WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Anleihen von Industriekonzernen Wann Investoren ihre Gewinne in Bares ummünzen sollten

Mit Anleihen von Industriekonzernen konnten Anleger binnen kurzer Zeit enorme Renditen einfahren. Wo Investoren bei der Stange bleiben dürfen, welche Bonds sie jetzt abstoßen sollten, wo sie frisches Geld noch anlegen können.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
ThyssenKrupp-Hüttenwerk: Schuldenstatus liegt nur noch knapp über Schrottniveau Quelle: Dirk Krüll für WirtschaftsWoche

Schwierigkeiten mit Krediten kennt Alan Hippe. Vor gut zwei Jahren musste der smarte 42-Jährige als Finanzchef des Reifenherstellers Continental 13,5 Milliarden Euro Kredit für die Übernahme des Autozulieferers VDO zusammensuchen. Heute kämpft er als Finanzvorstand von ThyssenKrupp um jeden Zehntelprozentpunkt Kreditzins. Der Dax-Konzern ist in der Krise, die Ratingagenturen stehen kurz davor, ihn aus der sicheren Investitionsklasse in den Schrottbereich unsicherer Schuldner abzustufen. Thyssen-Kredite würden dann schlagartig teurer, das Ergebnis des Konzerns, der ohnehin Verlust macht, würde zusätzlich belastet – und in die Ramschklasse einsortiert zu werden, ist auch nicht gut fürs Image.

Der ambitionierte Schwimmer – als Jugendlicher gehörte er dem Nationalkader an – kämpfte einen verzweifelten Kampf, um die Thyssen-Finanzen über Wasser zu halten. Mit Erfolg: Im September gewährten die drei großen Ratingagenturen, die die Kreditwürdigkeit von Unternehmen bewerten (Standard & Poor´s, Moody’s und Fitch) Hippe noch mal eine Gnadenfrist. Der Konzern bleibt in der Investitionsklasse, wenn auch nur auf der untersten Stufe. Dazu schätzen die Ratinganalysten den Ausblick negativ ein. Eine Abstufung ist damit wahrscheinlicher als eine Verbesserung des Ratings.

Verkehrte Welt

Anleger haben von dem Gerangel nichts mitbekommen. Im Gegenteil: Wer sich den Kursverlauf von börsennotierten Thyssen-Anleihen anschaut, gewinnt den Eindruck, alles sei in bester Ordnung. So verzinste sich ein bis Mitte 2014 laufender Thyssen-Bond Anfang Juni noch mit 8,5 Prozent. Derzeit sind es nur noch 5,7 Prozent. Müsste sich Hippe für Thyssen jetzt neu verschulden, würde er Millionen sparen.

Verkehrte Welt – Probleme mit der Bonität, aber eine immer bessere Börsenbewertung der Schulden – herrscht nicht nur bei Thyssen. Rund um den Globus kämpfen Industrieunternehmen gegen schlechtere Ratings an, steigen die Ausfallraten von Krediten und Anleihen auf Mehrjahreshochs. Und dennoch verzeichnen börsennotierte Schuldverschreibungen hohe Kursgewinne. Jetzt stellt sich die Frage, ob der Anleihemarkt nicht überhitzt ist, ob Investoren ihre Gewinne in Bares ummünzen oder bei der Stange bleiben sollten.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Rally der Anleihekurse

    Rückblick: Im Frühjahr 2009 lagen die Kurse der Anleihen am Boden; die Verzinsung, die Anleger ins Depot buchen konnten, war so attraktiv wie lange nicht. Bei Anleihen mit festem Kupon (Nominalzins) gilt immer: je höher der Kurs, desto niedriger die Verzinsung; je niedriger der Kurswert, desto höher die Rendite. 

    Mit den ersten Anzeichen einer konjunkturellen Erholung zogen die Anleihekurse an, die Verzinsung sank entsprechend. Konjunkturhoffnungen und die von den Notenbanken losgetretene Liquiditätsschwemme verleiteten vor allem Großinvestoren dazu, sich im großen Stil mit Unternehmenspapieren einzudecken. Seit Jahresanfang haben Firmenbonds laut Zahlen von Merrill Lynch 20,3 Prozent zugelegt.

    Kreditwürdigkeit nimmt ab

    Die Kurse sind jetzt oben, doch die meisten Unternehmen sind noch lang nicht über den Berg. In den vergangenen zwölf Monaten stufte die weltgrößte Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) in Deutschland 119 Unternehmen ab, lediglich neun verbesserten ihre Kreditwürdigkeit. Moody’s schickte selbst den Dax-Konzern Lufthansa in die Schrottklasse. Weltweit stehen aktuell 900 von S&P beobachtete Unternehmen vor einer Herunterstufung. „Wir sind mitten in der Krise, von Entwarnung kann keine Rede sein“, sagt Stephan Haber, Unternehmensanleihe-Spezialist bei UniCredit in München.

    Besorgniserregend sind insbesondere die Ausfallraten von Schulden ganz schwachbrüstiger Unternehmen. Rund jeder achte als spekulativ eingestufte Schuldner wird dieses Jahr seine Zinszahlungen und Tilgungen einstellen.

