Überschuldung Wie eine Rentnerin Haus und Hof verlor

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Flauder drohte sogar ein Haftbefehl


Doch die Richter entschieden durch alle Instanzen für die Sparkasse. Auch der Versuch ihres Rechtsanwalts, die Zwangsvollstreckung mit einem Schreiben an das Landgericht Bayreuth vom April 2017 zu stoppen, schlug fehl. Flauders letzte Hoffnung ist nun eine Beschwerde beim Bundesgerichtshof unter dem Aktenzeichen XI ZR 432/17. Und winzig ist die Wahrscheinlichkeit, dass das oberste deutsche Zivilgericht die Sache noch mal aufrollen lässt. Das ist nur bei Fällen möglich, die gesamtgesellschaftliche Relevanz besitzen oder bei denen die Behörden Fehler gemacht haben.

Darüber hinaus versucht Flauder mit handgeschriebenen Briefen immer wieder, die Beamten von ihrem Standpunkt zu überzeugen, wonach die Zwangsversteigerung gar nicht hätte stattfinden dürfen. Doch bei den zuständigen Gerichten höherer Instanz herrscht Anwaltszwang, sodass ihre selbst verfassten Schreiben dort nicht berücksichtigt werden können.

Einweisung aus Sorge um den Schuldner

Als besonders demütigend erlebt Flauder ihre vorübergehende Einweisung in die Nervenheilanstalt. Ärzte haben ihre bescheinigt, keine psychologischen Problem zu haben. Doch bei verzweifelten Schuldnern kommt eine behördlich angeordnete psychologische Betreuung hin und wieder vor. Steht eine Zwangsvollstreckung an, bei der das Eigenheim eines Schuldners unter gerichtlicher Aufsicht versteigert wird, damit die Gläubiger ihr Geld oder einen Teil davon wiederbekommen, drohen Schuldner zuweilen, die auf dem Spiel stehende Immobilie zu verwüsten oder gar sich selbst etwas anzutun.

Erfährt die zuständige Behörde davon, wird häufig sicherheitshalber eine psychologische Untersuchung angeordnet. Schließlich will kein Beamter die Gesundheit oder das Leben eines Schuldners auf dem Gewissen haben. Die Betroffenen sehen solche Einweisungen allerdings oft als einen Versuch der Obrigkeit, sie mundtot zu machen. Auch die Schuldnerin Flauder empfindet das so. Sie stellt ihr Schicksal in eine Reihe mit dem des Behördenopfers Gustl Mollath. Das ist übertrieben, schließlich konnte sie nach einem zweitägigen ärztlichen Check die Klinik wieder verlassen. Verstehen kann man aber, dass Schuldner sich nach einer solchen Untersuchung gedemütigt fühlen.

Solche Eskalationen sind kein Massenphänomen, aber Behördenmitarbeiter und Schuldnerberatungen, die täglich mit Zwangsversteigerungen zu tun haben, berichten immer wieder einmal von ähnlichen Vorfällen.

Deshalb will Flauder ihren Fall öffentlich machen. Die behördlichen Entscheidungen, von denen man annehmen muss, dass sie auf rechtsstaatlich korrektem Weg zustande kamen, haben zum Ende einer wirtschaftlichen Existenz geführt. Wegen offener Rechnungen drohte ein Gerichtsvollzieher sogar mit einem Haftbefehl.


Nun bricht wohl früher oder später jedes Wirtschaftssystem zusammen, wenn Schuldner nicht zurückzahlen und Gläubiger auf ihren Forderungen sitzen bleiben. Doch darf man sich durchaus fragen, welchen gesamtwirtschaftlichen Sinn es macht, wenn Banken sich ihr Geld durch Zwangsversteigerungen zurückholen und dadurch einen von Obdachlosigkeit bedrohten Sozialfall verursachen, für den am Ende Kommunen und Steuerzahler aufkommen müssen. Von ihrer Familie hat Flauder nach eigener Schilderung keine große Hilfe zu erwarten und mit einer ihrer beiden Töchter hat sie sich schwer verkracht.

Daher musste sie nach dem Verlust ihres Wohnhauses zunächst bei Bekannten unterschlüpfen, bis sie eine gerade noch bezahlbare Mietwohnung in der Nähe von Kulmbach fand. Die Miete von 400 Euro zahlt sie von ihrer 1000 Euro betragenden Witwenrente, zudem muss sie Kosten für den langjährigen Rechtsstreit abstottern. Zum Beleg ihrer desolaten Finanzlage faxt sie im Dezember 2017, kurz vor Weihnachten, einen aktuellen Kontoauszug. Ihr Guthaben beträgt nur 92 Cent.

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