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TCI und Atticus Hedgefonds lassen Deutsche Börse in Ruhe

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Neue Wettbewerber erobern Marktanteile

Zinsen-/Gewinn-Ratio Clearstream

„Langfristig muss die Deutsche Börse weiter an den Kosten arbeiten. Da erwarten wir weitere Einsparpotenziale über alle Bereiche“, sagt auch Fondsmanager Brugger. Die Börse müsse überprüfen, ob sie mit ihrer Kostenbasis durch die Krise komme, stimmt DWS-Fondsmanager Gebhardt zu: „Wenn man feststellt, dass die Handelsaktivität langfristig eingeschränkt ist, muss man sich eine neue Antwort einfallen lassen.“ Er erwartet wie in vorigen Krisen eine Phase mit schwachen Umsätzen, „weil nach einer Kurskorrektur der Handel austrocknet“.

Zusätzliche Probleme schaffen neue Konkurrenten im Aktienhandel, der etwa 15 Prozent der Konzernerlöse bringt: Die alternative Handelsplattform Chi-X wickelte Ende Februar bereits elf Prozent des Handels mit Dax-Aktien ab; die Alternativ-Börse Turquoise, die erst im September 2008 eröffnete, kam im vergangenen Monat beim Handel in Dax-Werten bereits auf sieben Prozent Marktanteil.

Geschäft mit Alternativplattformen

Mit Niedrigpreisen binden die alternativen Handelsplattformen zunehmend Kunden an sich. Hinter den Alternativ-Börsen stehen Gruppen von Investmentbanken. Francioni, der die Bedeutung der alternativen Systeme gern herunterredet, sie gar als „Parasiten“ schilt, weil sie von den Kursdaten der etablierten Börsen lebten, plant den Gegenschlag – indem er die neue Konkurrenz in sein Geschäftsmodell einbaut, und das auch durch Übernahmen. Der Börsen-Chef und sein für das Aktiengeschäft zuständiger Vorstandskollege Frank Gerstenschläger sind offenbar entschlossen, in das Agency-Broker-Geschäft einzusteigen. Die Deutsche Börse würde so zum neutralen Vermittler von Kauf- und Verkaufsaufträgen an andere Handelsplattformen – und müsste künftig Kundenaufträge an die sogenannten Parasiten wie Chi-X und Turquoise weiterleiten, wenn die bessere Preise bieten als das eigene Xetra-System.

Durch einen eigenen Agency Broker würde Francioni sein Geschäft ausweiten, ein weiteres Stück der Wertschöpfungskette erobern und näher an die Kunden heranrücken – auf Kosten der Banken, die bisher meist für den Kunden entscheiden, wo eine Order ausgeführt wird.

Francionis Strategieschwenk ist gewagt. Indem er Stammkunden Zugang zu Chi-X und Turquoise bietet, lockt er sie erst zur Konkurrenz – an deren Handelssysteme viele deutsche Investoren noch gar nicht angebunden sind. „Gerade in Deutschland brauchen wir besseren Zugang für kleinere Investoren zu Alternativ-Plattformen“, sagt Hirander Misra, Chief Operating Officer von Chi-X Europa. Sollte ausgerechnet Francioni den Alternativ-Börsen den deutschen Markt erschließen?

Gespräche vorerst auf Eis

Derivate-Handel im Dax zwischen 1998 und 2009

Besser nicht, warnt Fondsmanager Brugger. „Es wäre negativ, wenn die Börse in das Agency-Broker-Geschäft einsteigt“, sagt er. Der Wettbewerbsvorteil von Xetra sei die große Liquidität, so Brugger: „Wenn man den Aufbau von Liquidität auf Konkurrenzplattformen fördert, ist das schlecht.“ Stattdessen fordert er von der Börse, Kunden mit Rabatten zu halten.

Bereits verhandelt hat die Deutsche Börse im vergangenen Jahr mit dem börsennotierten skandinavischen Agency Broker Neonet. „Wir waren uns in allen strategischen Fragen einig“, sagt ein Börsen-Insider. Der Konzern soll im Sommer 150 Millionen Euro für Neonet geboten haben – doch dessen Börsenwert fiel aufgrund der Finanzkrise auf zuletzt nur 70 Millionen Euro. „Wenn Sie ein gutes Unternehmen haben, dann können Sie zu den aktuellen Bewertungen gar nicht verkaufen. Auch wenn wir zu diesem Niveau gern kaufen würden“, so der Insider. Als die Gespräche Anfang 2009 bekannt wurden, legten die Partner sie auf Eis. Vorerst. „Wir haben gesagt, wir lassen das erst mal, beobachten uns und warten das erste Quartal ab“, sagt der Insider. Mit Neonet oder einem anderen Kauf könnte die Deutsche Börse Zulieferer der „Parasiten“ werden. Zunächst müssen die aber noch beweisen, dass sie mit ihren Niedrig-Gebühren Geld verdienen können. Chi-X verlor gerade seinen Gründungschef Peter Randall – angeblich, weil der „mehr Zeit mit seiner Familie verbringen“ will. Dazu kursieren Gerüchte, dass die Investmentbank Nomura als Haupteignerin langsam die Geduld mit Chi-X verliert.

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