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Vermögensverwalter Felix Zulauf "Zerfall der gesamten Finanzarchitektur"

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Die EZB will ihre Schrottanleihen loswerden. Dann hätte sie wieder Luft, um italienische und spanische Staatsanleihen zu kaufen.

Und woher nimmt die EZB das Geld? Wer soll ihr die Schrottanleihen überhaupt abkaufen? Und wie finanziert die EZB die Abschreibungen, die notwendig wären?

Aus der Notenpresse.

Das tut sie ja nicht. Sie müsste das Geld dafür aus den Staatshaushalten der Mitgliedsländer bekommen. Nur die einen können nichts geben, die andere wollen nichts geben. Zudem wäre dann ja auch Deutschland pleite. Am Schluss müssten die Deutschen alles bezahlen. Aber dass sich Deutschland zusätzlich verschuldet mit 1000 Milliarden Euro, wird nicht möglich sein. Dann haben sie nämlich Revolten in Berlin. Da würden selbst die Grünen und die SPD auf die Barrikaden gehen.

Dann ist der Sprung zum Gelddrucken nicht mehr weit.

Das ist die entscheidende Frage. Ich glaube auch, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Kurswechsel der EZB recht hoch ist, deutlich über 50 Prozent. Aber das Problem löst sich nicht, wenn man Geld druckt. Die Schulden sind nach wie vor da. Außerdem wird Geld drucken die Wettbewerbsfähigkeit der Peripherie nicht verbessern. Somit wäre die eigentliche Ursache der Fehlkonstruktion Euro nicht wirklich gelöst. Die Lösung des Problems wird mit der Notenpresse nur verschoben. Nur wird das Problem immer größer und irgendwann holt es uns ein. Die Politik in unseren Demokratien kann mit diesem Problem nicht umgehen.

Woran liegt das?

Weil unser politisches Führungspersonal keinen ökonomischen Sachverstand hat. Weder der deutsche Finanzminister noch die Bundeskanzlerin verstehen die Tiefe der Euro-Problematik, weil sie glauben als gute Europäer den Euro gar nicht in Frage stellen zu dürfen.

Sie waren sich schon vor Monaten ziemlich sicher, dass Italien als nächster Kandidat ins Visier der Märkte gerät. Was hat Sie so sicher gemacht?

Ich habe gesehen, dass sich die Situation des italienischen Banksystems laufend verschlechtert hat. Das Einlagenwachstum ging dramatisch zurück. Und es war mir klar, dass die Einlagen von Sommer an schrumpfen werden. Jetzt sind wir in dieser Schrumpfungsphase. Das ist ein klassischer Bank-Run, die Kunden ziehen Gelder ab. Italien ist nach Irland und Griechenland das dritte Land, wo das passiert. Das bedeutet, dass die italienischen Banken, selbst wenn sie wollten, kaum mehr Kredite vergeben können. Die italienischen Banken haben in der Vergangenheit 60 bis 90 Prozent des Staatshaushaltes finanziert, indem sie die Staatsanleihen gekauft haben. Und das können sie jetzt nicht mehr. Damit wird die Finanzierung des italienischen Staates, der hoch verschuldet ist, sehr problematisch. In diesem Monat müssen 50 Milliarden Euro refinanziert werden, im nächsten Monat etwa 70 Milliarden Euro. Wenn man das nicht finanzieren kann, dann gehen die Zinsen nach oben. Und wenn die Zinsen nach oben gehen, dann trifft das die gesamte Volkswirtschaft. Die vorlaufenden Indikatoren deuten darauf hin, dass Italien spätestens im nächsten Quartal wieder in der Rezession steckt – Spanien übrigens auch. Wenn die Wirtschaft schrumpft, dann ist das mörderisch, weil man in eine deflationäre Spirale gerät.

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