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US-Immobilien Zwangsversteigerungen droht Stillstand

In den meisten US-Regionen haben sich die Immobilienpreise mittlerweile auf niedrigerem Niveau stabilisiert. Doch das bedeutet nicht, dass die Krise bewältigt ist. US-Banken und ebenso deutsche Geldvermittler – besonders dick mit drin steckt die Deutsche Bank – werden noch Jahre mit den Folgen der Exzesse zu kämpfen haben.

US-Immobilien: Quelle: dapd

Ein Kürzel taucht immer und immer wieder auf in den Gerichtspapieren, mit denen in den USA landesweit Zwangsversteigerungen von Immobilien betrieben werden: MERS. Es steht für das von der amerikanischen Bankbranche im Jahr 1993 eingeführte Mortgage Electronic Registration System, einer Art elektronischem Grundbuch, in dem Hypotheken eingetragen werden, die auf einem Objekt lasten.

MERS spielte eine zentrale Rolle bei den von den Banken betriebenen Exzessen mit den so genannten Residential Mortgage Backed Securities, den künstlichen Investmentvehikeln, in die Hunderte oder Tausende von Hypotheken zusammen geschnürt und an Investoren weiter verkauft worden waren. Denn ohne diese zentrale Registrierungsstelle wäre die einfache und schnelle Weitergabe dieser Hypotheken nicht möglich gewesen. MERS ist die Abwicklungsnabe, ohne die sich das Riesenrad der Finanzmarktspekulation mit den Mortage Backed Securities nicht gedreht hätte.

MERS fungiert zudem in dem von der Bankbranche ausgedachten Modell formal als der Gläubiger der Hypothek, auch wenn der Nutznießer, also der Empfänger der Zinszahlungen, jemand ganz anderes ist, etwa ein Investment-Trust. Deshalb leitete MERS in den vergangenen Jahren zahllose Zwangsversteigerungsverfahren ein, wenn die Schuldner nicht mehr zahlten.

Vier US-Bundesstaaten verbieten Zwangsversteigerungen

Doch diese Prozedur ist in Frage gestellt. Richter in bereits vier US-Bundesstaaten haben geurteilt, dass MERS keine Zwangsversteigerungen betreiben dürfe, weil die Institution nicht der eigentliche Gläubiger sei. Sollten sich weitere Richter in weiteren US-Bundesstaaten dieser Ansicht anschließen, dürfte es für die Banken, die sich mit einer ohnehin bereits sehr hohen Zahl von zahlungsunfähigen Schuldnern herum plagen, noch schwieriger werden, Zwangsversteigerungen durchzusetzen. In immer mehr Fällen ist wegen unzureichender oder gar gefälschter Dokumentation in den Papieren unklar, wer eigentlich der Kreditgeber für eine bestimmte Hypothek war und wer deshalb das Recht hätte, eine Zwangsversteigerung einzuleiten.

Längst steht zudem fest, dass die Banken während der Boomzeiten nicht das notwendige Personal eingesetzt haben oder nicht einsetzen wollten, um Anträge auf die Vergabe von Hypotheken ausreichend zu prüfen. Mini-Abteilungen mit wenigen Angestellten zeichneten dabei bei den Banken offenbar im Fliessbandverfahren monatlich Tausende von Anträgen ab. Unzureichende oder gar gefälschte Dokumentationen über Hypotheken entwickeln sich nun zum größten Hindernis für weitere Zwangsmassnahmen. In der vergangenen Woche verkündete die Bank of America - mit einem Volumen von rund 1,7 Billionen Dollar unter den Banken der größte Treuhänder für solche Hypotheken - aus diesem Grund ein landesweites Moratorium für Zwangsversteigerungen. Es häufen sich die Fälle, in denen Richter die beantragte Zwangsversteigerung wegen Lücken in den Papieren abweisen.

Zwangsversteigerungen droht kompletter Stillstand

In Washington machen sich mehrere Kongressabgeordnete bereits dafür stark, ein generelles Moratorium für Zwangsversteigrungen auszusprechen. 40 Generalstaatsanwälte haben zudem angekündigt, eine Untersuchung von Geldgebern und Hypothekenservicegesellschaften einzuleiten, die die Kreditvergabepraktiken während der Boomzeiten zu verantworten haben. In Cleveland hat die Stadt angekündigt, gegen die Deutsche Bank Klage einzureichen, die in dieser von der Immobilienkrise besonders gebeutelten Stadt mit ihren Zwangsversteigerungsverfahren dafür sorgen würde, dass Familien auf der Strasse landen, die sich aber dann nicht einmal um die leer stehenden Häuser kümmern würde, die verfallen und von Plünderern heimgesucht würden. Wer nach "Deutsche Bank" und "MERS" googelt, erhält fürs vergangene Jahr ungefähr 2,26 Millionen Treffer.

Es droht ein kompletter Stillstand bei den Zwangsversteigerungen, der für die Banken noch teurer werden kann. In Kentucky gibt es seit Ende September eine Klage gegen MERS, die der Branchenorganisation vorwirft, Teil einer großen Verschwörung zu sein. Die habe zum Ziel gehabt, mit gefälschten Schuldscheinen, Beglaubigungen und  Hypothekenverträgen die Dokumentenlücken nachträglich zu füllen, die der laxe Vergabeprozess während der Boomzeiten hinterlassen habe.  

Ganz weit hergeholt scheint das bei dem offensichtlich produzierten Chaos nicht. In Florida machte jetzt ein skurriler Fall Schlagzeilen, bei dem ein Hauseigentümer sich gegen die Zwangsversteigerung wehren musste, von der er erst erfahren hatte, nachdem sie bereits vollzogen war. Doch er hatte überhaupt keine Hypothek aufgenommen und das Haus beim Erwerb komplett bar bezahlt.

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