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USA Vor dem Börsen-Sturm

Wer bisher glaubte, S&P prügle nur auf Euro-Länder wie Griechenland ein, hat sich getäuscht. Die USA stehen jetzt auf AA+ statt auf der Bestnote AAA. Was aber hat sich tatsächlich geändert?

Die US-Flagge an der Fassade Quelle: dpa

S&P hatte die Herabstufung schon vor Wochen angedeutet. Dass die USA astronomische Schulden haben, aktuell 14300 Milliarden Dollar, dürften Investoren auch schon mitbekommen haben. Und doch dürfte es am Montag, wenn die Börsen öffnen, zu einem mittleren Erdbeben kommen. Investoren, das war in den vergangenen Monaten häufig so, reagieren besonders heftig,  wenn unangenehme Wahrheiten nicht nur ausgesprochen, sondern offiziell festgestellt werden.

Tipps für Privatanleger

Für Privatanleger gilt weiter: Gold halten oder aufstocken, konjunktursensible Aktien, die in den vergangenen Jahren sehr gut gelaufen sind, abstoßen. Statt Stahl oder Maschinenbau und Autos lieber Pharma, Nahrungsmittel , Telekomaktien halten. Bei Anleihen lieber Unternehmensanleihen guter Schuldner als Staatsanleihen – und Cash halten oder durch Aktienverkäufe schaffen – einen Teil davon können Private durchaus auch auf ein Schweizer-Franken-Konto packen.

Symbolischer Akt mit weltweiten Folgen

Die Herabstufung der USA mag nur ein symbolischer Akt sein. Politikern und Finanzmärkten aber orientieren sich an solchen Symbolen. Die Botschaft, die die Märkte nach der vergangenen Schreckenswoche gierig aufsaugen werden, ist diese: Die USA sind abgestiegen, also werden sie größere Anstrengungen unternehmen, um wieder aufzusteigen. Das bedeutet: Sparprogramme, weniger staatliche Investitionen, Kürzung von Sozialleistungen und Schwächung des Konsums, wohlmöglich – wenn in den USA politisch durchsetzbar – Steuererhöhungen. In letzter Konsequenz bedeutet dies weniger Wachstum oder – wenn es schlecht läuft – Rezession, in den USA und weltweit.  

An den Märkten droht  Montag das übliche Krisenmuster: Flucht aus Risikoanlagen, also aus Aktien, Unternehmensanleihen minderer Bonität,  Rohstoffen und Öl (die bei schwächerer Weltkonjunktur weniger nachgefragt würden) und natürlich aus den Staatsanleihen der schwachen Euro-Staaten. Profitieren werden Gold, deutsche Bundesanleihen, Anlagen in Schweizer Franken.

Und was ist mit  US-Staatsanleihen, in bisherigen Krisen der sichere Hafen für alle verunsicherten Anleger?  Rational wäre, wenn Anleger sie ebenfalls meiden würden, klar. Das gleiche gilt für deutsche Bunds, denn Deutschland droht, je mehr sich die Eurokrise von der europäischen Peripherie ins Zentrum vorfrisst  und je mehr Staaten gestützt werden, ähnliches wie den USA. Doch große Investoren, so scheint es, haben keine alternative zu US-Bonds und deutschen Bunds. Die Märkte für Schweizer Franken, Australdollar oder Norwegenkrone gelten gemeinhin als viel zu klein, und Japan hat mindestens genau so große Probleme wie Europa und die USA – und das nicht erst seit Fukushima.

China hat keine Alternative zum Dollar

Gold aber ist zwar für Privatanleger eine Alternative, nicht aber für große Versicherer und Pensionsfonds, die auf regelmäßige Zinserträge angewiesen sind. Und auch dieser Markt ist im Vergleich zum Staatsanleihemarkt viel zu klein.

Die US-Notenbank Fed hat schon signalisiert, dass Banken, die US-Staatsanleihen im Depot haben, diese nach der Abstufung nicht mit mehr Eigenkapital unterlegen müssen. Von den US-Banken dürfte also kein Verkaufsdruck kommen, ebenso wenig von Seiten Chinas, das weltweit die meisten US-Staatsanleihen hält. Peking schießt verbal gegen die US-Schuldenpolitik, hat auf kurze Sicht aber auch keine Alternative zum Dollar.

Italien muss aufpassen

Extrem gefährdet scheinen ab Montag aber italienische Staatsanleihen, und das könnte den Euro und Anlagen in der ganzen Eurozone in Turbulenzen  bringen. Ziehen Investoren, alarmiert von dem Beschluss zum US-Rating, ihr Geld aus italienischen Bonds ab (etwa, um der nächsten Abstufung Italiens zuvorzukommen), könnte nur noch die Europäische Zentralbank helfen. Um den Zusammenbruch von Banken, insbesondere den italienischen, die viele Italo-Bonds halten, zu verhindern, müsste die EZB gewaltige Mengen italienischer Anleihen kaufen. Wie die US-Notenbank Fed mit ihrem Ankaufprogramm für US-Staatsanleihen (QE2) , würde sie so Geld schöpfen, das sie kaum wieder einfangen könnte. Auf mittlere sicht würde dies die Inflationsgefahr verschärfen, was dann wieder relativ gut für Aktien, schlecht für Anleihen und sehr gut für Gold wäre. Doch das ist die längere sichtweise, und die wird am, Montag noch niemanden interessieren.

Was Montag genau passiert, wie tief der Dax fallen kann, kann niemand seriös vorhersagen, zumal auch noch denkbar ist, dass Regierungen und Zentralbanken vor Börsenöffnung noch einmal mit einem Überraschungscoup aufwarten (Garantien, Ankaufprogramme, Zinssenkungen): Viel Spieltraum dafür ist angesichts niedriger Zinsen und hoher Staatsschulden aber nicht mehr.

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