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US-Banken Stress-Test: Zu rosig eingefärbt

Die jetzt veröffentlichten Stress-Tests für 19 große US-Banken vermitteln eine trügerische Sicherheit. Sie liefern eine scheinbar exakte Zahl für die vermeintlich noch erforderliche Kapitalzufuhr in einem angeblichen Worst-Case-Szenario. Ein Kommentar von WirtschaftsWoche-Korrespondent Andreas Henry aus New York.

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Die Ergebnisse des sogenannten Quelle: REUTERS

Wie sehr kann man den Erkenntnissen von 150 Mitarbeitern verschiedener amerikanischer Regulierungs- und Aufsichtsbehörden trauen, die in den vergangenen Wochen einen tiefen Blick in die Bücher von 19 großen US-Banken geworfen haben? Eben diese Behörden und Aufseher haben über Jahre die Exzesse an den Finanzmärkten weitgehend übersehen – ob es das sich auftürmende Derivate-Ungetüm war, die von den Banken in Off-Shore-Gesellschaften ausgelagerten Risiken, die komplexen Finanzinstrumente, die sich nun in den Bilanzen der Banken zu toxischen Altlasten verwandelt haben, die Interessenkonflikte der Rating-Agenturen, oder die unlauteren Machenschaften bei der Vergabe von so genannten Subprime-Darlehen an Leute, die sich diese Kredite eigentlich nicht leisten konnten und jetzt zahlungsunfähig geworden sind.

Für das Schlimmste gewappnet?

Trotzdem kommen diese Regulierer jetzt mit der klaren Ansage, welches Finanzinstitut sich in den nächsten Monaten noch exakt wieviel Kapital besorgen soll, um auch für das Schlimmste gewappnet zu sein. Die Bank of America ist dabei der große Verlierer mit einem errechneten Kapitalbedarf von 33,9 Milliarden Dollar. Es folgen Wells Fargo aus San Francisco mit 13,7 Milliarden Dollar, der Autofinanzierer GMAC mit 11,5 Milliarden und Citigroup mit überraschend niedrigen 5,5 Milliarden Dollar. Insgesamt müssen zehn der 19 Testkandidaten rund 75 Milliarden Dollar frisches Kapital herbei schaffen. Bis zum 8. Juni haben die betreffenden Banken nun Zeit, um einen Plan vorzulegen, wie sie das zusätzliche Kapital beschaffen wollen - ob durch private Investoren, durch Umwandlung von Vorzugsaktien in reguläre Stimmrechtsaktien oder durch den Verkauf von Vermögensgegenständen. Bis Anfang November bleibt ihnen dann, um den Plan auch umzusetzen.

Doch das angebliche Worst-Case-Szenario – der schlimmste anzunehmende Ausblick – könnte sich als  zu optimistisch erweisen. Die jüngste Prognose des Internationalen Währungsfonds IWF erwartet für den Finanzsektor weltweit Gesamtverluste von 4,1 Billionen Dollar, 2,7 Billionen davon in den USA. Zwei Drittel davon, also 1,8 Billionen, würden direkt oder indirekt in den Büchern der Banken landen. Der Stress-Test erwartet maximale Verluste von 950 Milliarden Dollar. Ein Report der Unternehmensberater von McKinsey geht davon aus, dass die US-Banken immer noch mehr als zwei Billionen Dollar an toxischen Papieren in ihren Büchern halten. Ein Großteil davon sei immer noch nicht zu Marktpreisen bewertet.

An der Insolvenzschwelle

Der New Yorker Professor Nouriel Roubini, der zurzeit Kultstatus genießt, weil er die Probleme der Branche früh vorhergesagt hat, erwartet für die US-Banken sogar Gesamtverluste von 3,6 Billionen Dollar. „Das bedeutet,“ so Roubini, „dass der Finanzsektor aggregiert zurzeit an der Insolvenzschwelle steht“. Das Worst-Case-Szenario der Stress-Test-Prüfer legt  zudem einen Anstieg der Arbeitslosigkeit in 2010 auf 10,3 Prozent zugrunde. Das scheint bei dem Tempo, mit dem zurzeit US-Unternehmen Entlassungswellen auslösen, ebenfalls eher optimistisch-realistisch als pessimistisch. Sollte die Arbeitslosenrate höher steigen, wären wegen weiterer Verluste durch Kreditausfälle in allen Bereichen die Stress-Test-Ergebnisse Makulatur. Eine neue Runde der Frischkapitalzufuhr würde erforderlich, voraussichtlich mit weiteren Staatsgarantien oder sogar Verstaatlichungen. 

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