Altersvorsorge und Euro-Krise Euro-Retter Deutschland im Schuldensog

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Euro-Säge Quelle: Thomas Fuchs

Immerhin: Versicherer würden bei steigenden Renditen zwar Kursverluste auf gehaltene Papiere erleiden. Weil bei diesen aber 10 bis 20 Prozent Kursgewinne aufgelaufen sind – bei länger laufenden Bundesanleihen bis zu 40 Prozent –, wären Verluste aber verschmerzbar. Positiv zu Buche schlagen würde, dass Versicherer für neue Papiere höhere Zinszahlungen bekämen, wenn die Zinsen steigen.

Die Lebensversicherer müssen jetzt wetten: Gothaer-Finanzvorstand Jürgen Meisch legt frisches Geld jetzt für sechs bis sieben Jahre an, Debeka-Finanzvorstand Rolf Florian kauft lange Laufzeiten zwischen 20 und 30 Jahren. Nur einer kann am Ende die Wette gewinnen – kommt die Zinswende oder steigt die Inflationsrate, verlieren Florians langlaufende Papiere. Das Geld von Meisch würde schneller frei. Bleiben die Zinsen niedrig, können Florians Kunden mit höheren Überschüssen rechnen, denn je länger die Laufzeit, desto höher rentieren die Anleihen.

Kauft die EZB mehr Anleihen?

Ob sich steigende Anleihezinsen letztlich in höheren realen Renditen für Versicherer niederschlagen – also in Renditen nach Abzug der Inflationsrate –, hängt von der Inflationsentwicklung ab. Die EZB erwartet für die Euro-Zone nach wie vor kaum Inflation. Doch das klingt bisweilen nach Pfeifen im Walde. Noch steigt die Geldmenge nicht, das von der EZB geschöpfte Geld wird bei den Banken der Euro-Zone gebunkert.

Werden die Rettungsschirme, wenn größere Staaten die Hand heben, nicht mehr ausreichen und wird auch Deutschland in den Strudel am Anleihemarkt hineingezogen, dürfte die EZB nach dem Vorbild der US-Notenbank Fed mehr Staatsanleihen kaufen und die Notenpresse schneller laufen lassen. Nach Andeutungen von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet Mitte vergangener Woche spekulierten Marktteilnehmer, dass die EZB für die gigantische Summe von 1000 bis 2000 Milliarden Euro Staatsanleihen kaufen könnte. Trichet widerstand bisher, in jedem Fall wäre dies eine Trendwende der bislang vorsichtigen Zentralbankpolitik – bis Anfang Dezember kaufte die EZB erst für 67 Milliarden Euro Staatsanleihen. Die Anleihen der gefährdeten Süd-Länder reagierten mit Kursgewinnen und stark fallenden Risikozuschlägen auf die EZB-Anleihekaufspekulationen.

Wie fundiert sie sind, ist unklar. Kauft die EZB tatsächlich massenhaft Anleihen gegen neue Euro ein, wäre das Geldschöpfung pur – und die führte in der Historie bisher immer zu Geldentwertung.

Kunden verlieren bei Inflation

Ziehen die Preise an, so wie aktuell bei Aktien, Immobilien und Rohstoffen zu beobachten, werden sich Inflationserwartungen verstärken, die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes nimmt zu, weil Verbraucher sich rasch von ihm trennen wollen – und die Inflation steigt. EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark diagnostizierte bereits eine global üppige Liquiditätsentwicklung. Bei starker Inflation wären Lebensversicherungskunden eindeutig Verlierer, verglichen mit Besitzern von Immobilien, Aktien und Gold. Die von den Versicherern versprochene Auszahlung hätte real – nach Abzug der Inflation – kaum noch Gegenwert.

Die Alternative zu Transferunion und Inflationierung wäre das Ende der gemeinsamen Währung. „Denkbar ist die Einführung eines Nord- oder Kern-Euro und eines Süd- oder Peripherie-Euro“, sagt Seibold. Die Süd-Euro-Länder müssten eine massive Abwertung hinnehmen, die übrigen Länder der Euro-Zone sich im Gegenzug auf eine Aufwertung ihres Euro gefasst machen. „Die Anleiherenditen würden sich dann vermutlich wieder auf Niveaus einpendeln, wie sie ohne die künstliche Verzerrung durch den Euro vor der Währungsunion üblich waren“, schätzt Seibold. „Das heißt für die Südländer vermutlich hohe einstellige, vielleicht knapp zweistellige Renditen für zehnjährige Staatsanleihen.“

Im Norden würden die Renditen niedrig bleiben, weil anhaltende Kapitalzuflüsse, wie bis vor Kurzem eben in deutsche Staatsanleihen, zu erwarten wären. Haircuts, also ein teilweiser Forderungsverzicht der Gläubiger, „wären für die Schuldtitel im schwächeren Süd-Euro-Raum dann aber wohl kaum vermeidbar, einen Tod müssen die Anleger sterben“, meint Seibold. Denn die Altschulden der schwachen Länder würden weiterhin auf Euro lauten, gegenüber dem ihr neuer Süd-Euro massiv abwerten und die reale Schuldenlast verschlimmern würde.

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