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Urteil Flowtex-Skandal: Milliardenbetrüger bleibt frei

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Wo ist das Geld?

Bohrsysteme und Lastwagen der insolventen Ettlinger Flowtex nach ihrer Sicherstellung. Die Firma gaukelte Geschäftspartner die zehnfache Menge der tatsächlich existierenden Bohrgeräte vor Quelle: AP

Im Jahr 2000 wurden Schmider sowie drei weitere ehemalige Flowtex-Manager festgenommen. Mit zahlreichen Hausdurchsuchungen und mehr als 100 Ermittlungsverfahren rückte die Staatsanwaltschaft den Betrügern zu Leibe. Ende 2001 fiel dann das erste Urteil: Schmider und drei weitere Managerkollegen erhielten langjährige Haftstrafen. „Big Manni“, wie sie ihn einst nannten, erhielt elfeinhalb Jahre. 2003 erging dann das endgültige Urteil, Schmider und einer seiner Manager waren schließlich geständig. In der Folge musste sogar Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Walter Döring seinen Stuhl räumen, weil er vor dem Flowtex-Untersuchungsausschuss falsch ausgesagt hatte. Auch andere Politiker und Finanzbeamte gerieten in das Fadenkreuz der Ermittlungen.

Der größte Teil des ergaunerten Geldes blieb jedoch verloren. Insgesamt sollen sich Schmider und seine Komplizen um mehr als 600 Millionen D-Mark bereichert haben. Der Staatsanwalt schätzte seinerzeit, dass Schmider selbst davon 85 Millionen D-Mark eingestrichen haben. Andere Berichte schätzen hingegen, dass er 150 Millionen Euro angehäuft habe.

Die Schrecken der Anleger 2012
 Eine EU-Fahne weht am 09.04.2010 über der Akropolis in Athen. Quelle: dpa
Die Notenbanken gehen vorDie nächste Ungleichbehandlung liegt in der Bevorzugung der Notenbanken vor den Privatanlegern: „Weil sich die Notenbanken dem Schuldenschnitt  per Umcodierung ihrer griechischen Anleihen entziehen konnten, erhöhte sich auf der anderen Seite die Belastung für die verbliebenen Anleiheinhaber. Die mittlerweile eingereichten Schadensersatzklagen richten sich jedoch nicht nur gegen den griechischen Staat, sondern auch gegen die Depotbanken selbst. Führende Rechtsexperten vertreten hier die Auffassung, dass Finanzinstitute beim erzwungenen Umtausch ihre Pflichten als Verwahrer von Wertpapieren möglicherweise strafrechtlich verletzt hätten.“ Quelle: dpa
Der Libor-SkandalDer in der breiten Öffentlichkeit Aufsehen aufsehenerregendste Fall von Anlegertäuschung im abgelaufenen Börsenjahr war die aufgeflogene Manipulation des Zinssatzes Libor, zu dem sich die Banken in allen wichtigen Währungen untereinander kurzfristig Geld leihen. Geprellt wurden Kreditnehmer, die entweder zu hohe Zinsen zahlen mussten oder weniger Zinsen auf ihre Einlagen erhielten. Dass der täglich neu festgelegte Libor von einem Kartell an Banken und Zinshändlern im Zeitraum 2005 und 2009 regelmäßig manipuliert werden konnte, ohne dass jemand einschritt, ist ein Skandal. Erst in diesem Jahr wurde die als treibende Kraft identifizierte Barclays Bank zu einer Geldstrafe von umgerechnet 370 Mio. Euro verklagt. Quelle: REUTERS
Geldwäsche bei der HSBC?Neben dem Libor-Skandal trugen weitere Großbanken zum fortschreitenden Imageverlust der Finanzbranche bei. So rechnet HSBC wegen systematischer Geldwäsche für mexikanische Drogenbarone und mögliche Terrorhelfer in Saudi-Arabien mit einer Strafzahlung von mehr als 1,5 Mrd. US-Dollar. Quelle: dpa
A man walks into the JP Morgan headquarters at Canary Wharf in London Quelle: REUTERS
Der Fall EnBW - Landesregierung muss zahlenHierzulande lieferte der kostspielige Rückkauf von 45 Prozent der Anteile des Versorgers EnBW durch die ehemalige Regierung von Baden-Württemberg ein Musterbeispiel für die Verflechtung von Banken und Politik. Dabei wird gegen den ehemaligen Regierungschef von Baden-Württemberg Stefan Mappus wegen des Verdachts der Untreue ermittelt. Ihm wird vorgeworfen,  gegenüber dem mit ihm befreundeten Deutschland-Chef der Investmentbank Morgan Stanley in einen zu hohen Kaufpreis an den französischen Stromkonzern EdF eingewilligt zu haben, ohne dass ein Wertgutachten angefertigt wurde. Die finanziellen Kosten für die neue Landesregierung in Stuttgart sind beträchtlich. So versucht sie in einem langwierigen Schiedsgerichtsverfahren, von EdF eine Teilerstattung des Kaufpreises zu erstreiten. Darüber hinaus muss sie zusätzliche Zinszahlungen in ihrem Haushaltsbudget einplanen, weil der Kaufpreis für die EnBW-Anteile über eine neue Anleihe finanziert wurde. Dabei sollten die anfallenden Zinsen dauerhaft durch die EnBW-Dividenden getragen werden - was nach der Dividendenkürzung infolge des Gewinneinbruchs von 2011 jedoch nicht mehr möglich ist. Quelle: dpa
Geldvernichtung mit Solar-AktienDer Preisverfall in der Solarindustrie hat mittlerweile zahlreiche deutsche Unternehmen in die Insolvenz getrieben. Dabei benachteiligen die für die Sanierung eingeleiteten Kapitalmaßnahmen häufig die Alteigentümer.  So hat das frühere TecDax-Mitglied Conergy Bankkredite durch einen Kapitalschnitt in neues Eigenkapital umgewandelt und die Alteigentümer damit praktisch enteignet. Der zurzeit mit Abstand spektakulärste Fall ist die Insolvenz der Solar Millennium aus Erlangen, die sich mit Großprojekten in der Solarthermie finanziell verhoben hatte. Die Aktionäre der Gesellschaften werden vermutlich leer ausgehen. Die  Inhaber von fünf noch ausstehen Anleihen im Volumen von 220 Mio. Euro, die weiterhin auf die Ausschüttung der Insolvenzquote warten, werden ebenfalls massive Verluste ihres Investments hinnehmen müssen. Quelle: dapd

