WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Streitfall des Tages Wie Stromkonzerne die Kunden überrumpeln

Der Strommarkt ist heiß umkämpft. Energiekonzerne lassen ihre Tarife an der Haustür verticken. Und das, wie Verbraucherschützer beklagen, teilweise mit unseriösen Mitteln. Wie sich Kunden dagegen wappnen.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres


Der Fall

Am 29. März informierten die Stadtwerke Bochum ihre Kunden auf ihrer Website, dass das Landgericht das wettbewerbswidrige Verhalten von RWE-Vertriebsmitarbeiter bei Haustürgeschäften per einstweiliger Verfügung gestoppt hat.

Der Auslöser für den Antrag der Stadtwerke auf Unterlassung: Einen Monat zuvor waren RWE-Mitarbeiter in Bochum unterwegs. Die Masche: Sie behaupteten, als Vorlieferant der Stadtwerke den Strom zu günstigeren Konditionen anbieten zu können, weil der Aufschlag der Stadtwerke entfalle. Um die Kunden zu einem schnellen Vertragsabschluss zu überreden, gaben die Werber außerdem an, dass der Strompreis nur gesenkt würde, wenn man zu RWE wechselte.

Die Relevanz

Der Strommarkt ist hart umkämpft. Das bekommen Verbraucher inzwischen schon an der eigenen Tür zu spüren. Landauf landab warnen Stadtwerke vor Werbern, die von Haus zu Haus ziehen, um Kunden zum Anbieterwechsel zu bewegen. „Solche Kampagnen sind meist zeitlich und regional begrenzt“, sagt Jürgen Schröder, Energierechtsexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Doch es gibt sie immer wieder. Wie sich Vertreter bei Kunden Einlass verschaffen, ist dabei nicht immer seriös. Manche geben vor, von den örtlichen Stadtwerken oder der Verbraucherzentrale zu kommen. Oder behaupten, den Zähler ablesen zu wollen, um sich Zugang in die Wohnung zu verschaffen.

Im Extremfall müssen Kunden auch auf kriminelle Machenschaften gefasst sein, warnt Schröder: „Man unterschreibt einen Vertrag, unter dem noch ein zweites Blatt liegt, damit sich die Unterschrift durchdrückt.“

Die Gegenseite

Von RWE war zum Thema „Haustürgeschäfte“ keine Stellungnahme zu erhalten. Bei anderen Energielieferanten gehen die Meinungen über Sinn und Nutzen von Direktmarketing auseinander: Vor allem Stadtwerke, die Opfer unseriöser Abwerbe-Kampagnen geworden sind, stellen klar, dass Haustür-Aktionen für sie selbst nicht in Frage kommen.

Selbst der Energieriese E.ON geht auf Distanz und betont, dass „das Haustürgeschäft kein wesentlicher Bestandteil der bestehenden Vertriebskanäle von E.ON“ ist. Stattdessen setze das Unternehmen in der Regel auf den persönlichen Kontakt in Servicestützpunkten und Kundenbüros, auf persönliche Anschreiben sowie Angebote über das Internet.

Demgegenüber will die Energie Baden-Württemberg (EnBW) nicht grundsätzlich auf diesen Vertriebsweg verzichten: „Auf dem Energiemarkt ist die direkte Ansprache von Verbrauchern ein unverzichtbarer Vertriebskanal“, verteidigt Pressesprecher Hans-Jörg Groscurth das Direktmarketing großer Konzerne. “Manche Produkte – wie zum Beispiel intelligente Energiemanagement-Systeme – erschließen sich den Kunden sogar häufig erst im persönlichen Gespräch.“

Allerdings fühlt sich Groscurth für die EnBW sicher, dass die Mitarbeiter nicht zu unlauteren Mitteln greifen: „Die Seriosität des Beratungsgesprächs stellen wir bereits im Vorfeld durch mehrschichtige Trainings- und Schulungsmaßnahmen sicher. Stichprobenartig rufen wir die angesprochenen Kunden im Nachgang an und überprüfen so die Umsetzung vor Ort.“

Auch Vattenfall setzt auf Direktvrtrieb an der Haustür. „Gerade im direkten Gespräch lassen sich Fragen beispielsweise zu Vertragskonditionen, AGB etc. leichter klären“, so Pressesprecherin Sandra Kühberger. Seit Ende 2009 arbeitet das Unternehmen dabei mit Dienstleistern zusammen, die neben Vattenfall-Produkten auch Produkte anderer Energieversorger verkaufen. Um unseriöse Praktiken auszuschließen, hat Vattenfall mit den Dienstleistern eine Prozesskette zur Qualitätskontrolle installiert.

