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Altersvorsorge Keiner will mehr Riester-Versicherungen

Geht Fonds und Versicherungen bei der Riester-Rente die Puste aus? Viele Vorsorgesparer zögern beim Vertreter, zahlen keine Beiträge mehr oder laufen sogar weg. Was die Verkaufszahlen bedeuten und was Kunden tun können.

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Entwicklung der privaten Altersvorsorge (Riester-Rente), Quelle: BMAS

Frankfurt Manche sprechen von einem „Desaster“ für die Versicherer: Nur 2000 neue Riester-Verträge meldete die erfolgsverwöhnte Branche im zweiten Quartal. Das ist eine Nettozahl, die Abgänge in dieser staatlich geförderten Altersvorsorge sind also bereits verrechnet. Bei den Fonds lief es nicht besser.

Quartalssieger sind dagegen – wie in den ersten drei Monaten auch schon – wiederum die Bausparkassen mit ihrem Wohn-Riester. Ein Plus von 67.000 Verträgen entspricht 80 Prozent aller Neuabschlüsse zwischen April und Juni. Damit dominieren die Bausparkassen aktuell den Markt in der Riester-Rente.

Überblick: Die Kritik an der Riester-Rente

Es folgen die Riester-Banksparpläne mit plus 13.000 vor förderfähigen Versicherungen. Insgesamt entschieden sich 84.000 Menschen neu für eine Riester-Rente. Die Gesamtzahl der Riester-Verträge lag damit Ende Juni bei knapp 15,6 Millionen.

Die Zahlen stellte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales dieses Mal still ins Internet. Als sich der Riester-Bestand den 15 Millionen näherte, verschickte Ministerin Ursula von der Leyen dagegen noch eine stolze Mitteilung.

Was sagen diese Zahlen? Von der damals bejubelten "ungebrochenen Dynamik" ist nichts mehr zu erkennen, wenn man den gesamten Riester-Markt betrachtet. Netto 84.000 Riester-Rentner? Im Vorjahreszeitraum wuchs der Markt dreimal so stark.

Experten erwarten bald eine Marktsättigung: Insgesamt 20 Millionen Angestellte, Beamte und Hausfrauenwollen vielleicht die geförderten Verträge für die private Altersvorsorgeabschließen. Von den 15,5 Millionen Verträgen liegen derzeit elf Millionen bei Versicherern, drei Millionen bei Fonds. Den Rest verwalten Bausparkassen und Banken. Kein Wunder, dass die Anbieter die Ausweitung der Riester-Rente auf Selbstständige fordern.

Auffällig ist, dass sich immer mehr Menschen für den Wohn-Riester entscheiden und Banksparpläne wieder in Mode kommen. Die Kreditinstitute verkauften zuletzt deutlich mehr Riester-Sparverträge als Versicherer und Fonds zusammen – das ist ungewöhnlich. Und die Wohn-Variante der Riester-Rente ist erst mit Verspätung gestartet, holt aber nun mächtig auf.

 

Warum sich die Kunden von Versicherungen abwenden

Entwicklung der privaten Altersvorsorge (Riester-Rente), Stand: Ende Juni 2012, Quelle: BMAS

Das sieht auch das Ministerium: Die Menschen orientieren sich um. Erkennbar werde ein Trend zu mehr konsequent sicherheitsorientiertem Riestern und eine Tendenz zur Sachwertanlage durch Investitionen in selbstgenutzte Immobilien. Dahinter steckt auch: In der Krise halten sich die Deutschen etwa mit Immobilien lieber fern vom Börsen-Jojo.

Was kostet und was bringt der Wohn-Riester?

Auffällig bei der Riester-Rente sind hohe Stornoquoten. Die Versicherer leiden offenbar darunter, so dass in den vergangenen Monaten vom niedrigen Bruttoabsatz kaum etwas oder nichts übrig blieb. Das Ministerium stellte zum Rückzug bei Versicherern fest: Bei den Versicherungsverträgen werde der Anteil der ruhend gestellten Riester-Verträge für das Jahr 2010 auf rund 18,5 Prozent geschätzt. Bei diesen Verträgen würden aktuell keine Beitragsleistungen mehr in der Ansparphase erbracht

Experten verweisen als Gründe für die Flucht aus Riester-Versicherungen auf die Finanzkrise und eine allgemeine Kaufzurückhaltung. Nur Immobilien werden davon derzeit verschont.