Selbst 13 Jahre nach der Pleite von FlowTex laufen die Insolvenzverfahren weiter. Gläubiger fordern von Flowtex noch immer rund 1,2 Milliarden Euro, von Manfred Schmider selbst noch einmal 1,3 Milliarden Euro. Bislang haben sie von beiden Seiten nur jeweils um die 35 Millionen Euro zurückerhalten. Am Ende wird der zuständigen Insolvenzverwaltung zufolge wohl nicht mehr als ein niedriger zweistelliger Prozentsatz der Forderungen tatsächlich bedient werden.

Wegen guter Führung wurde Schmider bereits 2007 auf Bewährung vorzeitig entlassen, nachdem er zwei Drittel seiner Strafe abgesessen hatte. Seine Reststrafe aus der Flowtex-Verurteilung wurde ihm 2010 erlassen. Heute lebt der offiziell arbeitslose Schmider auf Mallorca weiter von dem Geld seiner Familie und auf den Anwesen seiner Ex-Frau. Woher Reichtum seiner Ex-Frau stammt, darf man nur erahnen.

Kriminelle Energie

Der 63-jährige Schmider bedauerte vor Gericht sein jüngstes Vergehen. Er habe einen großen Fehler begangen, sagte er. Er habe seiner Frau eine Freude machen wollen. "Wir hatten damals ein angespanntes Verhältnis, und ich hatte Angst, sie zu verlieren", so Schmider vor Gericht.

Aus dem Gefängnis heraus hatte Schmider nach eigener Aussage dafür gesorgt, dass die vier Chagall-Gemälde und der Geländewagen von Speyer und Karlsruhe aus in die Schweiz zu seiner Frau gebracht wurden. Über einen Mitgefangenen hätte er Männer organisiert, die den Transport übernahmen. Später konnten die Behörden die Gemälde und das Auto sicherstellen.

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