WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Altersvorsorge Keiner will mehr Riester-Versicherungen

Seite 7/7

Verbraucherschützer warnen vor Zwang zur Altersvorsorge

Der Bund der Versicherten warnt vor einem Automatismus, der zu einem Zwang zur privaten Altersvorsorge führen könnte. Von der neuen „Zuschussrente“ sollen nur solche Personen profitieren, die selber privat vorsorgen. Für viele Niedrigverdiener komme dann nur die Riester-Rente in Frage. „Faktisch führt die neue Zuschussrente zu einem Zwangsriestern für Geringverdiener“, kritisiert Axel Kleinlein, Vorstandsvorsitzender des Bundes der Versicherten (BdV).

Denn wer auf private Altersvorsorge verzichte, verliere den Plänen zufolge alle Ansprüche auf die Zuschussrente. „Angesichts der katastrophalen Angebote, wie sie derzeit vertrieben werden, erweist von der Leyen den Geringverdienern geradezu einen Bärendienst“, erklärte Kleinlein. Denn wie auch die aktuellen Test-Ergebnisse von Öko-Test bestätigen, seien die meisten Riester-Versicherungen teuer, intransparent und bisweilen sogar riskant.

Die größten Riester-Irrtümer
Das Sparen für's Alter lohnt sicht, so das Versprechen der Politik. Was die Fakten sagen: Quelle: dpa
Irrtum 1: Mit Riester können Sparer kein Geld verlierenVersprechen: „Selbst wenn die Geldanlage im schlimmsten Fall keine Wertentwicklung verzeichnet, machen Sparer noch Gewinne“, schreibt zum Beispiel die Stiftung Warentest 2008 in einem Artikel zur Riester-Rente. Auf der Internetseite der Genossenschaftsbank Unterallgäu heißt es zum angebotenen Riester-Fondssparplan: „So können wir Ihnen garantieren, dass von Ihren eingezahlten Beiträgen kein Cent verloren geht.“ Tatsächlich müssen alle Riester Riester-Anbieter garantieren, dass zu Rentenbeginn wenigstens die Summe aus eingezahlten Beiträgen und staatlichen Zulagen auf dem Sparkonto liegt. Es scheint daher logisch, dass Riester-Sparer kein Geld verlieren können – warum es trotzdem nur Dichtung ist? Quelle: dpa
Irrtum 1: Mit Riester können Sparer kein Geld verlierenWahrheit: Das Riester-Guthaben zu Beginn der Rentenzahlung ist aus Sicht der Sparer eine fiktive Summe: Sie können auf dieses Guthaben nicht komplett zugreifen. Lassen sie sich ihr Guthaben auf einen Schlag auszahlen, müssen sie alle erhaltenen Vorteile zurückzahlen, sowohl Zulagen als auch Steuervorteile. Allenfalls 30 Prozent der Summe sind frei verfügbar, ohne dass sie die staatliche Förderung erstatten müssen. Im Regelfall erhalten Sparer aus dem Guthaben aber eine lebenslange Rente. Wie viel Geld der Riester-Sparer insgesamt bekommt, hängt daher vor allem von seiner Lebensdauer ab: Wer vor Erreichen des 80. Lebensjahres stirbt, kann mit Riester sehr wohl Geld verlieren. Auch in der Ansparphase sind Verluste möglich. Wer dann aus seinem Vertrag aussteigt, verliert ebenfalls Geld. Im schlimmsten Fall machen Riester-Sparer also anders als dargestellt keinen Gewinn, sondern Verluste. Quelle: dpa
2. Irrtum: Sparpläne vermeiden eine BeitragsverrentungVersprechen: „Bei der Riester-Rente entscheiden Sie sich zuerst für ein Vorsorgeprodukt, mit dem Sie Kapital für Ihr Alter ansparen wollen. Das kann etwa eine private Rentenversicherung, ein Fondssparplan oder ein Banksparplan sein", schreibt das Bundesfinanzministerium zur geförderten Altersvorsorge. Falsch ist das nicht. Die ganze Wahrheit aber auch nicht... Quelle: dpa
Irrtum 2: Sparpläne vermeiden eine BeitragsverrentungWahrheit: Auch wer sich für ein anderes Riester-Produkt, etwa einen Fondssparplan oder einen Banksparplan entscheidet, bekommt indirekt eine Rentenversicherung. Zwar fließt die spätere Rente anfangs in der Regel direkt aus dem angesparten Guthaben im Sparplan. Damit die Anbieter der Sparpläne ihnen aber wirklich eine lebenslange Rente garantieren können, schließen diese zu Rentenbeginn für die Kunden bei einem Versicherer eine Rentenversicherung ab. Die Police übernimmt dann alle Auszahlungen vom 85. Lebensjahr an. Tatsächlich muss also bei allen Riester-Sparprodukten eine Rentenversicherung genutzt werden. Nur wer vorzeitig aussteigt, kann diese Police meiden. Quelle: dpa
Irrtum 3: Kinder bringen Riester-Sparern viel GeldVersprechen: „Bei Familien mit Kindern meint es der Staat besonders gut: Für jedes Kind zahlt er bei einem Riester-Vertrag eine Zulage von 185 EUR“, wirbt der Versicherer Hanse Merkur 24 in einer Beispielrechnung. Für alle seit 2008 geborenen Kinder gibt es sogar 300 Euro. Klingt gut - ist es oft aber nicht. Quelle: dpa
Irrtum 3: Kinder bringen Riester-Sparern viel GeldWahrheit: In den meisten Fällen ändert sich die Rendite der Riester-Sparer durch die Geburt eines Kindes nicht. Zwar erhalten Sparer nach der Geburt zusätzlich zu ihrer eigenen Zulage (154 Euro) tatsächlich noch die Kinderzulage (185 Euro, für seit 2008 geborene Kinder 300 Euro). Doch neben den Zulagen gibt es auch noch einen Steuervorteil. Das Problem: Das Finanzamt zieht vom rechnerischen Steuervorteil (Gesamt-Riesterbeitrag multipliziert mit dem persönlichen Steuersatz) alle bereits ausgezahlten Zulagen ab – sowohl die eigene Zulage als auch alle Kinderzulagen. Daher fällt nach der Geburt eines Kindes der Steuervorteil meist genau um den Betrag der Kinderzulage. Solange der rechnerische Steuervorteil über der Summe der Zulagen liegt – und das ist in der Regel so –, verändert sich die Förderung insgesamt nicht. Die Summe aus Zulagen und tatsächlichem Steuervorteil bleibt dann nach der Geburt des Kindes gleich. Einen echten finanziellen Nutzen durch den Nachwuchs haben nur kinderreiche Sparer (etwa ab dem dritten Kind) oder Geringverdiener (unter 40.000 Euro). Quelle: dpa