Die Versicherer glauben dagegen, eine völlig andere Ursache entdeckt zu haben. Sie schimpfen auf "pauschale Riester-Kritik", die Menschen verunsichere und zur Vertragskündigung treibe. Der Marktführer bei Riester-Fonds, Union Investment, verbuchte in diesem Jahr unter den Stornierern mehr Auflösungen als Vertragswechsel.

Bei der Allianz kamen wegen hoher Stornoquoten unterm Strich nur wenige neue Riester-Verträge in den Bestand. Und dabei verkauft die Allianz Riester-Renten noch vergleichsweise gut im Branchenvergleich. Vermutet wird daher, dass viele in der Branche grundsätzlich an der Riester-Rente zweifeln. Als Gründe nennt die FTD: den gesetzlich geforderten Kapitalerhalt, die niedrigen Zinsen und die vergleichsweise hohen Vertriebskosten. Unter dem Strich lohnt sich der Verkauf der Riester-Rente für viele Versicherer nicht besonders.

Hinzu kommt: Der nach wie vor unangefochtene Marktführer, die Versicherungswirtschaft, steht auch am stärksten in der Kritik. In Berlin ist in allen Parteien zu hören, dass vor allem die Versicherer transparenter und kostengünstiger werden sollten bei der Riester-Rente. Beides kostet Geld, wenn denn die Versicherer diesem Verlangen ernsthaft nachkommen. Das kann sich vielleicht nicht jeder in der Branche leisten, glauben Experten.

Riesterrente von A bis Z

Die Versicherer selbst dagegen meinen: "Wir können nicht ausschließen, dass die Kampagne gegen die Riester-Rente die Menschen zunehmend verunsichert", zitierte die FTD den Branchenverband GDV. Es gebe "einige wenige Riester-Gegner", die der Bevölkerung das fatale, weil falsche Signal sendeten, die Riester-Rente lohne sich nicht.

Öko-Test: Tarife der Versicherer werden immer schlechter

Als einen dieser „Gegner“ hat der GDV die Zeitschrift Öko-Test ausgemacht. Die Leistungen von Riester-Renten sänken immer mehr, während gleichzeitig die Versicherungen die Risiken zunehmend auf den Kunden abschieben würden, habe sich in einer Untersuchung gezeigt, stellt Öko-Test im September-Heft fest. Das Verbrauchermagazin habe 89 Angebote für klassische Riester-Rentenversicherungen und 79 Angebote für fondgebundene Riester-Rentenversicherungen durchgecheckt.

Checkliste Riester-Rente: Was die Regierung rät

Das Ergebnis: „Die Tarife werden von Jahr zu Jahr schlechter“, stellt Öko-Test fest. In einigen Musterfällen sprängen 2012 für den gleichen Beitrag wie im Vorjahr im Schnitt bis zu 420 Euro weniger Garantierente pro Jahr heraus. Das liege nur teilweise an den gesetzlichen Vorgaben, nach denen die garantierte Verzinsung für Lebens- und Rentenversicherungen auf 1,75 Prozent gesunken ist. Im vergangenen Jahr lag sie noch bei 2,25 Prozent.

Der Vorwurf von Öko-Test: „Die Versicherer haben die Änderung auch genutzt, an der Kostenschraube zu drehen.“ Dabei seien die Leistungen eh schon karg: Die garantierten Rentenrenditen lägen bei den von Öko-Test untersuchten Tarifen zwischen 0,58 und 0,91 Prozent pro Jahr. Nur wenn die Versicherung auch die versprochenen Überschüsse erwirtschafte, sehe es etwas besser aus.

Was an der Riester-Kritik dran ist

Ärgerlich sei zudem, dass für die Versicherten das Anlagerisiko steige, stellt Öko-Test fest. Die Anbieter versuchten derzeit, Kunden auf Fondpolicen zu drängen. Der Grund: Hier müssten sie keine garantierte Verzinsung bieten, sondern nur zu Rentenbeginn alle Einlagen und Zulagen sicherstellen. Diese Kapitalerhaltungsgarantie gelte aber nicht für Kunden, die ihren Vertrag vorzeitig kündigen oder den Anbieter wechseln. In diesem Fall wüssten die Kunden fast nie, ob überhaupt ein Rückkaufswert garantiert ist und wie hoch der ist, weil die Versicherer bei Fondspolicen mit neuartigen Garantien dazu oft gar keine Angaben machen.

