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Tommaso Padoa-Schioppa im Interview "Zerstörerische Freiheit"

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Die EU-Kommission plant außerdem ein zentrales Abwicklungshaus für Derivate, mit denen sich Marktteilnehmer gegen Kreditausfälle absichern. Eine gute Idee?

Es ist grundsätzlich wünschenswert, dass der außerbörsliche Handel transparenter wird und wir auch bei Abwicklungen von Geschäften noch mehr Anbieter bekommen.

Warum hat die Kommission so lange gezögert, Vorschläge für mehr Regulierung im Finanzsektor vorzulegen?

Deregulierung um jeden Preis war die weltweit vorherrschende Ideologie. Auch die Verantwortlichen in Brüssel konnten sich nicht vor intellektueller Ansteckung schützen. Dabei agierten sie durchaus mit den besten Absichten. Aus heutiger Sicht wissen wir allerdings, dass die exzessive Deregulierung ein Fehler war. Jetzt besteht die Gefahr, dass wir in das andere Extrem verfallen. Weil so lange ein komplett unrealistisches und illusionäres Konzept des Marktes dominierte, könnten alle Gegner des Marktes übermäßigen Einfluss gewinnen.Der Weltfinanzgipfel am Samstag war der Auftakt zu einer Debatte über eine neue Finanzarchitektur.

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    Werden wir eine ausgewogenere Diskussion erleben?

    Wenn jetzt über eine neue weltweite Finanzarchitektur debattiert wird, besteht zunächst einmal die Gefahr, dass zu hohe Erwartungen geweckt werden. Vor allem wenn so getan wird, als ob ein kompletter Umbau schnell erreicht werden könnte. Gleichzeitig glaube ich schon, dass fundamentale Änderungen notwendig sind. Wir müssen beispielsweise darüber nachdenken, wie die neue monetäre Weltordnung aussieht – und nicht nur die Finanzarchitektur erörtern.

    Was meinen Sie mit „neue monetäre Weltordnung“?

    Dazu möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt nichts sagen.

    Was muss zum Auftakt der geplanten Serie von Finanzgipfeln beschlossen werden?

    Es gibt nicht die eine Maßnahme, die Wunder auslösen könnte. Die Nerven liegen immer noch blank. Das Wichtigste ist jetzt, Vertrauen wieder herzustellen. Die Menschen sollten wieder für sich denken, statt sich das Denken von der Masse abnehmen zu lassen.

    Wie kann Vertrauen hergestellt werden?

    Das hat mehr mit Stimmungen als mit Regeln zu tun. Das meiste von dem, was getan werden konnte – dem Markt Liquidität zuzuführen und Garantien zu geben –, wurde auch getan.

    Welchen Sinn haben dann die Weltfinanzgipfel?

    Sie können nützlich sein, wenn die Abschlusserklärungen glaubwürdig sind. Es muss ein echter Wille erkennbar sein, dass die versammelten Politiker mehr als nur ein Familienfoto wollen. Das ist sogar mehr eine Frage der Sprache und Entschlossenheit als von konkreten Maßnahmen.

    Was wird aus Europa, wenn Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy am Jahresende die EU-Präsidentschaft an die Tschechen abgibt?

    Eine politische Führungsrolle ist keine Frage der Präsidentschaft. Im März 1990 forderten der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und der französische Präsident François Mitterrand in einem Brief, dass eine Regierungskonferenz zur Währungsunion einberufen werden solle. Die Iren hatten damals die Präsidentschaft inne, aber der Führungswille kam von den Deutschen und den Franzosen. Es wäre schön, wenn die Deutschen diesmal wieder eine Führungsrolle spielen könnten.

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