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Tommaso Padoa-Schioppa im Interview "Zerstörerische Freiheit"

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Europa tut sich auch sehr schwer mit einer gemeinsamen Bankenaufsicht.

Es ist eine Katastrophe: Die 15 größten Finanzkonzerne der Euro-Zone machen zwar mehr als die Hälfte des Marktes aus, aber es gibt keine Instanz, die einen Überblick über diese 15 Institute hat. Das Zusammenspiel dieser Konzerne bleibt für die Aufsichtsbehörden unsichtbar. Jeder sieht nur einen kleinen Ausschnitt und kann gar keine sinnvollen Schlüsse ziehen, weil ihm das Gesamtbild fehlt.

Die Diagnose steht. Warum ändert sich nichts?

Der Missstand könnte mit einer einheitlichen Aufsicht leicht behoben werden, aber die nationalen Aufsichtsbehörden wehren sich erbittert gegen jede Veränderung. Die politisch Verantwortlichen können die Widerstände der Bürokraten offensichtlich nicht durchbrechen, obwohl sie die Unterstützung der großen Banken haben.

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    Woran liegt das?

    Ich war selbst Minister und Beamter, ich kenne die Mechanismen. Der Beamte, der den Minister berät, wird lieber den Status quo verteidigen. Was wir jetzt brauchen, ist politische Führungsstärke, wie sie seinerzeit bei der Einführung des Euro herrschte.

    Sehen Sie denn irgendwo in Europa die notwendige Führungsstärke?

    Der entscheidende Einfluss könnte von Deutschland ausgehen. Bis jetzt haben sich die Deutschen nicht so stark für eine integrierte Aufsicht eingesetzt, wie es wünschenswert wäre. Mich erstaunt das sehr. Die Deutschen haben die D-Mark aufgegeben, sie scheinen aber nicht bereit zu sein, einen Teil der Kompetenzen der Aufsichtsbehörde BaFin aufzugeben. Dabei ist das eine vergleichsweise kleine Veränderung

    Die Briten fordern eine weltweite Bankenaufsicht. Wäre das sinnvoll?

    Natürlich ist das erstrebenswert. Aber der Fortschritt wird im Zweifel noch langsamer sein als in Europa, wo immerhin ein institutioneller Rahmen für die Zusammenarbeit besteht.

    Die EU-Kommission will Ratingagenturen künftig stärker an die Leine nehmen. Ist das richtig?

    Ratingagenturen waren einer der Schwachpunkte des Systems. Sie sollten Regeln und einer gewissen Aufsicht unterliegen. Interessenkonflikte, die entstehen, weil die Agenturen von den Emittenten bezahlt werden, sollten gelöst werden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie sich sehr prozyklisch verhalten. Sie sind optimistisch, wenn alle optimistisch sind. Sie bleiben dagegen viel zu lange pessimistisch, wenn sich die Lage schon wieder zum Besseren wendet. Weil Ratingagenturen de facto globale Spieler sind, sollten Regierungen und Regulierer sich weltweit darüber verständigen, wie künftig mit ihnen umzugehen ist.

    Braucht Europa eine eigene Ratingagentur?

    Ich fände es gut, wenn es eine oder besser noch zwei europäische Ratingagenturen gäbe. Aber es ist schwer, Anreize zu schaffen, damit sie entstehen.

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