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Tücken beim Nachlass Was Erben unbedingt wissen sollten

Erben ist risikolos? Weit gefehlt. Viele Erben erwarten einen gepflegten Geldsegen und wissen vorher kaum, was sie stattdessen tatsächlich erwartet. Anwalt und Autor Joerg Andres, der als Nachlasspfleger selbst auf der Suche nach unbekannten Erben ist, beantwortet die wichtigsten Fragen.

Quelle: Fotolia

WirtschaftsWoche: Herr Andres, was bedeutet es, wenn jemand im Testament als Erbe, Alleinerbe oder Vermächtnisnehmer eingesetzt wird?

Andres: Solche Bezeichnungen sind zunächst einmal nur ein Indiz. Wenn jemand im Testament, in einem Erbvertrag oder in einer ersten Benachrichtigung des Nachlassgerichts so bezeichnet wird, heißt das nicht unbedingt, dass er das auch zwangsläufig geworden ist. Es kommt gar nicht selten vor, dass in einem Testament gewählte Bezeichnungen wie „Erbe“ oder „Vermächtnisnehmer“ falsch verwendet werden. Beispiel: Wird jemand als Erbe bezeichnet, bekommt aber nur Gegenstände mit einem Bruchteil des Vermögens zugesprochen, wird er tatsächlich oft nur Vermächtnisnehmer.

Joerg Andres Quelle: Emil Zander

Was genau sind die Unterschiede?

Auf einen oder mehrere Erben geht prinzipiell der gesamte Nachlass des Verstorbenen über. Der Erbe übernimmt auch alle Verbindlichkeiten. Ausnahmen gibt es bei unvererblichen Vermögensrechten, etwa einem Nießbrauchsrecht. Ein Alleinerbe ist Erbe des gesamten Vermögens des Erblassers. Ein Vermächtnisnehmer hat auf Grund eines Testaments lediglich Anspruch auf die Herausgabe eines zugewendeten Gegenstands. Dieser Anspruch richtet sich dann gegen den Erben.

Deutsche haben keine Angst, Schulden zu erben
Die Deutschen machen sich keine oder wenig Sorgen darum, ob an ein Erbe Schulden gekoppelt sind: Nur 69 Prozent, die eine Erbschaft vergeben wollen, halten einen schuldenfreien Nachlass aktuell für "besonders wichtig", unter den potentiellen Erbnehmern sind es 63 Prozent. Laut der aktuellen Erbschaftsstudie der Postbank vererben auch nur 26 Prozent der Deutschen tatsächlich Schulden weiter. Ein Grund, die Erbschaft auszuschlagen, sind Schulden für die Deutschen jedoch nicht. Nur jeder 14. hat schon einmal eine Erbschaft abgelehnt - meist weil die Schulden den Wert des Nachlasses überstiegen. Auffällige Unterschiede gibt es nach Berufsgruppen: So lehnten 12 Prozent der Beamten Nachlässe ab, bei Angestellten waren es nur sieben Prozent und unter Selbständigen und Freiberuflern sogar nur vier Prozent. Dass die Deutschen auch Erbschaften mit Schulden nicht oder nur selten ablehnen, mag daran liegen, dass immer mehr Immobilien vererbt werden und viele eine laufende Hypothekenfinanzierung weniger dramatisch finden, als einen noch nicht abbezahlten Konsumentenkredit. Quelle: Fotolia
Zwei von drei aller ab 50-Jährigen in Deutschland (66 Prozent) planen aktuell die Vergabe eines Erbes. Unter denen ab 65 Jahren sind es sogar drei von vier (74 Prozent). Umgerechnet sind das also allein fast 13 Millionen der ab 65-Jährigen, die ihren Nachlass planen. Quelle: dpa
Die Deutschen lernen aus Fehlern bei bisherigen Erbschaften. Nur in jedem vierten Erbfall war bislang die Verteilung der Erbschaft mit allen Beteiligten und dem Erb-Geber abgesprochen (28 Prozent). Für Drei Viertel aller angehenden Erben ist das allerdings "ganz besonders oder ziemlich wichtig“. Quelle: dpa
Starker Wunsch nach Transparenz: Bei bisherigen Erbschaften waren mit dem Nachlass verbundene Kosten in nur vier von zehn Fällen (27 Prozent) für die Erben transparent. Künftigen Erben ist das aber zu 83 Prozent „ganz besonders“ oder „ziemlich wichtig“. Streit ums Erbe gab es bei bisherigen Erbfällen zu 15 Prozent, das entspricht jeder siebten Erbschaft. Das zu vermeiden, ist aber drei Vierteln aller angehenden Erben und sogar 82 Prozent der Erb-Geber „ganz besonders oder ziemlich wichtig“. Quelle: dpa
Immobilien-Erbschaften nehmen drastisch zu: Sie sind künftig in zwei von drei Erbschaften enthalten. Bislang waren lediglich in jeder zweiten Erbschaft eine oder mehrere Immobilien enthalten (53 Prozent). Dagegen planen heute 64 Prozent der Deutschen, die etwas vererben wollen, auch Immobilien zu übertragen. Quelle: dpa
Geerbte Eigenheime werden künftig fast nur halb so oft von den Erben selbst bezogen wie bislang. Bisher wurden vom Erbschaftsgeber zuvor selbst bewohnte Immobilien zu 47 Prozent auch von den Erben bezogen. Künftige Erben planen das aber nur noch zu 29 Prozent. Dagegen wurden geerbte Eigenheime bislang zu 37 Prozent verkauft. Dies planen aber nur noch 30 Prozent der angehenden Erben. Sie wollen zu 19 Prozent vermieten. Bislang waren das lediglich 14 Prozent der Erbschaftsfälle. Quelle: dpa
Frauen, die Erbschaften erwarten, sind sie weit stärker an „klaren Verhältnissen“ interessiert als Männer. Jeder zweiten angehenden Erbin ist es „ganz besonders wichtig“, dass die Verteilung des Erbes mit allen Beteiligten vor dem Erbfall abgesprochen wird. Unter männlichen angehenden Erben sagt das nur jeder dritte. Quelle: REUTERS

Wenn Erben auch Verbindlichkeiten übernehmen, gehen Sie ein großes Risiko ein. Wie können Sie dieses begrenzen?

Das ist in der Praxis ein großes Problem. Erblasser haben ihre zukünftigen Erben in aller Regel nicht umfassend über die im Nachlass befindlichen Chancen und Risiken informiert. Erben müssen sich also selbst den Überblick verschaffen, um Risiken erkennen zu können. Das ist oft aber nahezu unmöglich, weil sie keine Detailkenntnis von zum Beispiel Schulden des Erblassers haben und ohne Erbschein ohnehin keinen Zugang zu den zuletzt vom Erblasser genutzten Räumen und darin befindlichen Unterlagen bekommen. Trotzdem sollten sie versuchen, innerhalb der gesetzlichen Sechs-Wochen-Frist einen möglichst lückenlosen Überblick über den Nachlass und dessen Zusammensetzung zu bekommen.

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