    Verkehrte Welt

    Etwa 500 Milliarden Dollar mussten Investoren in diesem Jahr bereits als Verlust abschreiben, nach 430 Milliarden Dollar im Gesamtjahr 2008. Damit hat die Finanzkrise Anleihe-Investoren bereits jetzt deutlich mehr gekostet als die vorletzte Rezession: 2001 und 2002 fielen zusammen Kredite und Anleihen in Höhe von 310 Milliarden Dollar aus.

    Die Agentur Moody’s zählte in den ersten neun Monaten 222 Totalausfälle – viermal so viel wie im Vorjahreszeitraum. Immerhin gibt die zweitgrößte Ratingagentur der Welt für das kommende Jahr Entwarnung. „Unsere Modelle sagen voraus, dass in den kommenden 12 bis 18 Monaten die Ausfallrate auf den historischen Durchschnitt von rund fünf Prozent sinken wird“, so Kenneth Emery, der als Direktor bei Moody’s die Analyse von Unternehmensausfällen leitet. Nicht jeder jedoch ist so optimistisch. „Es könnte zwar sein, dass wir den Gipfel an Insolvenzen erreicht haben, aber die Ausfallraten bei spekulativen Papieren könnten auf dem aktuellen Niveau von 12 bis 13 Prozent längere Zeit verharren, falls sich die Wirtschaft nicht nachhaltig erholt“, mahnt Haber von UniCredit.

    Anleger, die sich mutig in Anleihen mit erhöhtem Risiko oder gar in Papieren von Unternehmen mit hoher Pleitegefahr engagiert haben, sollten deshalb prüfen, ob sie nicht lieber die üppigen Gewinne mitnehmen und in sicherere, wenn auch niedriger verzinste Papiere umschichten sollten. „Unter dem Gesichtspunkt von Chance zu Risiko ist das Beste sicher gelaufen“, sagt Christian Krahe, Manager des Deutsche Aktien Total Return Fonds, der zu 45 Prozent auch in Anleiheinstrumenten investiert ist.

    Gewinne bei Schrottpapieren

    Wer sich im Frühjahr etwa Papiere des Autovermieters Hertz oder des Badarmaturenherstellers Grohe zugelegt hat, liegt 74 und 86 Prozent im Plus – nach nur fünf Monaten. Zwar bieten beide Anleihen bis zur jeweiligen Endfälligkeit im Jahr 2014 noch hohe Renditen von 9,7 und 14,8 Prozent. Das setzt aber voraus, dass die Unternehmen bis dahin auch überleben. Das ist unsicher: Die Ratings beider Firmen liegen im unteren Bereich der Schrottklasse, was Pleitegefahr signalisiert. „Gewinne bei hoch spekulativen Anleihen jetzt mitzunehmen, erscheint uns ratsam, wie zum Beispiel bei Grohe-Anleihen“, sagt UniCredit-Experte Haber.

    Top-Jobs des Tages

    Jetzt die besten Jobs finden und
    per E-Mail benachrichtigt werden.

    Standort erkennen

      Nicht jede hochverzinste Schuldverschreibung ist nach üppigen Kurszuwächsen gleich ein Verkauf. Schließlich bedeutet eine Verbannung aus dem Depot und eine anschließende Umschichtung des erlösten Kapitals in sicherere Papiere einen erheblichen Renditeverzicht. Anleihen, die der Investmentklasse zugerechnet werden, bringen für ein Jahr bis fünf Jahre maximal 4,5 Prozent jährlichen Ertrag.

      Mehr Zins bieten trotz Kurserholung Papiere von Unternehmen, die zwar nicht den Status eines sicheren Investments haben, deren Überleben aber wegen ihres Geschäftsmodells gesichert sein sollte. Dass etwa „eine Nordic Telephone Company Holding – die dänische Telekom – in absehbarer Zeit insolvent wird, halten wir für unwahrscheinlich“, sagt Haber. Trotz 38 Prozent Kursgewinn seit dem Frühjahr wirft das bis Mai 2016 laufende Papier immer noch 7,7 Prozent jährliche Rendite ab. In der Krise Gewinne schreibt die Baumarktkette Hornbach, zudem haben die Pfälzer in der Holding die Schulden von 500 auf 386 Millionen Euro gesenkt. Die Aussichten, dass Hornbach Zinsen und Tilgung bis 2014, wenn die Anleihe fällig wird, leisten wird, sind daher gut. Gleiches gilt für den Waffenproduzenten Heckler & Koch, dessen Bond bis Juli 2011 noch 6,4 Prozent Rendite bringt. Wackliger als noch im Frühjahr steht dagegen TUI da. Investoren sollten jetzt ihre elf Prozent Gewinn inklusive Zinsen einkassieren. Rund 40 Prozent brachte eine Investition in eine Anleihe des Kommunikationskonzern Alcatel Lucent, die Anleger ebenfalls mitnehmen sollten.

