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Umfrage Gewinne von morgen

Eine Umfrage von Boston Consulting unter 160 Großanlegern zeigt: In der Krise akzeptieren diese schwache Gewinne – wenn die Unternehmen dafür kräftig investieren.

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Cisco-Chef John Chambers. Der Quelle: AP

„Welche Prioritäten sollten Unternehmen in der andauernden Finanz- und Wirtschaftskrise aus Sicht eines Investors setzen?“ Zwischen Januar und April 2009 stellten die Berater von Boston Consulting (BCG) diese Frage 160 professionellen Investoren aus Europa und Nordamerika. Die Umfrage, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt, ist heikel, weil in vielen Unternehmen derzeit ein Verteilungskampf tobt: Sollen weiter wie gewohnt Dividenden an die Aktionäre ausgeschüttet werden – oder akzeptieren diese auch drastische Dividendenkürzungen, wenn das Unternehmen dafür in die eigene Zukunftsfähigkeit investiert? Sollen Manager Mitarbeiter entlassen – oder Gehaltskürzungen und Kurzarbeit bevorzugen, um wertvolles Know-how im Unternehmen zu halten?

Die Antworten gewähren auch privaten Anlegern Einblick an die Kriterien-Kataloge großer institutioneller Anleger für die kommenden Jahre. Wer sie erfüllt, hat im Zweifelsfall ein besseres Standing an der Börse als andere. „Gerade in einer Kreditkrise, wenn der Zugang zu Fremdkapital für viele Unternehmen schwierig und teuer ist, spielt die Meinung der Aktieninvestoren eine entscheidende Rolle“, sagt Frank Plaschke, BCG-Partner und Co-Autor der Studie. So blieb vielen Unternehmen nur noch der Weg einer Kapitalerhöhung, um über die Ausgabe neuer Aktien an Geld zu kommen, weil die Banken bei den Krediten mauerten; viele – etwa Daimler – holten sich langfristig fokussierte staatliche Investoren ins Haus, um an neue Eigenmittel zu kommen.

Im Boom forderten Investoren vor allem im Takt der Quartale steigende Gewinne. Vorstände mussten die zuvor durch gezielte Hinweise aus dem Unternehmen erzeugte Erwartungshaltung der Anleger – die sogenannte Guidance – möglichst genau treffen oder, noch besser, leicht übertreffen.

Der zeitliche Fokus hat sich verschoben

Ein Meister dieses Spiels war etwa der US-Internet-Ausrüster Cisco. Er schlug zwischen 1997 und 2001 die durchschnittliche Schätzung der Analysten zum Gewinn je Aktie beeindruckende 18-mal in Folge um je genau einen Cent. Doch solche Kunststücke sind, sagen die Investoren, nicht mehr gefragt.

Das auffälligste Ergebnis der BCG-Umfrage: Der zeitliche Fokus der Investoren hat sich verschoben. BCG-Geschäftsführer Daniel Stelter weiß aus Hunderten von Kundengesprächen mit den Managern großer, börsennotierter Konzerne, dass die Firmenlenker noch stark dem Quartalsdenken verhaftet sind, und das „fast immer im festen Glauben, dabei mit den Aktionären an einem Strang zu ziehen“, sagt Stelter. „Aber anders als die meisten Manager glauben, ist die Mehrzahl der professionellen Anteilseigner inzwischen nicht mehr darauf fokussiert, dass die Unternehmen ihre Gewinnprognosen 2009 erfüllen“. Die Heftigkeit und Schwere der Krise hat die Shareholder umdenken lassen. „2009 haben die meisten Investoren längst abgehakt“, erklärt Stelter, „auch 2010 erwarten die meisten noch kein nennenswertes Umsatz- und Gewinnwachstum; ihr Fokus liegt schon klar auf der Zeit nach der Krise.“ Das heißt nicht, dass die Profi-Investoren nun kollektiv zum altruistischen Mäzenatentum konvertiert sind, „aber offenbar sind die Aktionäre mehr denn je bereit, in längerfristiges Potenzial zu investieren“, meint Stelter.

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So erklärten knapp drei Viertel der Befragten, sie bevorzugten derzeit Aktien von Unternehmen, die in langfristige Projekte zur Verbesserung der künftigen Marktposition investierten, auch wenn das für einige Quartale zulasten des Gewinns gehe. „Das“, sagt BCG-Geschäftsführer Stelter, „war dem Kapitalmarkt früher nur schwer zu vermitteln; man kann hier mit Fug und Recht von einem Paradigmenwechsel sprechen.“

Die Investoren versuchen offensichtlich schon heute, die Gewinner der Zeit nach der Krise zu identifizieren – und nehmen dafür durchaus zwischenzeitlich Durststrecken in Kauf. Wie jeder Abschwung, dürfte auch die aktuelle Krise schwächere Unternehmen aus dem Markt drängen und den Marktführern eine gestärkte Marktposition in der Zeit nach der Krise bescheren. Das erklärt zum Teil, weshalb Aktien, deren Manager die zuvor kommunizierten Ziele klar verfehlten und die sich – oft aus schierer Not – weigern, eine Prognose für den weiteren Geschäftsverlauf 2009 und 2010 abzugeben, trotzdem nach Bekanntgabe der schlechten Zahlen ins Plus drehen – wie jüngst Allianz, MAN oder ABB.

Krise als Chance für finanzstarke Unternehmen

„Die meisten aktiven Fondsmanager haben in den vergangenen Wochen in solche Werte umgeschichtet, weil sie schlicht überverkauft erschienen, aber diese Beispiele sind auch Unternehmen, die ihre relativ starke Marktposition und finanzielle Gesundheit wahrscheinlich nutzen werden, um Marktanteile für die Zeit nach der Krise hinzuzugewinnen“, sagt Eric le Coz, Chef des Portfoliomanagements beim Vermögensverwalter Carmignac in Paris.

„Die meisten Geldmanager sind überzeugt, dass die aktuelle Krise eine einmalige Chance für Marktführer und finanzstarke Unternehmen darstellt, Know-how, Patente, Produktmarken, Kunden und somit letztlich Marktanteile von schwächeren Wettbewerbern abzugreifen“, sagt Plaschke, „allerdings ist eine Mehrzahl der Befragten auch der Ansicht, dass viele Firmen derzeit nur unzureichend von dieser Gelegenheit Gebrauch machen.“ So kritisierten nicht wenige Asset Manager in den BCG-Interviews, dass viele Manager in der Krise offenbar zu sehr in alte Verhaltensmuster zurückfallen und Kosten kürzen, um an der Gewinnmarge „kosmetische Korrekturen vorzunehmen“, wie Le Coz von Carmignac es nennt, statt beherzt in die Gewinne von morgen zu investieren.

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