Ein weiteres Problem sei, dass das Anlagerisiko bei solchen neuartigen Garantiemodellen von den Verbrauchern kaum abgeschätzt werden könne. Was die Verträge taugten, verrate nur ein Blick auf die Garantiefonds, die in den Policen steckten. Deren Qualität sei jedoch höchst unterschiedlich. Und diese Fonds könnten durchaus auch Verluste machen. Angesichts der mickrigen Ertragsaussichten, lohne sich das Börsenrisiko nicht, folgert Öko-Test.

Versicherer kontern: "An der Realität vorbei getestet."

Die Versicherer wiesen diesen Test scharf zurück: „An der Realität vorbei getestet“, lautet das Fazit des Branchenverbandes GDV. Auch diese Untersuchung zeige: Ökotest verfolge nicht das Ziel, die Verbraucher seriös und objektiv zu beraten. „Vielmehr soll die Riester-Rente diskreditiert werden.“ Denn wer so tue, als ob Versicherer keinerlei Überschüsse erwirtschafteten und darüber hinaus den Rendite-Effekt der staatlichen Zulage nicht berücksichtige, teste an der Realität vorbei.

Hintergrund: Die Grundzulage für den Einzelnen betrage bis zu 154 Euro im Jahr, so der GDV. Für jedes Kind gebe es 185 Euro extra und für Kinder, die 2008 oder später geboren sind, zahle der Staat sogar 300 Euro Zulage im Jahr. Laut der Ratingagentur Assekurata beträgt die laufende Überschussverzinsung der Lebensversicherung im Jahr 2012 immerhin 3,94 Prozent.

Dass die Zulagen in den „Rentabilitätsbetrachtungen“ unberücksichtigt blieben, sei nicht nachvollziehbar und gehe an der Perspektive der „riesternden“ Bürger völlig vorbei. Nur aufgrund dieser fehlerhaften Annahme sei das fatale und falsche Signal zu verstehen, Riester-Verträge würden sich für viele Bürger gar nicht lohnen. Richtig sei demgegenüber, dass sich für die allermeisten Bürger, insbesondere Geringverdiener und Familien, keine Vorsorge so gut rechne wie die Riester-Rente.

Öko-Test: „So trickst die Versicherungslobby“

Das von Ökotest angestellte Verhältnis zwischen Kosten und Zulagen sei überdies willkürlich und nicht aussagekräftig: Von Kunde zu Kunde seien die Zulagenquoten höchst unterschiedlich. Vor diesem Hintergrund überrasche es nicht, dass Ökotest ausgerechnet den Fokus seiner Berechnungen auf den alleinstehenden Durchschnittsverdiener lege, der wenig Zulage erhält. Die für diesen viel relevantere Steuerersparnis falle dagegen unter den Tisch.

Unseriös sei es auch, ausschließlich die Nominalsumme der zu erwartenden Zulagen mit den aufgezinsten Kosten zu vergleichen – so wie Ökotest es getan habe. Bei dieser Betrachtung falle eine wichtige Komponente vollständig unter den Tisch: Denn selbstverständlich würden auch Zulagen verzinst.

Fazit des GDV: „Ökotest sendet ein fatales Signal an die Vorsorgebereitschaft der Bevölkerung und konterkariert damit die Bemühungen von Staat und Anbietern, die Verbreitung der Riester-Rente noch weit über das bereits erreichte Maß von über 15 Millionen Vorsorgesparern zu erhöhen..“

Öko-Test zur Versicherer-Kritik: "Entbehrt jeder Grundlage"

Öko-Test reagierte auf Nachfrage auf die GDV-Kritik. Diese entbehre jeder Grundlage, erklärte Öko-Test-Chefredakteur Jürgen Stellpflug. Die Überschüsse seien sehr wohl berücksichtigt. Für alle Tarife seien auch die Rentenrendite auf die prognostizierte Rentenleistung ausgewiesen worden. Bei den fondsgebundenen Tarifen fließe diese Bewertung sogar zu 40 Prozent in die Gesamtnote mit ein. Allerdings weise man ausdrücklich darauf hin, dass sich – insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Kapitalmarktentwicklung  - kein Riester-Sparer darauf verlassen könne, dass die derzeit in Aussicht gestellten Überschüsse wirklich dauerhaft erwirtschaftet werden können.  