      Zuwächse bei soliden Werten

      Über deutliche Gewinne freuen sich auch Anleger, die sich im Frühjahr (WirtschaftsWoche 19/2009) ein breit gestreutes Depot aus 20 bis 50 Papieren europäischer Konzerne – unter anderem von BASF, BMW, Ericsson, Metro oder Roche – zusammenstellten. Selbst die Anleihekurse dieser Unternehmen, deren Pleite als unwahrscheinlich gilt, haben deutlich angezogen. Mit einem Bond des Reifenherstellers Michelin liegen Anleger inklusive Zinsen zwölf Prozent im Plus, eine bis zum Jahr 2017 laufende Ericsson-Anleihe brachte bisher mehr als 20 Prozent. Steigende Kurse drücken die Rendite. Entsprechend verzinst sich das Ericsson-Papier mit nur noch 4,8 Prozent nach 7,8 Prozent im Frühjahr. Bei einigen wenigen langlaufenden Papieren wie etwa Ericsson sollten Anleger solche Gewinne sichern und in neue Emissionen investieren, die bei kürzerer Laufzeit einen vergleichbaren Zins versprechen. Ein 2014 fälliges neues Papier des Salzkonzerns K+S bietet beispielsweise 4,3 Prozent Rendite (ISIN DE000A1A6FV5).

      Aktionismus aber ist nicht angesagt. Anders als bei den sehr spekulativen Papieren lohnt ein genereller Ausstieg aus Anleihen von Großkonzernen der Investitionsklasse nicht. Es gibt bei Zinspapieren keine attraktive Anlage-Alternative: Tagesgeld oder Bundeswertpapiere bringen nur zwischen 0,5 und 3,2 Prozent Rendite. Wer mit der gleichen Sicherheit in Unternehmen re-investieren möchte, erhält auch nicht mehr Zins als mit den älteren Papieren. Die Turbulenzen am Anleihemarkt, die zu Schnäppchenpreisen geführt hatten, sind vorbei – vorerst zumindest. „Inzwischen haben sich die Zinsaufschläge wieder deutlich eingeengt“, sagt Fondsmanager Krahe. So beträgt die Zitterprämie, die Anleger für mittelmäßig solide Unternehmens- gegenüber Staatsanleihen erhalten, nur noch zwei Prozentpunkte. Im März waren es noch gut fünf Punkte.

      Mögliche Kursgewinne sieht Fondsmanager Krahe noch bei Anleihen, die derzeit neu an den Markt kommen. „Einige laufen zu Beginn an der Börse noch ziemlich gut. Aber der Anleger sollte jeden Emittenten genau prüfen.“

      Chancen bei Neuemissionen

      Mutige werfen etwa einen Blick auf drei vergangene Woche neu herausgegebene Anleihen von HeidelbergCement (ISINs XS0458230082, XS0458230322 und XS0458685913). Die sehr spekulativen Papiere werfen bei Laufzeiten von fünf, sieben und zehn Jahren 7,5 bis 8,5 Prozent jährlichen Zins ab und bieten Aussicht auf schnelle Gewinne. Eine ordentliche Rendite von 6,1 Prozent offeriert auch das neue Papier des Mischkonzerns Evonik, das seit vergangenen Montag börsennotiert ist.

      Anleger, die bereits in Unternehmensanleihen positioniert sind, sollten sich jedoch auf – zumindest zwischenzeitliche – Kursverluste einstellen. Der Rendite-Abstand zu sicheren Bundespapieren dürfte „sich in nächster Zeit eher ausweiten“, schätzt Fondsmanager Krahe.

      Vor allem die permanente Verschlechterung der Bonität hängt wie ein Damoklesschwert über dem Rentenmarkt.

      Investoren, die in sicheren Bonds von Großkonzernen wie etwa BASF oder der Deutschen Telekom engagiert sind, sollten Verluste bis zur Endfälligkeit aussitzen, spekulative Papiere sind eher ein Verkauf. Für Anleger problematisch ist nicht nur, dass sich ihre Bonität verschlechtert, sondern auch, dass viele Unternehmen neue Anleihen ausgeben werden – gezwungenermaßen. Das erhöht das Angebot und drückt die Kurse. „Ab 2012 müssen viele alte Schulden neu finanziert werden“, warnt UniCredit-Experte Haber. Allein 2014 benötigen marode Schuldner weltweit enorme 839 Milliarden Dollar.

      Top-Jobs des Tages

      Jetzt die besten Jobs finden und
      per E-Mail benachrichtigt werden.

      Standort erkennen

        Auch ThyssenKrupp-Finanzchef Hippe wird 2013 und 2014 jeweils eine frische Milliarde auftreiben müssen, weil dann ältere Thyssen-Bonds auslaufen. Immerhin: In seinem Kampf um Kredit und Zinsen ist Hippe bei Weitem nicht allein in Deutschlands Vorstandsetagen. S&P hat mittlerweile 11 der 30 im Deutschen Aktienindex vertretenen Konzerne einen negativen Ausblick verpasst.

        Will heißen: Sie alle könnten bald herabgestuft werden.

        © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
        Zur Startseite
        -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%