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Streitfall des Tages Wie Abzocker Tippfehler im Internet ausnutzen

Ein Tippfehler reicht und Internetnutzer landen auf Seiten, wo sie gar nicht hinwollten. Abzocker nutzen das aus für Werbung oder kriminelle Machenschaften. Welche Seiten betroffen sind und wo Tippfehler teuer werden.

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Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

Der Fall

Die Internetadresse der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz lautet www.vz-rlp.de. Sich da zu vertippen ist fast programmiert. Schließlich ist die Buchstabenfolge „pl“ geläufiger als „lp“. Wer also aus Versehen www.vz-rpl.de eingibt, landet auf einer Website, die auf den ersten Blick eine Seite einer Verbraucherzentrale sein könnte. Mit Stichworten wie Verbraucherschutz Online, Baufinanzierung, Geldanlage, Rauchmelder und Mahnverfahren.

Erst beim zweiten Hinsehen zeigt sich: Das ist alles Werbung. Verbraucher, die eigentlich nach einer unabhängigen Beratung gesucht haben, landen unversehens bei Links von Banken, Versicherungen und anderen gewerblichen Anbietern. Das Motiv solcher Online-Trittbrettfahrer: Jeder Klick irritierter Kunden beschert ihnen Werbeeinnahmen.

Die Gegenseite

Der Betreiber der Website www.vz-rpl.de ist eine Firma mit Namen „Integral Assets Ltd.“, die laut dem Ländercode KN in Saint Kitts and Nevis, einer Inselgruppe in der Karibik, ansässig ist. Diese Firma unterhält jede Menge weiterer Nachahmer- und Tippfehler-Domains: www. nivea-baby.de beispielsweise oder studievz.de. Insgesamt hat das Unternehmen aus der Karibik derzeit 3203 weiterer Domains für sich gebucht, sagt das Domaintool www.domaintool.com.

Der Experte

„Immer wieder erleben wir es, dass Trittbrettfahrer den Namen der Verbraucherzentrale für ihre Zwecke missbrauchen“, sagt Christian Gollner, Rechtsexperte bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. „Der Höhepunkt ist bislang eine Internet-Seite, die das Layout der Seiten der Verbraucherzentralen fast vollständig identisch abbildet.“

Doch dagegen vorzugehen, hält Gollner für ein aussichtsloses Unterfangen: „Die Hintermänner solcher Seiten verstecken sich meist im Ausland und machen sich unerreichbar.“ Und selbst wenn es gelingen sollte, das Betreiben einer Seite zu untersagen, bringt das nach Gollners Einschätzung wenig: „Solche Unternehmen werden nach kurzem Namenswechsel wieder in derselben Sache aktiv.“


Wann Tippfehler gefährlich werden


Die Relevanz

Tippfehler-Domains werden auch gerne als Typosquatting bezeichnet. Squatter meint im Englischen Hausbesetzer. Aufs Internet übertragen sind Typosquatter also Domain-Besetzer. Dahinter verbergen sich meist unseriöse Website-Betreiber, die mithilfe von Tippfehler-Domains Kunden anderer Adressen ködern, um Werbung oder unerwünschte Inhalte wie Pornografie zu verbreiten.

Webadressen bekannter Firmen bringen es auf eine erstaunliche Anzahl registrierter Tippfehler-Domains. Bei Amazon sind es 50, bei Microsoft 80. Große Firmen mit gut besuchten Internetauftritten gehen deswegen dazu über, Fehler-Adressen mit hoher Vertipp-Wahrscheinlichkeit von vorneherein selbst zu besetzen, um Missbrauch zu vermeiden. In den meisten Fällen werden Surfer über Tippfehler-Domains „nur“ auf Werbeseiten ohne weitere Inhalte gelenkt. Es können aber auch Pornografie-Seiten sein.

Die Rechtsgrundlage

Ansatzpunkte, um gegen das Geschäftsmodell „Tippfehler-Domain“ vorzugehen, bieten das Marken-, Namens- und das Wettbewerbsrecht. In Betracht kommt unter Umständen auch, dass die Denic, die zentrale Registrierungsstelle für alle .de-Domains, in die Pflicht genommen wird. Das wir allerdings nach Angaben der Wettbewerbszentrale in Bad Homburg nicht von allen Gerichten so gesehen.

Markenrecht: Wenn die Webadresse die Bezeichnung einer eingetragenen Marke enthält, riskieren Nachahmer-Domains Abmahnungen oder einen Markenrechtsstreit den der Markeninhaber führen kann.
Namensrecht: Auch das Namensrecht bildet eine rechtliche Grundlage, um Online-Trittbrettfahrer abzuschütteln. Beim Namensrecht nach § 12 BGB gelten allerdings besondere Regeln, weshalb je nach Einzelfall entschieden werden muss.

Wettbewerbsrecht: Per Tippfehler-Domain Kunden eines anderen Unternehmens abzufangen, kann als Behinderungswettbewerb und damit als eine unlautere geschäftliche Handlung gewertet werden. Das regelt § 4 des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG): „Unlauter handelt insbesondere, wer Mitbewerber gezielt behindert“, heißt es dort unter Nummer 10. Unter Umständen riskieren Betreiber von Nachahmer-Domains also eine Abmahnung der Wettbewerbszentrale oder von Mitbewerbern und –falls sie darauf nicht reagieren – einen Gerichtsprozess.

Haftung der Denic: Es ist zwischen den einzelnen Gerichten in Deutschland umstritten, ob die Registrierungsstelle Denic, die alle .de-Adressen verwaltet, in die Pflicht genommen werden kann. Im vergangenen Jahr hat allerdings der Freistaat Bayern erfolgreich vor dem Bundesgerichtshof geklagt. Ein Unternehmen mit Sitz in Panama (!) hatte sich bei der Denic Adressen gesichert, die alle das Wort „Regierung“ und einen bayerischen Regierungsbezirk beinhalteten. Der Freistaat verlangte von der Registrierungsstelle, die Registrierung dieser unseriösen Domains aufzuheben.

Die Begründung: Die Denic hätte auf den Hinweis reagieren müssen, dass hier offenkundig eine Namensrechtsverletzung vorliegen muss. Schließlich hat eine Firma in Panama wenig mit einer staatlichen Stelle in Oberfranken zu tun. Der Freistaat Bayern bekam Recht, die Denic musste die Domains des Betreibers aus Panama löschen (BGH, Urteil v. 27.10.2011, Az. I ZR 131/10).

Das Fazit

Trittbrettfahrern im Internet ist nicht leicht beizukommen, aber es gibt rechtliche Ansatzpunkte. In jedem Fall sollten Website-Betreiber regelmäßig prüfen, ob es Nachahmer ihrer Adresse gibt, für was die Tippfehler-Domains genutzt werden und wer sich als Betreiber dahinter verbirgt. Denn Nachahmer-Domains können sich geschäftsschädigend auswirken.

Nützliche Adressen

Beschwerdestelle der Wettbewerbszentrale: Dorthin kann sich jeder wenden, um sich über einen Wettbewerbsverstoßes zu beschweren:

Fachanwälte lassen sich über die „Anwaltsauskunft“ des Deutschen Anwaltsvereins finden. Dort sind insgesamt sind 68.000 Anwälte gelistet, die Mitglied im Verband sind.

Alle Teile der Serie "Streitfall des Tages": www.handelsblatt.com/streitfall

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