WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Altersvorsorge und Euro-Krise Euro-Retter Deutschland im Schuldensog

Seite 2/5

Kapitalmarkt zweifelt

Bundesanleihen

Doch die Regeln des Spiels ändern sich gerade. Der Bundesanleihe-Crashprophet, der seine Anhänger per Mail informierte, war ungewöhnlich gut informiert: Aus den wenige Tage später von der Bundesfinanzagentur veröffentlichten Auktionsdaten der Bundesanleihe geht hervor, dass am 24. November für gut 94 Prozent der angebotenen sechs Milliarden Euro überhaupt Gebote eingegangen waren. So etwas hat es in diesem Jahr bei zehnjährigen Bunds noch nie gegeben. Ein Teil der Anleihen sei vom Bund für Termingeschäfte zurückgehalten worden, heißt es am Markt, auch sei die Verzinsung der Sechs-Milliarden-Anleihe immer noch bescheiden – obwohl die mit 2,59 Prozent 0,3 Prozentpunkte mehr Rendite bot als die letzte Bund-Neuemission vom 13. Oktober. Die wurde trotzdem deutlich stärker nachgefragt. Aber das war, bevor Irland gerettet werden musste.

Transferunion treibt Zinsen

Kein Zweifel: Bundesanleihen schwächelten zuletzt. „Die weltweite Flucht der Anleger in Bunds scheint mit der Irland-Krise aufgehört zu haben“, sagt Redeker, „die Bund-Renditen sind nicht mehr, wie in früheren Krisen, gefallen, sondern überraschend schnell gestiegen, was ein abruptes Ende der Netto-Kapitalzuflüsse in deutsche Staatsanleihen signalisiert.“

„Der Bondmarkt spielt momentan ganz klar das Thema Transferunion“, sagt Alexander Seibold, Vermögensverwalter aus Gmund am Tegernsee und früherer Chef der Irland-Niederlassung der HypoVereinsbank. Übersetzt heißt das: Anleger befürchten, dass die Schuldenkrise anhält und Deutschland dabei immer höhere Transferleistungen an schwächere Euro-Länder abverlangt werden. „Darunter würde früher oder später auch Deutschlands Bonität leiden; die Zinslast müsste auch für den deutschen Finanzminister steigen“, meint Seibold. In einer Transferunion würden die relativ starken Kernländer wie Deutschland, Niederlande, Österreich und womöglich Frankreich und Finnland den schwachen Ländern mit Steuergelder-Transfers unter die Arme greifen. Dadurch würden zwar die Schuldenquoten der Schwachen fallen, gleichzeitig sich aber die Kreditberge der Kernländer vergrößern.

Eigentlich sollte das 85 Milliarden schwere Rettungspaket für Irland endlich die Anleihemärkte beruhigen. Doch die Risikoprämien, die Käufer von Anleihen der PIIGS-Staaten Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien verlangten, schnellten rasch wieder nach oben. Erst die Spekulation auf massive Käufe von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB) brachte am vergangenen Donnerstag die Wende – vorläufig.

„Zur großen Entscheidungsschlacht“, sagt Hüfner etwas martialisch, „käme es, wenn mit Spanien das erste große Land Rettungsgelder bräuchte.“

Würde es Spanien nicht schaffen, sich aus eigener Kraft mit Geld zu versorgen, müsste die EZB spanische Bonds kaufen. Ansonsten gerieten womöglich Italien und Belgien als Nächste ins Visier der Märkte. Und „je mehr Länder unter den Rettungsschirm schlüpfen, der dann ohnehin bald mit neuen Steuergeldern aus den Geberländern aufgefüllt werden müsste, desto größer wird die Koalition jener, die weitere Transferleistungen zu günstigen Konditionen für sich einfordern werden“, fürchtet Jochen Felsenheimer, Kreditexperte beim Assetmanager Assénagon. Deutschland müsste immer höhere Renditen bieten.

Zinsanstieg trifft Versicherte

Versicherer und Pensionskassen würden bei anziehenden Renditen Verluste einfahren, denn Kurs und Rendite verhalten sich bei Anleihen immer gegensätzlich. Wenn die Rendite einer Anleihe mit neun Jahren Restlaufzeit von derzeit aktuell 2,7 auf beispielsweise 4,5 Prozent steigt, fällt deren Kurs um 13,5 Prozent. Steigende Volatilität und Abstufungen durch Ratingagenturen könnten einen unheilvollen, sich selbst verstärkenden Trend auslösen. Redeker: „Die großen internationalen Pensionsversicherungen arbeiten fast alle mit einem stark automatisierten, passiven Anlagemodell, das sie zwingt, Wertpapiere zu verkaufen, deren Kurse über einen bestimmten Zeitraum zu stark schwankten.“

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%