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Altersvorsorge Gesetzliche Rente im Check: So viel Rendite gibt es

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Umstrittene Rentenbesteuerung mit großem Effekt

Die Beispielfälle sind in den gesetzlichen Sozialversicherungen abgesichert, also beispielsweise auch in einer gesetzlichen Krankenkasse. Ihre Steuer folgt den aktuellen Regeln. Würden diese Regeln dauerhaft beibehalten, würde die Steuer im Laufe der Zeit prozentual steigen, selbst wenn das Gehalt nur mit der Inflation mithält. In der Realität wird die Steuerformel um diesen Effekt bereinigt, damit nur eine tatsächlich höhere finanzielle Leistungsfähigkeit die prozentuale Steuerlast erhöht.

Um das zu berücksichtigen, wurde die Steuerfunktion in der Studie bereinigt. Für die Steuerabzüge auf die späteren Renten wurden jeweils die Durchschnittssteuersätze angesetzt. Da bei den betrachteten Fällen neben der gesetzlichen Rente keine weiteren Einkünfte im Alter angesetzt wurden, könnten die Frauen im realen Leben daher etwas mehr Steuer zahlen müssen als angenommen. Würden die auf den jeweils letzten Einkommens-Euro zu zahlenden Grenzsteuersätze verwendet, fielen die Renditen etwa um je 0,6 Prozentpunkte. Das wiederum dürfte ein zu negatives Bild abgeben, da die Rente einen Großteil der späteren Einkünfte ausmachen sollte. Insofern sind die Durchschnittssteuersätze ein guter Kompromiss.

Die DIW-Forscher haben auch den Umstieg auf die nachgelagerte Besteuerung berücksichtigt. Nachgelagert heißt, dass Rentner künftig erst bei Auszahlung Steuer auf ihre Renten zahlen müssen. Ihre Rentenbeiträge im Berufsleben hingegen können sie komplett steuerlich geltend machen, bekommen die auf diesen Teil ihres Bruttoeinkommens gezahlte Steuer also zurück. Noch ist es aber nicht so weit. So ist bislang erst ein Teil der Rentenbeiträge steuerlich absetzbar. Dafür muss aber auch die Rente noch nicht komplett versteuert werden. Beim 50-Jährigen sind später, mit 67 Jahren, 97 Prozent der Rente steuerpflichtig. Beim 40-Jährigen dann schon 100 Prozent, weil er nach dem Ende der Übergangsphase 2040 in Rente geht. Die Übergangsregeln für diese neue Rentenbesteuerung sind hoch umstritten, Änderungen nicht ausgeschlossen. Ein abschließendes Urteil des Bundesfinanzhofs dazu steht noch aus. Sollte die Steuer, wie von Kritikern vermutet, bislang zu hoch sein, könnte eine Steuerreform die Nettorenditen noch steigern.

Die Fortschreibung der Beitragssätze und Rentenwerte in der gesetzlichen Rentenversicherung folgt einem Simulationsmodell, PenPro genannt. Aus einer Bevölkerungsvorausberechnung und Annahmen zur künftigen Entwicklung der Erwerbsbeteiligung simuliert das Modell die weitere Entwicklung der Rente. Das Modell berücksichtigt so, dass Beitragszahler in der staatlichen Rentenkasse künftig steigende Beiträge schultern müssen. Ihr Absicherungsniveau hingegen wird sinken. Bis 2060 ergebe sich ein Anstieg des Beitragssatzes auf gut 24 Prozent und ein Rückgang des Sicherungsniveaus auf 42 Prozent, schreiben die Studienautoren. Das Sicherungsniveau vor Steuern gibt an, wie hoch die Rente nach 45 Beitragsjahren beim Durchschnittsgehalt im Verhältnis zum Durchschnittsgehalt aller Arbeitnehmer bei Rentenbeginn ist, beide Werte werden um die Sozialbeiträge korrigiert.

