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Altersvorsorge und Euro-Krise Euro-Retter Deutschland im Schuldensog

Investoren zweifeln erstmals an Bundesanleihen, die Europäische Zentralbank muss immer mehr Bonds der Euro-Randstaaten kaufen: Europas Schuldenkrise bedroht jetzt Lebensversicherer und Pensionskassen. Ist unsere private Altersvorsorge gefährdet?

Rettungsboot für den Euro: An der Grenze des Belastbaren Quelle: Illustration: Thomas Fuchs

Betreff: „Ende der Veranstaltung!“ steht über einer E-Mail, die bei Investoren die Runde machte. Ihr Autor dankte einem US-Analysten, der herausgefunden habe, dass die Routine-Auktion zehnjähriger Bundesanleihen mangels Nachfrage zu einer „hässlichen Vorstellung“ entartet sei. „Ich erzähle das nicht, um irgendjemandem vor Thanksgiving die Stimmung zu vermiesen, sondern weil Deutschland der Rettungsschwimmer für eine absaufende Ansammlung europäischer Staaten ist, inklusive Spanien.“ Die Botschaft dahinter: Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Papiere überschuldeter Staaten aus der Peripherie der Euro-Zone abschmieren und diese – wenn sie überhaupt noch privates Geld bekommen – immer höhere Zinsen bieten müssen. Wer aber soll, wenn Investoren jetzt auch deutsche Staatstitel abstrafen, dann noch Europa retten?

Der Markt für Staatsschulden – und nichts anderes sind Bundesanleihen – ist alles andere als eine Veranstaltung für Spezialisten und Spekulanten. Hier wird entschieden, wie viel Schulden ein Staat machen kann und welchen Zins er zahlen muss. Ein durchschnittlicher deutscher Privathaushalt hält rund 9000 Euro in Anleihen. Gravierender: Die Ansprüche je Haushalt gegenüber Lebensversicherungen und Pensionskassen sind mehr als dreimal so hoch. Jeder Deutsche hat im Schnitt 1,12 Lebensversicherungspolicen. Versicherer und Pensionskassen aber, denen wir unsere private Altersvorsorge anvertraut haben, investieren vor allem in Anleihen.

Das ist das Problem: Die Staaten verschulden sich über Anleihen, Versicherer kaufen sie ihnen ab. Was also bewegt aktuell die Investoren auf den Anleihemärkten, wie werden sich die Zinsen entwickeln – und was bedeutet das für unsere Altersvorsorge?

Streng reguliert

636 Milliarden Euro haben Lebensversicherer in Rentenpapiere investiert. Laut Branchenverband GDV steckten per Ende Juni 2010 zwar nur 13 Prozent der Kapitalanlagen in Staatsanleihen und direkten Darlehen an Staaten. Die Lebensversicherer halten aber indirekt, vor allem über Pfandbriefe und Fonds, weitere Staatsschulden (siehe Grafik Seite 101). In der betrieblichen Altersvorsorge, wo 153 Pensionskassen etwa 112 Milliarden Euro verwalten, ist „der Anteil der Staatsanleihen und Bankschuldverschrei-bungen bei den größten Pensionskassen ähnlich hoch wie bei Lebensversicherungen“, sagt Marcus Burkert, Geschäfts-führer beim Pensionskassen-Berater Heubeck-Feri.

Versicherer werden streng reguliert – die Aufsichtsbehörden achten genau darauf, dass sie nicht zocken. Weil sie ihren Kunden zudem bestimmte Renditen garantieren und gewaltige Summen anlegen müssen, brauchen sie sehr sichere Investments. „Das waren im Zweifel immer Staatsanleihen, vor allem deutsche“, sagt Hans-Günter Redeker, Zins- und Währungsstratege der BNP Paribas in London. Staatsanleihen, erst recht europäische, galten über Jahrzehnte als ausfallsicher und brachten eine genau kalkulierbare Rendite. Versicherer und Pensionsfonds konnten beliebig viel Geld dort investieren, anders als etwa in Aktien, deren Wert stärker schwankt.

Nach dem Crash am Aktienmarkt 2001/02 fuhren deutsche Versicherungen ihre Aktienquoten massiv herunter, im Schnitt von mehr als zwölf auf unter ein Prozent. Lediglich die Allianz Leben hält noch rund acht Prozent in Aktien.

Sicherer Hafen?