Nach Abschluss des Auftrages werde beim Kunden überprüft, ob er mit der Qualität der Beratung zufrieden ist, sagt Sandra Kühberger: „Falls es zur Nichteinhaltung unserer Qualitätskriterien kommen sollte, hat das Konsequenzen.“


Wie geprellte Kunden reagieren

Der Experte

Grundsätzlich sind Haustürgeschäfte nicht verboten. Doch Energierechtsexperte Jürgen Schröder von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen lehnt gerade bei Stromtarifen diese Form des Direktvertriebs ab: „Da wird auf einen Überrumpelungseffekt gesetzt. Solche Verträge sind viel zu komplex, um sie zwischen Tür und Angel zu unterschreiben.“

Hinzu kommt, dass in solchen Fällen oft nur eine begrenzte Auswahl an Tarifen angeboten wird. „Da ist keinerlei Preisvergleich möglich.“ Ganz davon abgesehen, dass sowieso kaum jemand seine aktuellen Strom- und Gaspreise aus dem Stand nennen kann.


Die Rechtsgrundlage

Schließen Verbraucher einen Vertrag an der Haustür ab, haben sie rechtlich kein Problem, diesen Schritt zurückzunehmen. Das Bürgerliche Gesetzbuch (§ 312 BGB) räumt bei Haustürgeschäften ein Widerrufsrecht von 14 Tagen ein.

Entscheidend ist dabei das Absendedatum des Widerrufs und nicht – wie manchmal behauptet – dessen Eingang beim Empfänger. Die sogenannte Widerrufsbelehrung muss außerdem korrekt auf die Möglichkeit eines Widerrufs hinweisen. Falls sie das nicht tut, können Kunden ihre Vertragserklärung auch noch nach Ablauf der zweiwöchigen Frist widerrufen.

Das Fazit
Generell ist bei Stromverträgen von Geschäften an der Haustür abzuraten, weil es auf Anhieb schwer ist zu überblicken, wie sich die Tarife zusammensetzen. Auch ein Anbietervergleich ist in dieser Situation unmöglich.

Sollten Sie sich dennoch zu einer Unterschrift hinreißen lassen, ist es rechtlich kein Problem, solche Verträge ohne Begründung innerhalb von 14 Tagen zu widerrufen – am besten per Einschreiben mit Rückschein.

Egal, wer klingelt: Sie sollten zuallererst fragen, in wessen Auftrag der Mitarbeiter unterwegs ist, und sich den Dienstausweis zeigen lassen, der üblicherweise mit Foto ausgestellt ist. Manche Stadtwerke raten sogar dazu, zusätzlich den Personalausweis zu verlangen – für den Fall, dass der Mitarbeiterausweis gefälscht ist.

Viele Unternehmen haben übrigens auch eine eigene Firmenkleidung – gerade für Mitarbeiter im Außendienst. Bei Zweifeln können Verbraucher auch bei dem jeweiligen Unternehmen anrufen und fragen, ob der Name des Mitarbeiters dort bekannt ist. Bei großen Energieversorgern ist für solche Fälle die kostenlose Kunden-Hotline zuständig.

Wer bei angeblichen Mitarbeitern von Stadtwerken, Energielieferanten oder Verbraucherzentralen den Eindruck hat, dass da etwas nicht stimmt, sollte das unbedingt den jeweiligen Unternehmen melden. Nur dann können Firmen reagieren und frühzeitig gegen unlautere Methoden vorgehen.

Nützliche Adressen

Infoblatt „Widerruf von Verbraucherverträgen“ der Verbraucherzentrale Sachsen: www.verbraucherzentrale-sachsen.de/mediabig/42002A.pdf
Muster für Widerrufserklärung (Worddatei zum Download): www.keine-haustuergeschaefte.de/assets/files/u/widerruf.doc

Verbraucherzentrale Bundesverband: www.vzbv.de

Alle Teile der Serie "Streitfall des Tages": www.handelsblatt.com/streitfall

Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%