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Altersvorsorge Früher in Rente – ohne Abzüge

Wer die Rente frühzeitig plant, muss nicht bis zum 67. Geburtstag warten.

Das Rentenalter steigt nach und nach auf 67 Jahre. Die Regelung lässt aber reichlich Spielraum, früher in den Ruhestand zu starten – sogar ohne Rentenverlust. Was Sparer dafür wissen müssen.

Die Lebenserwartung ist in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Setzt sich der Trend fort, könnten 2017 geborene Jungen durchschnittlich bis zu 90 Jahre alt werden, Mädchen sogar 93 Jahre. Das hat das Statistische Bundesamt errechnet. Die höhere Lebenserwartung setzt das Rentensystem unter Druck. Angesichts von Jahren mit niedrigen Geburtenraten sind dessen Rahmenbedingungen ohnehin angespannt, vor allem wenn von 2025 an die Babyboomer-Generationen in Rente sind. Deshalb steigt das Rentenalter. 2011 ist der letzte Jahrgang ganz regulär mit 65 Jahren in Rente gegangen. Alle Geburtsjahrgänge ab 1964 werden erst mit 67 Jahren ihre reguläre Rente beziehen können. Das soll den Druck etwas mindern. Weil die große Koalition das Versorgungsniveau der Rentner stabilisieren will, ohne dabei die Beitragssätze stark steigen zu lassen, könnte das Rentenalter in Zukunft auch noch weiter steigen. Ende April warnten Rentenforscher die Bundesregierung, dass ihre Rentenpläne „unbezahlbar“ seien. Ein noch späterer Renteneintritt würde dem System weitere Entlastung bringen.

Vielen Rentenversicherten erscheint der späte oder noch spätere Start in die Rente trotz der gestiegenen Lebenserwartung allerdings wenig erquicklich. Sie möchten gerne früher aus dem Berufsleben aussteigen, das Leben genießen und zum Beispiel bei guter Gesundheit lange Fernreisen erleben.

Die gute Nachricht: Das ist möglich. Klar, ohnehin wird niemand gezwungen, bis zu einem bestimmten Alter zu arbeiten. Auch Angestellte können jederzeit aufhören zu arbeiten, haben dann nur nicht unbedingt schon einen Rentenanspruch. Doch auch innerhalb des Systems der gesetzlichen Rentenversicherung gibt es Spielraum, früher eine Rente zu beziehen. Das frühestmögliche Alter ist dabei 63. "Langjährige Versicherte" können schon mit diesen 63 Jahren ihre Rente erhalten, müssen dann aber Abschläge hinnehmen. Für jeden Monat vorgezogenen Rentenstart sinkt die Rente um 0,3 Prozent. Wer also mit 63 Jahren statt mit 67 Jahren in Rente geht, müsste einen Abschlag von 14,4 Prozent hinnehmen.

Außerdem sammelt der Frührentner dann vier Jahre weniger lang Rentenpunkte, weil er schon mit 63 statt 67 Jahren aufhört, einzuzahlen. Dies senkt den Rentenanspruch, der zum Beispiel auf der jährlich verschickten Renteninformation ausgewiesen wird, noch weiter. Denn dort weist die Rentenversicherung als unteren von drei schwarz umrandeten Werten aus, wie viel Rente der Versicherte erhält, wenn er bis zur Regelaltersgrenze Beiträge wie im Schnitt der vergangenen fünf Jahre zahlt. Durch den früheren Rentenstart wird der Abschlag fällig, zusätzlich fehlen die bis zu vier Beitragsjahre zum Schluss. Allein Letzteres kann den Rentenanspruch derzeit um etwa 250 Euro im Monat sinken lassen. Der Rentenabschlag wegen der verfrühten Rente käme dann noch hinzu.

Als "Langjährig Versicherte" zählen alle, die mit 63 Jahren auf mindestens 35 Versicherungsjahre kommen. Zu diesen 35 Jahren zählen nicht nur alle Jahre, in denen ganz normal Rentenbeiträge gezahlt worden sind. So werden zum Beispiel bei der Geburt eines Kindes einem Elternteil drei Jahre (bei Geburten vor 1992 zwei Jahre) als Beitragsjahre gutgeschrieben, für die der Elternteil Rentenpunkte erhält. Dadurch steigt die spätere Monatsrente  - aktuell pro Kind um gut 90 Euro Euro.

Die Platinum-Card der Rentenkasse?