Bis in den November hinein „profitierten vor allem die deutschen Staatsanleihen als relativ sicherer Hafen von den Problemen anderer Länder“, sagt Martin Hüfner, ehemaliger Chefvolkswirt der HypoVereinsbank. So trieb die Griechenland-Krise im Mai die Anleger in deutsche Schuldtitel; bis Oktober flossen netto laut Deutscher Bundesbank bis zu 30 Milliarden Euro pro Monat aus dem Ausland in die deutschen Papiere.

Die massiven Zuflüsse trieben die Kurse und drückten die Verzinsung; die Bund-Renditen, die sich gegenläufig zu den Kursen entwickeln, fielen auf fast 2,1 Prozent für Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit. Deutschland genoss unbegrenztes Vertrauen bei Anlegern – und konnte so weiter Schulden machen und Garantien für andere geben: 48 Milliarden Euro Neuverschuldung 2011, 22 Milliarden Euro Kredite und Garantien für Griechenland, knapp 150 Milliarden Euro Garantien für den Rettungsschirm von EU und IWF, zuletzt 6,25 Milliarden Euro als Beitrag zum Irland-Rettungspaket – und als dickster Posten bisher 180 Milliarden an Garantien und Krediten für Banken. Bundespapiere für 200 Milliarden Euro muss die Finanzagentur 2011 auf den Markt bringen. „Europa ist ein einfaches Spiel: 27 Nationen sind dabei, am Ende zahlen immer die Deutschen“, sagt Neil Dwane, Europa-Investmentchef von Allianz Global Investors – ein Brite.

Kapitalmarkt zweifelt

Bundesanleihen

Doch die Regeln des Spiels ändern sich gerade. Der Bundesanleihe-Crashprophet, der seine Anhänger per Mail informierte, war ungewöhnlich gut informiert: Aus den wenige Tage später von der Bundesfinanzagentur veröffentlichten Auktionsdaten der Bundesanleihe geht hervor, dass am 24. November für gut 94 Prozent der angebotenen sechs Milliarden Euro überhaupt Gebote eingegangen waren. So etwas hat es in diesem Jahr bei zehnjährigen Bunds noch nie gegeben. Ein Teil der Anleihen sei vom Bund für Termingeschäfte zurückgehalten worden, heißt es am Markt, auch sei die Verzinsung der Sechs-Milliarden-Anleihe immer noch bescheiden – obwohl die mit 2,59 Prozent 0,3 Prozentpunkte mehr Rendite bot als die letzte Bund-Neuemission vom 13. Oktober. Die wurde trotzdem deutlich stärker nachgefragt. Aber das war, bevor Irland gerettet werden musste.

Transferunion treibt Zinsen

Kein Zweifel: Bundesanleihen schwächelten zuletzt. „Die weltweite Flucht der Anleger in Bunds scheint mit der Irland-Krise aufgehört zu haben“, sagt Redeker, „die Bund-Renditen sind nicht mehr, wie in früheren Krisen, gefallen, sondern überraschend schnell gestiegen, was ein abruptes Ende der Netto-Kapitalzuflüsse in deutsche Staatsanleihen signalisiert.“

„Der Bondmarkt spielt momentan ganz klar das Thema Transferunion“, sagt Alexander Seibold, Vermögensverwalter aus Gmund am Tegernsee und früherer Chef der Irland-Niederlassung der HypoVereinsbank. Übersetzt heißt das: Anleger befürchten, dass die Schuldenkrise anhält und Deutschland dabei immer höhere Transferleistungen an schwächere Euro-Länder abverlangt werden. „Darunter würde früher oder später auch Deutschlands Bonität leiden; die Zinslast müsste auch für den deutschen Finanzminister steigen“, meint Seibold. In einer Transferunion würden die relativ starken Kernländer wie Deutschland, Niederlande, Österreich und womöglich Frankreich und Finnland den schwachen Ländern mit Steuergelder-Transfers unter die Arme greifen. Dadurch würden zwar die Schuldenquoten der Schwachen fallen, gleichzeitig sich aber die Kreditberge der Kernländer vergrößern.

Eigentlich sollte das 85 Milliarden schwere Rettungspaket für Irland endlich die Anleihemärkte beruhigen. Doch die Risikoprämien, die Käufer von Anleihen der PIIGS-Staaten Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien verlangten, schnellten rasch wieder nach oben. Erst die Spekulation auf massive Käufe von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB) brachte am vergangenen Donnerstag die Wende – vorläufig.

