WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Vorführeffekte Gold aus dem Automaten

Der Trend zum Investieren in physisches Gold treibt immer groteskere Blüten. Ein Online-Händler von der schwäbischen Alb will Goldbarren jetzt an Bahnhöfen und Flughäfen unters Volk bringen – aus dem Automaten.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Gold to go: Goldautomat am Frankfurter Hauptbahnhof Quelle: Foto: MPW FINANCE

Dienstag, 19. Mai, Frankfurt am Main: Gegen Mittag ist am Hauptbahnhof der Goldrausch ausgebrochen. Vor dem Ausgang Richtung Kaiserstraße blinkt alles gülden. Menschentrauben bilden sich. Vorwiegend untersetzte, ältere Herren in Shorts und Sandalen stehen da. Aber auch ein paar Damen und ein paar Anzugträger sind dabei. Sie haben sich um einen kleinen Infostand des Reutlinger Edelmetall-Discounters Gold-Supermarkt.de geschart.

Die Macher von der Schwäbischen Alb haben sich ordentlich was einfallen lassen: In einem kleinen Sandkasten dürfen große Jungs mit einem original Waschteller nach Gold suchen. Yukon-Feeling mitten in Frankfurt. Zwei in güldene Ganzkörperkondome gezwängte Hostessen verteilen tapfer Flyer. Der Clou aber: Ein Automat, aus dem man Goldbarren ziehen kann. Im Vorbeigehen, wie Schokoriegel und Zigaretten.

Ernsthafte Interessenten

Die übermannsgroße Kiste sieht aus wie eine hektisch umlackierte Telefonzelle. Sie hat nichts von der biederen, metallisch-nüchternen Seriosität eines Geldautomaten. Trotzdem: Bis zu 500 solche Automaten will der Online-Versender bundesweit an Bahn- und Flughäfen aufstellen, sagt Thomas Geissler von Gold-Supermarkt.de. Man rechne also schon mit echten Umsätzen, so Geissler, allerdings sei das Ganze natürlich „in erster Linie eine Marketing-Veranstaltung“, fügt er augenzwinkernd hinzu.

Und siehe da: Die Masche zieht. Vor allem asiatisch aussehende Geschäftsleute interessieren sich scheinbar ernsthaft und verwickeln die Gold-Supermarkt-Verkäufer in anstrengende Fachgespräche auf Englisch. „Bei denen“, raunt Geissler, „hat ja Gold auch einen ganz anderen Stellenwert als bei uns.“

Wenn er sich da mal nicht täuscht. Gold ist in Deutschland längst „Bild“-Titel- und Teeküchen-Thema Nummer zwei oder drei. Spätestens seit der Diskussion um die vermeintliche Sicherheit von Tages- und Festgeldkonten im vergangenen Herbst investieren die Deutschen wieder kräftig in greifbare Werte. Bei Online-Juwelieren, Banken und Sparkassen verdoppelt sich alle sechs Wochen die Zahl der privaten Anfragen. Bekannte Privatiers wie Dietmar Hopp und Franz Beckenbauer sind bekennende Goldfans, und kaum eine Party am Wochenende, wo nicht irgendwann zwischen Fußball, Obama und Krise ein Satz wie dieser fällt: „Also ich bin ja inzwischen ein totaler Fan von physischem Gold geworden.“

Da wollen die findigen Schwaben mitmischen: Mit dem Aufstellen der Goldautomaten wolle er vor allem privaten Anlegern ermöglichen, „auch kleinere Einheiten an Gold einfach und günstig zu beziehen. Auf diese Weise können sie ihr Golddepot nach und nach auffüllen“, sagt der Gold-Super-Markt Gründer Thomas Geissler.

Merkwürdige Strategie

Für gut 30 Euro können Reisende in Frankfurt ein winziges, dünnes Goldplättchen am Automaten ziehen. Klar: Die Aufschläge auf den reinen Metallwert sind hoch bei derart kleinen Barren. Wer die für 31 Euro am Bahnhof gezogenen Goldplättchen wieder versilbern will, kriegt dafür aktuell maximal 21,50 Euro wieder. Wer gut 3000 Euro am Automaten ausgibt, kriegt dort 100 Gramm. Kaufte er die 100 Gramm am Stück, kosteten sie nur gut 2150 Euro. Und wirklich sinnvoll aus Investorensicht sind Gold-Investments eh erst ab Barrengrößen von 250 Gramm.

Unabhängig davon müssen die Gold-Discounter eh noch mal bei ihren Automaten bei - so rein technisch. Gestern in Frankfurt wollte das dort aufgestellte Exemplar keine Goldbarren ausspucken. „Tja“, seufzt ein Mitarbeiter des Betreibers, „das ist dann wohl der Vorführeffekt, heute Morgen zu Hause hat er’s noch getan.“

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%