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Art Report 2010 Kunst im Konditorei-Fenster

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Rehberger-Installation

Auch dem der eigenen Mutter. „Ich habe die Entscheidungen meiner Kinder immer respektiert“, sagt Mutter Anna Grässlin, „auch wenn ich sie nicht immer nachvollziehen konnte.“ Zum Beispiel, als ein Spediteur zwei Paletten lieferte – die Kippenberger-Skulptur „Müttergenesungswerk“. „Da war ich doch leicht irritiert“, erinnert sich Anna Grässlin. „Als sie dann aber auf einem Sockel installiert waren und ich den Titel der Arbeit gelesen hatte, habe ich den frechen Kippenberger’schen Witz verstanden.“

Außerhalb der Familie lief die Auseinandersetzung mit dem Kunstverständnis der Grässlin-Geschwister nicht immer so reibungslos ab: Als die Grässlins 2008 in einem Schaufenster das großformatige Ölgemälde „Karl Marx, Blowjob“ des philippinischen Künstlers Manuel Ocampo ausstellten, kamen Proteste aus der Bevölkerung, worauf die Familie eine öffentliche Stellungnahme abgab und das Werk dann entfernte. Dieses Jahr gab es Ärger mit Mitgliedern eines Heimatvereins, weil US-Fotograf Christopher Williams für das jährliche Ausstellungsplakat passend zum Motto „Männer Frauen – Porträts aus der Sammlung“ einen grell kolorierten Schwarzwälder Bollenhut in rosa und blau gewählt hatte.

"Das ist positives Standortmarketing"

„Absolute Ausnahmen“ sind diese Reaktionen für Michael Rieger. Der Bürgermeister von St. Georgen ist froh über das Engagement der Grässlins. „Die Kunstsammlung trägt viel bei zur Attraktivität der Stadt“, sagt er, „das ist positives Standortmarketing.“ Es ist für Rieger selbstverständlich, das Rathaus, einen nüchternen Zweckbau aus den Siebzigerjahren, für die Kunst zu öffnen – selbst wenn sie nicht immer schmeichelhaft für die Damen und Herren des Stadtrats ausfällt: Derzeit etwa hängen im Sitzungssaal Gemälde von Albert Oehlen – Porträts des Rats der Pharisäer, die Jesus einst zum Tode verurteilten.

Spitzen, die Rieger und der Stadtrat leicht aushalten – wissen sie doch um die Bedeutung der Sammlung für das Schwarzwaldstädtchen. Nach der Pleite des Schallplattenspieler-Produzenten Dual 1982 gingen innerhalb kurzer Zeit mehr als 5000 Arbeitsplätze verloren. Die Einwohnerzahl schrumpfte von 17 500 auf 14 500. Immer mehr Fabriken machten dicht, immer mehr Läden standen leer. Bis die Grässlin-Geschwister Thomas und Bärbel Mitte der Neunzigerjahre die Idee hatten, die verwaisten Räume mit Kunst zu bestücken.

8000 Besucher jährlich allein wegen der Sammlung

Der erste „Raum für Kunst“ entstand 1996 im Möbelhaus Finkbeiner, das sein Geschäft damals umstrukturierte. In den Folgejahren kamen zahlreiche Kunststandorte hinzu, etwa das Foyer der Sparkasse – in diesem Jahr mit zwei sperrigen Skulpturen von Markus Oehlen. 2006 schufen die Grässlins ein neues Highlight: den Kunstraum Grässlin, einen rund 200 Quadratmeter großen Schauraum mit Lager und Restaurant. „Wir wollten die Sammlung da präsentieren, wo sie hingehört“, sagt Karola Kraus. „Hier in St. Georgen, wo die Familie ihren Lebensmittelpunkt hat.“

Lokalpatriotismus, der sich lohnt für St. Georgen – 8000 Besucher kommen jedes Jahr allein wegen der Kunstsammlung. Ausstellungseröffnungen werden als Volksfest mit Schnitzel und Würstchen fürs ganze Dorf gefeiert. Und immer öfter übernehmen Abiturienten des örtlichen Gymnasiums Führungen durch die Räume für Kunst.

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