„Zur großen Entscheidungsschlacht“, sagt Hüfner etwas martialisch, „käme es, wenn mit Spanien das erste große Land Rettungsgelder bräuchte.“

Würde es Spanien nicht schaffen, sich aus eigener Kraft mit Geld zu versorgen, müsste die EZB spanische Bonds kaufen. Ansonsten gerieten womöglich Italien und Belgien als Nächste ins Visier der Märkte. Und „je mehr Länder unter den Rettungsschirm schlüpfen, der dann ohnehin bald mit neuen Steuergeldern aus den Geberländern aufgefüllt werden müsste, desto größer wird die Koalition jener, die weitere Transferleistungen zu günstigen Konditionen für sich einfordern werden“, fürchtet Jochen Felsenheimer, Kreditexperte beim Assetmanager Assénagon. Deutschland müsste immer höhere Renditen bieten.

Zinsanstieg trifft Versicherte

Versicherer und Pensionskassen würden bei anziehenden Renditen Verluste einfahren, denn Kurs und Rendite verhalten sich bei Anleihen immer gegensätzlich. Wenn die Rendite einer Anleihe mit neun Jahren Restlaufzeit von derzeit aktuell 2,7 auf beispielsweise 4,5 Prozent steigt, fällt deren Kurs um 13,5 Prozent. Steigende Volatilität und Abstufungen durch Ratingagenturen könnten einen unheilvollen, sich selbst verstärkenden Trend auslösen. Redeker: „Die großen internationalen Pensionsversicherungen arbeiten fast alle mit einem stark automatisierten, passiven Anlagemodell, das sie zwingt, Wertpapiere zu verkaufen, deren Kurse über einen bestimmten Zeitraum zu stark schwankten.“

Euro-Säge Quelle: Thomas Fuchs

Immerhin: Versicherer würden bei steigenden Renditen zwar Kursverluste auf gehaltene Papiere erleiden. Weil bei diesen aber 10 bis 20 Prozent Kursgewinne aufgelaufen sind – bei länger laufenden Bundesanleihen bis zu 40 Prozent –, wären Verluste aber verschmerzbar. Positiv zu Buche schlagen würde, dass Versicherer für neue Papiere höhere Zinszahlungen bekämen, wenn die Zinsen steigen.

Die Lebensversicherer müssen jetzt wetten: Gothaer-Finanzvorstand Jürgen Meisch legt frisches Geld jetzt für sechs bis sieben Jahre an, Debeka-Finanzvorstand Rolf Florian kauft lange Laufzeiten zwischen 20 und 30 Jahren. Nur einer kann am Ende die Wette gewinnen – kommt die Zinswende oder steigt die Inflationsrate, verlieren Florians langlaufende Papiere. Das Geld von Meisch würde schneller frei. Bleiben die Zinsen niedrig, können Florians Kunden mit höheren Überschüssen rechnen, denn je länger die Laufzeit, desto höher rentieren die Anleihen.

Kauft die EZB mehr Anleihen?

Ob sich steigende Anleihezinsen letztlich in höheren realen Renditen für Versicherer niederschlagen – also in Renditen nach Abzug der Inflationsrate –, hängt von der Inflationsentwicklung ab. Die EZB erwartet für die Euro-Zone nach wie vor kaum Inflation. Doch das klingt bisweilen nach Pfeifen im Walde. Noch steigt die Geldmenge nicht, das von der EZB geschöpfte Geld wird bei den Banken der Euro-Zone gebunkert.

Werden die Rettungsschirme, wenn größere Staaten die Hand heben, nicht mehr ausreichen und wird auch Deutschland in den Strudel am Anleihemarkt hineingezogen, dürfte die EZB nach dem Vorbild der US-Notenbank Fed mehr Staatsanleihen kaufen und die Notenpresse schneller laufen lassen. Nach Andeutungen von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet Mitte vergangener Woche spekulierten Marktteilnehmer, dass die EZB für die gigantische Summe von 1000 bis 2000 Milliarden Euro Staatsanleihen kaufen könnte. Trichet widerstand bisher, in jedem Fall wäre dies eine Trendwende der bislang vorsichtigen Zentralbankpolitik – bis Anfang Dezember kaufte die EZB erst für 67 Milliarden Euro Staatsanleihen. Die Anleihen der gefährdeten Süd-Länder reagierten mit Kursgewinnen und stark fallenden Risikozuschlägen auf die EZB-Anleihekaufspekulationen.