Außerdem werden zehn Jahre nach der Geburt als Berücksichtigungszeit vermerkt, wobei gleichzeitige Beitragsjahre und Berücksichtigungszeiten wegen Kindererziehung für die zum vorgezogenen Rentenstart nötigen 35 Jahre nicht doppelt zählen. Die Berücksichtigungszeiten führen auch selbst nicht zu einer höheren Rente. Und haben Eltern mehrere Kinder, gibt es nicht pro Kind zehn Jahre Berücksichtigungszeit. Bei drei im Abstand von zwei Jahren geborenen Kindern würden zum Beispiel maximal 14 Jahre als Berücksichtigungszeit gewertet, weil der Zeitraum mit der Geburt des jeweils neuen Kindes jeweils neu startet. Damit würden beim ersten und zweiten Kind nur jeweils zwei Jahre und erst beim dritten und letzten Kind dann maximal die vollen zehn Jahre berücksichtigt.

Kinderlose bekommen zumindest Zeiten schulischer und beruflicher Ausbildung angerechnet. Maximal acht Jahre Ausbildung nach dem 17. Lebensjahr zählen hier auf die nötigen 35 Jahren für die vorgezogene Rente.

Den Rentenabschlag durch einen vorgezogenen Rentenstart können Versicherte gegen Geldzahlung ausgleichen. Seit Juli 2017 haben schon 50-Jährige diese Möglichkeit. Bei berechtigtem Interesse können selbst Unter-50-Jährige diese Option nutzen. Auf Antrag errechnet die Deutsche Rentenversicherung, wie viel als Ausgleich gezahlt werden muss. Da häufig höhere Summen nötig sind, kann der Ausgleichsbetrag in Raten gezahlt werden, was schon steuerlich meist sinnvoll ist. Auch ein teilweiser Ausgleich ist möglich. Dieses Jahr ist es besonders attraktiv, solche Ausgleichsbeträge zu zahlen. In der aktuellen Titelgeschichte der WirtschaftsWoche berichten wir über diese und weitere Strategien, die Rente zu erhöhen: Ihr Weg zur doppelten Rente. Dort beschreiben wir etwa auch, wie eine Abfindung sinnvoll genutzt werden kann, um damit Steuern zu sparen und die Rente zu erhöhen.

Ein früher Rentenstart ganz ohne Abschläge wäre natürlich noch schöner. Dafür müssen Versicherte als "besonders langjährig Versicherte" zählen. Das klingt wie die Platinum-Card der Rentenkasse. Tatsächlich trifft diese erst im Juli 2014 eingeführte Regel aber auf gar nicht wenige Versicherte zu. So sind dafür 45 Versicherungsjahre nötig. Erneut zählen aber nicht nur normale Jahre mit Beitragszahlung. So werden auch hier Jahre berücksichtigt, für die Beiträge wegen Kindererziehung gutgeschrieben worden sind - also drei oder zwei (bei Geburten vor 1992) Jahre pro Kind sowie ergänzend Berücksichtigungszeiten wegen Kindererziehung.

Außerdem zählen Jahre mit freiwilligen Beiträgen, solange auch mindestens 18 Pflichtbeitragsjahre vorliegen. Selbst Zeiten der Arbeitslosigkeit mit Anspruch auf Arbeitslosengeld I zählen, außer in den letzten zwei Jahren vor Rentenbeginn. Der Anspruch steht damit vielen Versicherten zu: 2014 haben 151.000 Versicherte diese Form der abschlagsfreien Frührente genutzt. 2015 waren es dann schon 274.000. "Jeder sollte die Chance zur abschlagsfreien Rente ab 63 Jahren nutzen, sofern ihm die gesetzliche Rente nach Abzug der Beiträge zur gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung finanziell ausreicht", schreibt Werner Siepe, Rentenexperte und Autor des Buchs "Ihr Weg zu mehr gesetzlicher Rente".

Die abschlagsfreie Frührente startet allerdings meist nicht schon mit 63 Jahren. Dies traf nur auf die Jahrgänge 1951 und 1952 zu. Für alle später geborenen Jahrgänge steigt die Altersgrenze jeweils um zwei Monate. Alle Jahrgänge ab Geburtsjahrgang 1964 können frühestens mit 65 Jahren die abschlagsfreie Frührente erhalten.

Mit freiwilligen Extrabeiträgen können Versicherte Ihre Rente noch steigern – ob als Frührente oder als normale Rente. Auch alle, die bislang nicht in die Rentenversicherung einzahlen, können diese Option nutzen: Selbstständige, Beamte, aber auch Hausfrauen und -männer. Warum das oft lohnt und wie es klappt, lesen Sie in unserer aktuellen Titelgeschichte.

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