Privatversicherte profitieren zusätzlich

Schönfärberei kann man den Studienautoren nicht unterstellen. So berichten sie von einem „Nettorenditenabsturz“, der sich durch die Einführung der nachgelagerten Rentenbesteuerung und die Erhebung von Sozialbeiträgen auf die gesetzliche Rente ergeben habe. Zudem fielen die Renditen der 40-Jährigen bereits deutlich niedriger als die der 50-Jährigen aus, trotz einer im Laufe der Zeit weiter steigenden Lebenserwartung. Der Grund dafür sind die angenommenen steigenden Beitragssätze in der Rentenkasse ab Mitte der 2020er Jahre. Sie sind die Folge des Renteneintritts besonders geburtenstarker Jahrgänge, der sogenannten Babyboomer.



Als Einzahlungen wurden sowohl die Beiträge des Arbeitgebers als auch die des Arbeitnehmers betrachtet, also der Gesamtbeitrag. Die gesetzliche Rentenversicherung bietet neben der Altersrente weitere Absicherungen, etwa für Hinterbliebene (Witwen- und Witwerrenten, Waisenrenten), aber auch Zahlungen bei Erwerbsminderung, also einer Arbeitsunfähigkeit aus gesundheitlichen Gründen. Um das zu berücksichtigen, wurden in der Studie nur 80 Prozent der Einzahlungen als Rentenbeiträge gewertet. Die restlichen 20 Prozent werden der übrigen Absicherung zugeordnet, also den Risikokomponenten abseits der Altersrente. Diese 20 Prozent wären damit, wie bei anderen Risikoversicherungen, ohne Inanspruchnahme solcher Leistungen am Ende verloren. 

Wer keine Angehörigen hat oder von dauerhaft guter Gesundheit ausgeht, der misst diesen Leistungen persönlich womöglich keinen Wert zu. Dann müssten die Renditen auf Basis von 100 Prozent der Beiträge ermittelt werden. Sie  erreichten dann immerhin noch zwischen 2,1 und 2,9 Prozent pro Jahr.

Alle Werte beziehen sich auf gesetzlich Krankenversicherte. Ihnen werden aktuell etwa elf Prozent Krankenkassenbeitrag von der gesetzlichen Rente abgezogen. Die Studie geht von konstanten Beitragssätzen in den Krankenkassen aus. Privatversicherte hingegen zahlen ihre Beiträge unabhängig vom Einkommen. Sie müssen bei der gesetzlichen Rente daher keine Abzüge hinnehmen. Im Gegenteil: Sie bekommen sogar noch einen Zuschuss von bis zu knapp acht Prozent der Rente. Ihre Nettorenditen dürften damit etwa einen halben Prozentpunkt höher ausfallen als die gesetzlich Krankenversicherter.

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Insgesamt ist die gesetzliche Rente aus heutiger Sicht daher ganz und gar nicht  unattraktiv. In Zeiten nullverzinster Sparkonten dürften einige sogar über freiwillige Zusatzbeiträge nachdenken. Bis 45 Jahre können Versicherte oft Beiträge für Schul- und Ausbildungsjahre nachzahlen, ab 50 Jahren können sie Zusatzbeiträge für den Ausgleich von Rentenabschlägen bei Frührenten leisten, selbst wenn sie tatsächlich gar keine solche Frührente geplant haben. Welche Optionen es dabei gibt und warum sich diese oft besonders rechnen, haben wir hier beschrieben. Manchmal kann so zum Beispiel auch die Auszahlung einer Abfindung praktisch steuerfrei bleiben.

Die Rentenkasse wird für manche derzeit zur Geldanlage. Wer hätte das gedacht!

Umsetzbares Wissen rund um die Altersvorsorge finden Sie auch in unserer Rubrik erfolg.reich Meine Altersvorsorge - Tipps für mehr Rente, eine bessere private Vorsorge und den vorzeitigen Berufsausstieg. Schauen Sie mal rein!

Dieser Artikel erschien erstmals im Dezember 2020 bei der WirtschaftsWoche.

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