Wie fundiert sie sind, ist unklar. Kauft die EZB tatsächlich massenhaft Anleihen gegen neue Euro ein, wäre das Geldschöpfung pur – und die führte in der Historie bisher immer zu Geldentwertung.

Kunden verlieren bei Inflation

Ziehen die Preise an, so wie aktuell bei Aktien, Immobilien und Rohstoffen zu beobachten, werden sich Inflationserwartungen verstärken, die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes nimmt zu, weil Verbraucher sich rasch von ihm trennen wollen – und die Inflation steigt. EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark diagnostizierte bereits eine global üppige Liquiditätsentwicklung. Bei starker Inflation wären Lebensversicherungskunden eindeutig Verlierer, verglichen mit Besitzern von Immobilien, Aktien und Gold. Die von den Versicherern versprochene Auszahlung hätte real – nach Abzug der Inflation – kaum noch Gegenwert.

Die Alternative zu Transferunion und Inflationierung wäre das Ende der gemeinsamen Währung. „Denkbar ist die Einführung eines Nord- oder Kern-Euro und eines Süd- oder Peripherie-Euro“, sagt Seibold. Die Süd-Euro-Länder müssten eine massive Abwertung hinnehmen, die übrigen Länder der Euro-Zone sich im Gegenzug auf eine Aufwertung ihres Euro gefasst machen. „Die Anleiherenditen würden sich dann vermutlich wieder auf Niveaus einpendeln, wie sie ohne die künstliche Verzerrung durch den Euro vor der Währungsunion üblich waren“, schätzt Seibold. „Das heißt für die Südländer vermutlich hohe einstellige, vielleicht knapp zweistellige Renditen für zehnjährige Staatsanleihen.“

Im Norden würden die Renditen niedrig bleiben, weil anhaltende Kapitalzuflüsse, wie bis vor Kurzem eben in deutsche Staatsanleihen, zu erwarten wären. Haircuts, also ein teilweiser Forderungsverzicht der Gläubiger, „wären für die Schuldtitel im schwächeren Süd-Euro-Raum dann aber wohl kaum vermeidbar, einen Tod müssen die Anleger sterben“, meint Seibold. Denn die Altschulden der schwachen Länder würden weiterhin auf Euro lauten, gegenüber dem ihr neuer Süd-Euro massiv abwerten und die reale Schuldenlast verschlimmern würde.

Ein Zerfall des Euro wäre fatal

Staatsanleihen und Schuldpapiere

Bräche die Euro-Zone auseinander, träfe das die Versicherer hart: Weil die Währungen der schwachen Länder dann stark gegenüber der deutschen Währung abwerten würden und ihre Staatsanleihekurse fielen, müssten Versicherer Euro-Papiere aus ihren Portfolios werfen und würden auch an Abschreibungen kaum vorbeikommen.

„Ein Zahlungsausfall oder auch nur eine Kürzung der Rückzahlung bei einem der großen Euro-Länder könnte eine negative Kettenreaktion auslösen, die in ihren Auswirkungen weit über die Lehman-Pleite hinausginge“, sagt Stephan Kuhnke, Leiter Portfoliomanagement beim Anleihemanager Bantleon. Es sei zu bedenken, dass Italien und Spanien Auslandsschulden von jeweils rund 1900 Milliarden Euro hätten. Diese bei einer dann plötzlich massiv geschwächten Währung zurückzahlen zu müssen dürfte die schwachen Staaten endgültig in die Pleite treiben.

Wer an ein solches Extremszenario glaubt, sollte privat verstärkt in heimische Papiere investieren. Im Falle einer Währungsreform hätten Versicherte wenigstens noch das vertragliche Auszahlungsversprechen ihrer Assekuranz in der Hand – geht der Versicherer im Zuge der Reform nicht pleite, kann der Kunde später, unter einer neuen Währung, auf seinen Vertrag pochen.

