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21,8 Milliarden Euro Krankenversicherungen häufen Rekordreserven an

Vor drei Jahren drohten tiefrote Zahlen und ein zweistelliges Milliarden-Defizit. Das ist lange her: Inzwischen sitzt die Gesetzliche Krankenversicherung auf einem dicken Finanzpolster.

Immer mehr Kassen halten Finanzreserven erheblich über der zulässigen Obergrenze von 1,5 Monatsausgaben. Quelle: dpa

Die gute Konjunktur und der Beschäftigungsboom haben die Reserven der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) auf den Rekordwert von rund 21,8 Milliarden Euro ansteigen lassen. Angesichts dessen wird der Ruf nach Entlastung der rund 50 Millionen Beitragszahler lauter. Insgesamt sind etwa 70 Millionen Bürger in der GKV versichert.

Wie das Bundesgesundheitsministerium am Mittwoch in Berlin mitteilte, haben die Krankenkassen zum Ende des ersten Halbjahres 12,8 Milliarden Euro als Polster angesammelt. 9 Milliarden gingen an die Geld-Umverteilungsstelle der Kassen, den Gesundheitsfonds. Nur ein Teil des Geldes ist als Pflichtreserve gebunden.

Die Tricks der Krankenversicherer
Mit günstigen Preisen lockenWer sich im Internet für Krankenversicherung interessiert, findet ganz schnell auch Anzeigen, in denen eine private Krankenversicherung für 49 Euro im Monat versprochen wird. Experten raten ab: In nur ganz wenigen Fällen kommen solche Beiträge überhaupt zustande. Wer so wirbt, hat meist nur ein Ziel: Die Daten des Interessenten einsammeln. Quelle: dpa
Adressen weiter verkaufenIm Internet sind viele professionelle Adressenhändler unterwegs. Wer seine Daten in einem scheinbar unabhängigen Portal für einen kostenlosen Vergleich eingibt, muss damit rechnen, dass er später mit Emails oder Anrufen bombardiert wird. Denn die Adressensammler verkaufen die Kontaktdaten an interessierte Vermittler weiter, die genau wissen, wie sie einen Versicherungsvertrag am besten verkaufen. Quelle: gms
Gierige Vermittler rausschickenNur wer eine private Krankenversicherung tatsächlich auch verkauft, verdient in der Vermittlerbranche Geld damit. Denn nur dann kassiert er Provision. Das Prinzip dabei: Je höher der Monatsbeitrag des Kunden, umso besser die Provision des Verkäufers. Nach den neuen Regeln wird der Monatsbeitrag hier in der Spitze mit dem Faktor neun multipliziert. Früher ging es bis zum Faktor 15 hoch. Quelle: dpa
Hohen Eigenanteil aufbrummenDas Prinzip in der privaten Krankenversicherung: Je mehr der Kunde im Falle einer Krankheit selbst bezahlt, umso niedriger wird sein Monatsbeitrag. Wer also einen Selbstbehalt von mehreren hundert bis zu 1000 Euro vereinbart, hat die Chance auf Prämien von weniger als 200 Euro. Quelle: dpa
Rechnungen nur teilweise zahlenJeder Versicherer hat seine eigenen Bedingungen. Daraus ergibt sich, was er im Zweifel bezahlt und was nicht. Für den Kunden ist das von vornherein schwer ersichtlich, deshalb haben die Analysten von Franke & Bornberg einen Index mit typischen Krankheiten gebildet und so das Leistungsniveau von unterschiedlichen Tarifen simuliert. Oft liegt das Erstattungsniveau der Billigtarife dabei nur zwischen 50 und 70 Prozent. Quelle: dpa
Teure Krankheiten ausschließenDie private Krankenversicherung (PKV) wirbt gerne damit, dass sie deutlich mehr leistet als die gesetzliche Krankenversicherung. In Billigtarifen wird jedoch die Leistung für bestimmte Krankheiten von vornherein ausgeschlossen. Dazu zählen etwa Behandlungen durch Psychologen, Wahlleistungen im Krankenhaus, Zahnleistungen oder die freie Arztwahl. Quelle: dpa
Prämien schnell erhöhenViele Krankenversicherer lockten Kunden in Billigtarife und hoffen, dass sie bald in höherwertige und teurere Tarife wechseln. Diese Rechnung ist in vielen Fällen jedoch nicht aufgegangen. Im Gegenteil: Viele Kunden in Einsteigertarifen zahlen sogar gar nichts mehr. Die Kosten tragen alle Versicherten im jeweiligen Kollektiv. Die Folge sind satte, zweistellige Prämienerhöhungen. Quelle: dpa

Der Überschuss der Kassen betrug in den ersten sechs Monaten 2,7 Milliarden Euro, bei Einnahmen von rund 94,8 Milliarden. Die Einnahmen stiegen im Vorjahresvergleich infolge gestiegener Löhne und Renten um 3,1 Milliarden Euro, die Ausgaben sanken um 2,8 Milliarden Euro.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) appellierte an die besonders gut aufgestellten Kassen, Geld an die Versicherten zurückzugeben. Diese sollten durch Leistungsverbesserungen und Prämienausschüttungen profitieren. „Krankenkassen sind keine Sparkassen“, sagte Bahr. Als Gründe für die positive Entwicklung nannte er neben der guten Entwicklung der Wirtschaft und den Beschäftigungszuwächsen auch die spürbaren Anstiege von Löhnen und Renten sowie das Arzneimittelsparpaket der Bundesregierung.

Entscheidungshilfe: Gesetzlich oder privat versichern?

Immer mehr Kassen hätten Finanzreserven erheblich über der zulässigen Obergrenze von 1,5 Monatsausgaben. Von Prämienauszahlungen profitierten derzeit gerade einmal rund 700 000 Versicherte - das sind nur ein Prozent. Im Rest des Jahres dürfte der Überschuss der Kassen laut Ministerium erfahrungsgemäß deutlich geringer ausfallen.

Den Angaben zufolge stiegen die Leistungsausgaben je Versicherten in den ersten sechs Monaten um 3,2 Prozent, die Arzneimittelausgaben um 3,1 Prozent je Versicherten. Trotz dieser Zuwachsrate blieben die Arzneimittelausgaben im ersten Halbjahr um rund 560 Millionen Euro unter den Ausgaben des vergleichbaren Vorjahreszeitraums.

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Der GKV-Spitzenverband warnte, die hohen Summen dürften „den Blick nicht darauf verstellen, dass der Überschuss aus dem ersten Halbjahr 2012 lediglich einer Reserve von 5 Tagen entspricht und dass der Gesundheitsfonds ein Minus von fast 500 Millionen Euro gemacht hat“, sagte Verbands-Sprecher Florian Lanz. Über Prämienrückerstattungen entscheide jede Krankenkasse aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation selbst.

Dabei seien die steigenden Leistungsausgaben, die Kürzung des Bundeszuschusses im kommenden Jahr und die Risiken im Euro-Raum zu bedenken. Dafür müssten die Krankenkassen ihre Rücklagen ausbauen.

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