Privat vorsorgen per Riester-Rente

Öko-Test wolle darüber hinaus nicht den Fördereffekt herausstellen, sondern das Preis-Leistungsverhältnis der angebotenen Riester-Produkte testen. Geprüft werde also, wie gut die Versicherer mit dem ihnen anvertrauten Geld arbeiten und wie viel Kosten davon abgehen. Das lasse sich aber nicht mehr ermitteln, wenn die Zulagen als zusätzlicher Zinsertrag in die Berechnungen eingingen. Denn dadurch werde die originäre Leistung des Versicherers  mit der Förderleistung des Staates vermengt. Die tatsächlichen Kosten des Vertrags und die den Kunden wirklich gutgeschriebenen Überschüsse blieben dabei im Nebel. 

Die Renditen würden immer auf die gesamten Einzahlungen in den Vertrag berechnet, also die Summe aus Eigenbeitrag und Zulagen.  Dabei würden natürlich auch die Zulagen verzinst beziehungsweise der Teil davon, der nach Abzug der Kosten übrig bleibe. Insofern sei es auch nicht unseriös, die Ablaufleistung, die der Versicherer garantiert, einem Vertrag ohne Kosten gegenüberzustellen. Die Differenz sei der Vermögensverlust, den der Sparer durch Vertragskosten in der Ansparphase erleide. Wenn der GDV nun kritisiere, diesen Kosten würde die unverzinste Summe der Zulagen gegenübergestellt, so bleibt nur zu sagen: Die erhalte der Kunde ja oft nicht einmal, weil von den Zulagen bisweilen höhere Abschluss- und Vertragskosten abgingen als von den Eigenbeiträgen. Wenn man das auch noch berücksichtigen wollte, sähe die Relation oft noch schlechter aus.

Fazit: Riestern sollte einfacher und attraktiver werden

Unter dem Strich bleibt aus Kundensicht festzuhalten: Sicher zweifeln viele, ob sie sich jahrzehntelang in das Riester-Förderkorsettzwängen sollen und nach Abzug von Kosten genug Ertrag herauskommt. Und es drängt sich der Verdacht auf, dass vielen Menschen eine Riester-Rente verkauft wurde, die nicht zu ihnen passt.

Das Elf-Punkte-Programm für den Wohn-Riester (Teil 1)

Doch ehe man sich vom Finanzberater einen neuen Vertrag mit neuen Gebühren aufschwatzen lässt, sollte man prüfen, ob wirklich alles schlecht ist. Und bevor man seinen Vertrag auflöst, die Förderung zurückzahlt und nach Abzug der Kosten oft nur einen Bruchteil der Sparraten wiedersieht, kann man ihn stilllegen - und hoffen, dass das eingezahlte Geld auf Dauer Rendite einbringt.

Schließlich haben die Politiker die Botschaft der Kunden verstanden. Die Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Ursula von der Leyen, will nun „Riestern einfacher und attraktiver machen“. Geplant ist: ein Deckel bei den Wechselkosten, eine bessere Beteiligung an den Überschüssen der Versicherungen und glasklare Informationen zum einfachen Produktvergleich. Stärker als bisher will die Regierung den Wohn-Riester fördern. Dazu gibt es bereits ein Elf-Punkte-Programm.

Das Elf-Punkte-Programm für den Wohn-Riester (Teil 2)

Außerdem soll sich Riestern auch für Geringverdiener lohnen, die in Zukunft besonders von Altersarmut bedroht sind. Sie könnten bereits mit fünf Euro pro Monat einen Riester-Vertrag abschließen. Renten von Geringverdienern, die ein Leben lang fleißig waren, in die Rentenkasse eingezahlt und privat vorgesorgt haben, sollten zur Zuschussrente aufgewertet werden. Doch daran regt sich auch bereits Kritik bei Verbraucherschützern.

Verbraucherschützer warnen vor Zwang zur Altersvorsorge

Der Bund der Versicherten warnt vor einem Automatismus, der zu einem Zwang zur privaten Altersvorsorge führen könnte. Von der neuen „Zuschussrente“ sollen nur solche Personen profitieren, die selber privat vorsorgen. Für viele Niedrigverdiener komme dann nur die Riester-Rente in Frage. „Faktisch führt die neue Zuschussrente zu einem Zwangsriestern für Geringverdiener“, kritisiert Axel Kleinlein, Vorstandsvorsitzender des Bundes der Versicherten (BdV).