Gefährliche Bankpapiere

Auf den ersten Blick beruhigend: Der direkte Anteil der Versicherungs-Investments in hoch verschuldeten Problem-ländern ist gering. Die Ratingagentur Assekurata ermittelte im Juni für 20 von ihr untersuchte Lebensversicherer einen Anteil der Staatsanleihen aus Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien von unter zwei Prozent. Der NRW-Pensionsfonds für neu eingestellte Landesbedienstete hat immerhin sieben Prozent seiner 3,2 Milliarden Euro in griechische Anleihen gesteckt, der Versicherungsverein des Bankgewerbes (BVV), mit 22 Milliarden Euro größte deutsche Pensionskasse, hält 3,5 Prozent ihres Kapitals in Anleihen der PIIGS-Staaten. Insgesamt liegen 16 Prozent des Portfolios in Staatsanleihen. „Der derzeit hohe Anteil liegt auch am mangelnden Angebot auf dem Pfandbriefmarkt“, sagt BVV-Vorstandsmitglied Rainer Jakubowski.

Indirekt träfen Kreditausfälle schwacher Staaten alle Versicherten. Etwa zwei Drittel der Kapitalanlagen der Lebensversicherer sind nach Schätzungen des Branchenverbands GDV in irgendeiner Form mit Bankenrisiken verknüpft: Banken-Schuldverschreibungen, direkte Kredite an Banken, Bankeinlagen und Pfandbriefe, in denen 25 Prozent der Lebensversichertengelder stecken.

Pfandbriefe sind traditionell mit Immobilien oder mit Schulden von Staaten und Gemeinden besichert. In Letzteren, den öffentlichen Pfandbriefen, stecken erhöhte PIIGS-Risiken: 8,3 Prozent der Kredite hatten Pfandbriefbanken im dritten Quartal an Staaten und Gemeinden in schwächelnden Euro-Staaten vergeben.

Sichere Papiere aus Deutschland

Größte europäische Emittentin von Pfandbriefen – außerhalb Deutschlands weniger gut besichert und „Covered Bonds“ genannt – war die Skandalbank Hypo Real Estate. Pfandbriefe, die mit deutschen Immobilien besichert sind, gelten als sehr sicher – Bonds auf spanische oder irische Immobilien nicht.

Über die Banken sind so auch die Lebensversicherer den Risiken möglicher Staatsbankrotte ausgesetzt. Zumal die meisten Staaten ihren Banken umfangreiche Garantien gewährt haben, ohne die viele kaum noch an Geld kämen. Allein Irland hatte 2008 mehr als 400 Milliarden Euro Garantien für die Banken übernommen, bis zu 90 Milliarden Euro dürften tatsächlich als Verluste aus Kreditausfällen auflaufen.

Würden die Staaten in solchen Fällen nicht mehr einspringen, etwa weil sie selbst zahlungsunfähig sind, bekämen diese Banken Probleme. Zudem drohten allen Banken dann Abschreibungen auf die betroffenen Staatsschulden. Nach Daten des ifo Instituts hatten deutsche Banken Ende 2009 Forderungen von mehr als 40 Milliarden Euro allein gegenüber den Staaten Griechenland, Irland, Portugal und Spanien. Versicherern als Besitzern von Bankanleihen droht schon in den kommenden Wochen eine stärkere Beteiligung an Verlusten. Dann soll das Bankenrestrukturierungsgesetz in Kraft treten, nach dem auch Gläubiger zur Kasse gebeten werden können.

Neue Regeln für Grossanleger

Sparschwein Quelle: Thomas Fuchs

Um Versicherer, Pensionskassen und Fonds künftig auch an den Kosten der Staatsschuldenkrise zu beteiligen, wollen die Euro-Finanzminister von 2013 an neue Insolvenzregeln für Staatsanleihen in Emissionsprospekten verankern. Investoren werden dann im Falle einer Staatspleite einen Teil ihres Geldes verlieren. „Mit der Pauschalgarantie durch den Steuerzahler ist es dann vorbei“, sagt Seibold.

Konkret: Hat ein Land nur einen vorübergehenden Zahlungsengpass, so wie vor Kurzem Irland oder womöglich bald Portugal, sollen Gläubiger ihre Anleihen zunächst nicht verkaufen. Dann wird abgewartet, ob sich das Land erholt. Kommt es dennoch zum Bankrott, muss das Land mit den Gläubigern ein Konzept zur Umschuldung aushandeln. Die Gläubiger können dann mehrheitlich beschließen, die Laufzeit der Anleihen zu verlängern oder die Zinszahlungen zu senken.

„Bislang können einzelne Anleihebesitzer solche Einigungen torpedieren und so die Entschuldung eines Landes hinauszögern“, sagt Andreas Utermann, Global Chief Investment Officer bei RCM (Allianz Global Investors).

