mit Wildschweinen, Mardern, Waschbären, Füchsen und Wildkaninchen zu tun.

In Städten der Rheinebene wie auch in Norddeutschland fühlen sich Saatkrähen wohl. Allein das badische Offenburg hat Kontakt zu 20 anderen Städten am Oberrhein, denen diese Rabenvögel ebenfalls zu schaffen machen. So musste die Fußballmannschaft des Sportvereins Istein im Landkreis Lörrach erst kürzlich ihr Heimspiel absagen, weil sich ein Krähenschwarm auf der Suche nach Würmern und Insektenlarven über den getrimmten Rasen hermachte. Quadratmetergroße kahle Stellen waren die Folge.

Nach Angaben des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV) verzeichnen Landwirte sowie Obst- und Gemüsebauern in der Rheinebene und am Bodensee immense Schäden. Denn die Saatkrähen, deren Bestände sich in den vergangenen Jahr sprunghaft vergrößert haben, fressen keimendes Getreide wie auch Beeren.

Das einzige Mittel der Landwirte: die Vögel am Feld mit amtlicher Genehmigung abzuschießen. Das zuständige Regierungspräsidiums Freiburg erteilte in den vergangenen Jahren immer mehr solcher Ausnahmegenehmigungen für Landwirte. Wurde vor fünf Jahren die Erlaubnis zum Abschuss in nur 120 Fällen erteilt – 656 Tiere wurden erlegt –, waren es im vergangenen Jahr 190 Ausnahmeentscheidungen mit 908 getöteten Krähen.


Wann der Tierschutz greift

Die Rechtsgrundlage


Grundsätzlich verbietet das Tierschutzgesetz, Wirbeltiere ohne vernünftigen Grund zu töten (§17). Das kann eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe zur Folge haben.

Füchse, Marder und Wildschweine und -kaninchen unterliegen als wildlebende Tiere dem Bundesjagdgesetz. Demnach dürfen sie nur auf land-, forst- oder fischereiwirtschaftlich nutzbaren Grundflächen gejagt werden. Insbesondere in "befriedeten Gebieten" wie Wohnsiedlungen, Grünanlagen, Friedhöfen oder Gärten ist das Jagen aus Sicherheitsgründen gesetzlich verboten. Nur in Ausnahmefällen dürfen Jäger mit amtlicher Genehmigung Tiere dort in ganz beschränktem Umfang fangen und erlegen.

Eigentümer haben auf ihren Grundstücken und in Gebäuden dagegen ein beschränktes Jagdausübungsrecht. In welchem Maß sie Marder, Kaninchen & Co. fangen und töten oder einen Jäger beauftragen dürfen, ist von Bundesland zu Bundesland jedoch verschieden geregelt, so Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdschutzverband. Dabei ist aber immer das Tierschutzgesetz zu beachten. Danach darf ein Wirbeltier nur töten, wer die dazu erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten hat (§ 4). Mitunter werden je nach Landesrecht dafür spezielle Sachkundenachweise verlangt.

Stellen Wildtiere eine akute Gefahr dar, ist die Polizei zuständig, die dann bei Bedarf Jäger oder Tierärzte hinzuziehen kann.

Vögel genießen nach der EG-Vogelschutzrichtlinie (Artikel 2) und dem Bundesnaturschutzgesetz (§44 BNatSchG) dagegen einen besonderen Schutz: Vor allem Saatkrähen stellen wegen ihres seltenen Vorkommens eine streng geschützte Vogelart dar. Nur in klar definierten Ausnahmefällen und mit Genehmigung der zuständigen Naturschutzbehörde ist es erlaubt, die Tiere zu vertreiben oder ihre Anzahl zu verringern (§45 Absatz 7 BNatSchG).

Das Fazit


Wildtiere erobern zunehmend die Städte. Ein hausgemachtes Problem, weil ihnen in ihrer alten Umgebung die nötigen Lebensgrundlagen abhanden kommen. In vielen Fällen können sich Mensch und Tier den Lebensraum Stadt jedoch problemlos teilen oder die Tiere lassen sich mit einfachen Tricks vergrämen. Tipps dazu geben die zuständigen Behörden oder Jäger vor Ort.

Im Fall der besonders geschützten Saatkrähen suchen Kommunen jedoch noch nach dem richtigen Rezept, wie sie Tiere dahin locken, wo ihr Krächzen weniger stört. Da bleibt betroffenen Anwohnern momentan nur, sich zu arrangieren – wie mit anderen innerstädtischen Geräuschen auch.

Nützliche Adressen

Wildtiere im Stadtgebiet: Infos der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt:http://www.stadtentwicklung.berlin.de/forsten/wildtiere/index.shtml

Adressen örtlicher Kreisverbände des Deutschen Jagdschutzverbands: http://www.jagdnetz.de/kreise

Fachanwälte lassen sich über die „Anwaltsauskunft“ des Deutschen Anwaltsvereins finden. Dort sind insgesamt sind 68.000 Anwälte gelistet, die Mitglied im Verband sind. http://anwaltauskunft.de/anwaltsuche

Alle Teile der Serie "Streitfall des Tages": www.handelsblatt.com/streitfall

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