Denn wer auf private Altersvorsorge verzichte, verliere den Plänen zufolge alle Ansprüche auf die Zuschussrente. „Angesichts der katastrophalen Angebote, wie sie derzeit vertrieben werden, erweist von der Leyen den Geringverdienern geradezu einen Bärendienst“, erklärte Kleinlein. Denn wie auch die aktuellen Test-Ergebnisse von Öko-Test bestätigen, seien die meisten Riester-Versicherungen teuer, intransparent und bisweilen sogar riskant.

Die größten Riester-Irrtümer
Das Sparen für's Alter lohnt sicht, so das Versprechen der Politik. Was die Fakten sagen: Quelle: dpa
Irrtum 1: Mit Riester können Sparer kein Geld verlierenVersprechen: „Selbst wenn die Geldanlage im schlimmsten Fall keine Wertentwicklung verzeichnet, machen Sparer noch Gewinne“, schreibt zum Beispiel die Stiftung Warentest 2008 in einem Artikel zur Riester-Rente. Auf der Internetseite der Genossenschaftsbank Unterallgäu heißt es zum angebotenen Riester-Fondssparplan: „So können wir Ihnen garantieren, dass von Ihren eingezahlten Beiträgen kein Cent verloren geht.“ Tatsächlich müssen alle Riester Riester-Anbieter garantieren, dass zu Rentenbeginn wenigstens die Summe aus eingezahlten Beiträgen und staatlichen Zulagen auf dem Sparkonto liegt. Es scheint daher logisch, dass Riester-Sparer kein Geld verlieren können – warum es trotzdem nur Dichtung ist? Quelle: dpa
Irrtum 1: Mit Riester können Sparer kein Geld verlierenWahrheit: Das Riester-Guthaben zu Beginn der Rentenzahlung ist aus Sicht der Sparer eine fiktive Summe: Sie können auf dieses Guthaben nicht komplett zugreifen. Lassen sie sich ihr Guthaben auf einen Schlag auszahlen, müssen sie alle erhaltenen Vorteile zurückzahlen, sowohl Zulagen als auch Steuervorteile. Allenfalls 30 Prozent der Summe sind frei verfügbar, ohne dass sie die staatliche Förderung erstatten müssen. Im Regelfall erhalten Sparer aus dem Guthaben aber eine lebenslange Rente. Wie viel Geld der Riester-Sparer insgesamt bekommt, hängt daher vor allem von seiner Lebensdauer ab: Wer vor Erreichen des 80. Lebensjahres stirbt, kann mit Riester sehr wohl Geld verlieren. Auch in der Ansparphase sind Verluste möglich. Wer dann aus seinem Vertrag aussteigt, verliert ebenfalls Geld. Im schlimmsten Fall machen Riester-Sparer also anders als dargestellt keinen Gewinn, sondern Verluste. Quelle: dpa
2. Irrtum: Sparpläne vermeiden eine BeitragsverrentungVersprechen: „Bei der Riester-Rente entscheiden Sie sich zuerst für ein Vorsorgeprodukt, mit dem Sie Kapital für Ihr Alter ansparen wollen. Das kann etwa eine private Rentenversicherung, ein Fondssparplan oder ein Banksparplan sein", schreibt das Bundesfinanzministerium zur geförderten Altersvorsorge. Falsch ist das nicht. Die ganze Wahrheit aber auch nicht... Quelle: dpa
Irrtum 2: Sparpläne vermeiden eine BeitragsverrentungWahrheit: Auch wer sich für ein anderes Riester-Produkt, etwa einen Fondssparplan oder einen Banksparplan entscheidet, bekommt indirekt eine Rentenversicherung. Zwar fließt die spätere Rente anfangs in der Regel direkt aus dem angesparten Guthaben im Sparplan. Damit die Anbieter der Sparpläne ihnen aber wirklich eine lebenslange Rente garantieren können, schließen diese zu Rentenbeginn für die Kunden bei einem Versicherer eine Rentenversicherung ab. Die Police übernimmt dann alle Auszahlungen vom 85. Lebensjahr an. Tatsächlich muss also bei allen Riester-Sparprodukten eine Rentenversicherung genutzt werden. Nur wer vorzeitig aussteigt, kann diese Police meiden. Quelle: dpa
Irrtum 3: Kinder bringen Riester-Sparern viel GeldVersprechen: „Bei Familien mit Kindern meint es der Staat besonders gut: Für jedes Kind zahlt er bei einem Riester-Vertrag eine Zulage von 185 EUR“, wirbt der Versicherer Hanse Merkur 24 in einer Beispielrechnung. Für alle seit 2008 geborenen Kinder gibt es sogar 300 Euro. Klingt gut - ist es oft aber nicht. Quelle: dpa
Irrtum 3: Kinder bringen Riester-Sparern viel GeldWahrheit: In den meisten Fällen ändert sich die Rendite der Riester-Sparer durch die Geburt eines Kindes nicht. Zwar erhalten Sparer nach der Geburt zusätzlich zu ihrer eigenen Zulage (154 Euro) tatsächlich noch die Kinderzulage (185 Euro, für seit 2008 geborene Kinder 300 Euro). Doch neben den Zulagen gibt es auch noch einen Steuervorteil. Das Problem: Das Finanzamt zieht vom rechnerischen Steuervorteil (Gesamt-Riesterbeitrag multipliziert mit dem persönlichen Steuersatz) alle bereits ausgezahlten Zulagen ab – sowohl die eigene Zulage als auch alle Kinderzulagen. Daher fällt nach der Geburt eines Kindes der Steuervorteil meist genau um den Betrag der Kinderzulage. Solange der rechnerische Steuervorteil über der Summe der Zulagen liegt – und das ist in der Regel so –, verändert sich die Förderung insgesamt nicht. Die Summe aus Zulagen und tatsächlichem Steuervorteil bleibt dann nach der Geburt des Kindes gleich. Einen echten finanziellen Nutzen durch den Nachwuchs haben nur kinderreiche Sparer (etwa ab dem dritten Kind) oder Geringverdiener (unter 40.000 Euro). Quelle: dpa