„Viele Geringverdiener werden nur sehr wenig Geld für diese Privatvorsorge entbehren können“, befürchtet Kleinlein. Die Vertragsangebote für solche Minibeträge seien aber rar gesät. Meist komme dann nur die Riesterrente in Frage. „Wer also wenig verdient und später auf die Zuschussrente hofft, muss riestern – egal ob er will oder nicht“, fasst Kleinlein das Dilemma zusammen.

Immer mehr Anbieter versuchten, das Anlagerisiko auf die Verbraucher zu verlagern. Das sei aber gerade für Geringverdiener fatal. Denn sie seien auf eine verlässlich kalkulierbare private Zusatzrente angewiesen. Kleinlein fordert daher, dass zunächst einmal für vernünftige, also kostengünstige und transparente Riesterangebote gesorgt werden müsse, deren Garantien auch halten, was sie versprechen. Erst dann könne man über einen Zwangs-Riester diskutieren. Andernfalls solle das Kriterium der Privatvorsorge aus den Anforderungen für die Zuschussrente gestrichen werden. Zudem zeige die Erfahrung, dass kaum ein Riester-Kunde seinen Vertrag lange genug durchhalten wird, um die Anforderungen der Zuschussrente zu erfüllen.

Kernpunkte der Riester-Förderung

Nach den Plänen von Frau von der Leyen müsse bis zu 35 Jahre lang privat vorgesorgt werden. Die aktuellen Stornoquoten der Versicherer belegten jedoch, dass bei einem 35-Jahres-Vertrag aber gerade mal 28 Prozent aller Sparer durchhalten. “Der Großteil der Sparer wird die Zuschussrente allein deshalb nicht bekommen, weil sie nicht lange genug in der privaten Vorsorge bleiben“, fürchtet Kleinlein.

Die Gründe hierfür sieht der Verbraucherschützer hausgemacht: Unpassende Produkte und falsche Anreize in der Vermittlerschaft. Da die Vermittler den Großteil der Provision zu Vertragsbeginn bekämen, hätten sie kaum Interesse die Sparer im Sparprozess zu begleiten und damit etwa einer Kündigung entgegenzuwirken. Zudem begünstige dieses Vergütungssystem auch den Griff zu einem für den Vermittler lukrativen, aber für den Verbraucher unpassenden Vertrag.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%