Da die Politik mit den neuen Regeln für Anleihen erstmals zugibt, dass Teilausfälle in Zukunft möglich sind und sie nicht für immer ihre schützende Hand über Investoren halten wird, drohen den Versicherern auch aus einer ganz anderen Richtung höhere Kosten: Die geplante Beteiligung der Investoren an künftigen Zahlungsausfällen stellt nun auch die neuen Eigenkapitalregeln für europäische Versicherer und die ihnen gleichgestellten Pensionskassen infrage.

Von 2013 an sollen sie nach dem Willen der EU-Finanzminister ihr Eigenkapital an das Risiko ihrer Geldanlagen anpassen. Je risikoreicher sie anlegen, desto mehr Eigenkapital müssen sie als Puffer für mögliche Verluste bereithalten. Für Aktien planen Regulierer unter den Solvency-II-Regeln 40 und für Immobilien bis zu 25 Prozent der Anlagesumme. Nur für EU-Staatsanleihen wird bislang kein Eigenkapital fällig, auch nicht für Papiere aus Griechenland oder Irland. So zwingen Europas Staaten die Versicherer faktisch, ihre maroden Anleihen zu kaufen. Carsten Zielke, Versicherungsanalyst der Société Générale und Berater der EU-Kommission, fordert daher: „Solvency II muss angepasst werden; denn auch Staatsanleihen sind nicht risikofrei.“ Versicherungen sollten demnach künftig auch EU-Staatsanleihen mit Kapital unterlegen. Politikern dürfte die Verabschiedung einer solchen Reform allerdings schwerfallen, würde sie doch die Nachfrage nach Euro-Staatsanleihen drosseln.

Raus aus der Police?

Fest steht: Wer seine private Altersvorsorge nur auf der Lebensversicherung aufbaut, hat ein erhebliches Anleiherisiko im Depot. Das abzubauen gestaltet sich schwierig. Wer kündigt, erleidet hohe Verluste – vor allem in den ersten Vertragsjahren, während derer die Versicherer den Kunden die Abschluss- und Vertriebskosten berechnen.

Verbraucherschützer haben vor Gericht aber Verbesserungen durchgesetzt: Aus seit 2008 abgeschlossenen Verträgen müssen Kunden mindestens 85 Prozent ihrer eingezahlten Beiträge zurückbekommen. Bei älteren Policen liegt die Mindestquote bei 50 Prozent. Deren Besitzer fahren oft besser, wenn sie die Laufzeit ihrer Police verkürzen oder diese beitragsfrei stellen. Der Vertrag läuft dann weiter, das vorhandene Guthaben verzinst sich, neue Beiträge werden nicht mehr fällig.

Alternativ können Versicherte ihre Police auch bei Aufkäufern versilbern. Der Bund der Versicherten rät, nur Angebote von Mitgliedern des Branchenverbands BVZL einzuholen. Weitere Kriterien: Den Erben der Versicherten sollte im Todesfall eine Auszahlung garantiert und der Vertrag nicht in Raten ausgezahlt werden.

Aktien und Gold beimischen

Zweitmarkt-Anbieter wie Cash-Life zahlen drei bis fünf Prozent mehr als die Versicherung. Sie führen die Police weiter oder verkaufen sie an einen Fonds, der am Ende die Auszahlung kassiert. In diesem Jahr dürften bundesweit Verträge im Wert von 150 Millionen Euro verkauft werden. Noch im Jahr 2007 waren es 1,4 Milliarden Euro. „Die Aufkäufer würden gern mehr Policen abnehmen, es fehlt allerdings an geeigneten Verträgen“, sagt BVZL-Vorstand Ingo Wichelhaus. Gefragt sind Policen mit fünf bis sieben Jahren Restlaufzeit von renditestarken Anbietern. Renditestark sind etwa LVM, Huk-Coburg, Debeka, Europa, Cosmos Direkt, Allianz und WGV. Gerade die aber muss man nicht unbedingt verkaufen. Die Spitzenreiter des Finsinger-Ratings haben niedrige Kosten und sind so kapitalstark, dass sie gewinnbringend anlegen können.

Stark am Fliegenfänger des Anleihemarkts – und damit im Zentrum der Schuldenkrise stehen Anleger allerdings auch mit ihnen. Versicherte sollten auf Anleihekäufe verzichten und lieber Aktien (siehe Shortfacts) und Gold aufstocken. Hier dürfte mehr zu holen sein – auch 2011.

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