„Viele Geringverdiener werden nur sehr wenig Geld für diese Privatvorsorge entbehren können“, befürchtet Kleinlein. Die Vertragsangebote für solche Minibeträge seien aber rar gesät. Meist komme dann nur die Riesterrente in Frage. „Wer also wenig verdient und später auf die Zuschussrente hofft, muss riestern – egal ob er will oder nicht“, fasst Kleinlein das Dilemma zusammen.

Immer mehr Anbieter versuchten, das Anlagerisiko auf die Verbraucher zu verlagern. Das sei aber gerade für Geringverdiener fatal. Denn sie seien auf eine verlässlich kalkulierbare private Zusatzrente angewiesen. Kleinlein fordert daher, dass zunächst einmal für vernünftige, also kostengünstige und transparente Riesterangebote gesorgt werden müsse, deren Garantien auch halten, was sie versprechen. Erst dann könne man über einen Zwangs-Riester diskutieren. Andernfalls solle das Kriterium der Privatvorsorge aus den Anforderungen für die Zuschussrente gestrichen werden. Zudem zeige die Erfahrung, dass kaum ein Riester-Kunde seinen Vertrag lange genug durchhalten wird, um die Anforderungen der Zuschussrente zu erfüllen.

Kernpunkte der Riester-Förderung

Nach den Plänen von Frau von der Leyen müsse bis zu 35 Jahre lang privat vorgesorgt werden. Die aktuellen Stornoquoten der Versicherer belegten jedoch, dass bei einem 35-Jahres-Vertrag aber gerade mal 28 Prozent aller Sparer durchhalten. “Der Großteil der Sparer wird die Zuschussrente allein deshalb nicht bekommen, weil sie nicht lange genug in der privaten Vorsorge bleiben“, fürchtet Kleinlein.

Die Gründe hierfür sieht der Verbraucherschützer hausgemacht: Unpassende Produkte und falsche Anreize in der Vermittlerschaft. Da die Vermittler den Großteil der Provision zu Vertragsbeginn bekämen, hätten sie kaum Interesse die Sparer im Sparprozess zu begleiten und damit etwa einer Kündigung entgegenzuwirken. Zudem begünstige dieses Vergütungssystem auch den Griff zu einem für den Vermittler lukrativen, aber für den Verbraucher unpassenden Vertrag.

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