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Berühmte letzte Worte

Ältere sollten stolz aufs Alter sein

Die Senioren sind selbst schuld, wenn sie sich die Butter vom Brot nehmen lassen. Sie sollten sich endlich ihren Namen verdienen.

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Welche Länder überaltern
Platz 8: Schweden Quelle: dapd
Platz 7: Portugal Quelle: REUTERS
Senioren beim Nordic-Walking Quelle: dpa
Griechenland Quelle: dpa
Platz 10: Finnland Quelle: dapd
Platz 5: Bulgarien Quelle: Reuters
Platz 4: Italien Quelle: dapd

Es gab eine Zeit, in meiner Jugend, da haben wir alte Leute gegrüßt. Einfach so, auf der Straße. Nicht aus Spaß. Aus Respekt.

Die alten Herrschaften, so lernten wir von unseren Eltern und Großeltern schon früh, hatten ein Leben lang gearbeitet, ein Leben erfolgreich gelebt, eine Familie gegründet, aufgezogen und zusammengehalten, durch Dick und Dünn. Ihren Kindern die Möglichkeit gegeben, alles zu erreichen, was diese sich erträumt und die Eltern vielleicht nicht geschafft hatten.

Die alten Herrschaften hatten Lebenserfahrung und etwas zu sagen. Sie hatten aufmerksam gelebt, aus ihren Fehlern und Erfolgen gelernt, kannten die Antworten auf die wesentlichen Fragen des Lebens. Aus ihren Reihen kamen nicht nur die erfolgreichsten Unternehmer, Verleger, Ärzte, Politiker, sie standen auch sonst mitten im Leben.

Die alten Herrschaften wussten, das Instant Gratification nur bei Dieben und in der Werbung funktioniert. Wussten, dass man hart arbeiten, Leistung erbringen, Herausforderungen annehmen, und auch ein wenig Glück haben musste. Ohne eigene Leistung, nur aufgrund der Dummheit anderer konnte man nicht glücklich werden.

Heute ist das anders. Heute werden die Alten fabrikmäßig hergestellt. Die Alten, die Armen, die Kranken. Durch Ausgrenzung, Vernachlässigung, Abschiebung. Effizient nennt man das heute.

Eine Generation hasst ihre Eltern, ihre Großeltern und anscheinend sich selbst. Eine Generation hat sich entschieden, schön, jung, gesund und reich zu werden, zu sein, zu bleiben. Einfach indem sie tabuisiert, was ihr Angst macht. Indem sie die Spiegel zerschlägt, die ihr das eigene Leben brutal, vor allem ehrlich vor Augen halten. Indem sie die Alten, Armen, Kranken, Behinderten, Schwachen ausschließt aus ihrer Gesellschaft. In diesem doppelten Sinne.

Wir können jedoch nicht Alter, Armut, Krankheit und Tod an die Ränder unserer Städte, Gesichtskreise und Horizonte drängen und hoffen, jetzt wird alles gut.

Allerspätestens mit 40 oder 50 Jahren sollten wir begreifen, dass wir damit genau das Gegenteil erreichen: wir werden schneller arm, alt und krank. Wir sind weniger glücklich, weil wir unsere Zufriedenheit von Äußerlichkeiten, der Meinung anderer, dem Luxus und den Moden abhängig machen.

Es wollen doch nur deshalb alle jung sein, weil die Industrie jeder Couleur die Alten aus ihrer Kommunikation entfernt hat, aus ihren Produkten und ihrem Denken. Die 50 als Rubikon und die Ü50 als Totenreich 'gebrandet' (wie man dort so schön sagt) hat.

Tatsächlich gibt es keine einzige Altersschwelle, die irgendwie jung von alt trennen könnte. Wie übrigens jeder einzelne Mensch täglich an sich selbst erleben und auf seine Arbeit in F&E, Marketing, Innovation oder Kommunikation übertragen könnte. Wenn er nicht selbst an den Blödsinn glauben würde, den er uns allen zur Rezeption und Konsumption vorwirft.

Unglaublich, aber wahr: Auch für 25-Jährige sind 25cm hohe Ladekanten am Kofferraum eines SUV schwachsinnig. Auch für 30-Jährige, Kinder und Radfahrer machen Bus- und Bahneinstiege, für die man beinahe eine Leiter braucht, keinen Sinn. Oder Fahrkartenautomaten, für deren erfolgreiche Bedienung man studiert haben muss. Auch Behinderte und Frauen mit Kinderwagen würden gerne jedes Geschäft, jedes Restaurant, Museum und jeden Bahnhof, jedes Bahnabteil problemlos betreten können.

Autos wie Bunker, mit Sehschlitzen statt Fenstern, immobile Freizeitpanzer, mit zwei Tonnen Leergewicht, machen Wagen und Straße nicht sicherer. Sie töten nur leiser.

Warum sind Senioren nicht einfach 'senior'?

In welchem Alter wir was erleben
Erste SprechversucheWährend sie sich anfangs noch aufs Schreien und Brabbeln verstehen, sind Kinder im Alter von zwölf bis 18 Monaten in der Lage, vertraute Menschen oder Gegenstände mit Namen oder besonderen Lauten zu benennen. Mit anderthalb bis zwei Jahren schließlich lernen sie, Zwei- und Drei-Wort-Sätze zu sprechen. Quelle: dpa
EinschulungDas Einschulalter in Deutschland liegt, je nach Bundesland, zwischen 5 und 7 Jahren. Die Kinder unterliegen dann in der Regel bis zum Abschluss des neunten Schuljahres der Schulpflicht. Quelle: obs
Noch vor dem ersten Alkoholkonsum greifen deutsche Jugendliche zur ersten Zigarette. Im Schnitt sind sie 14,4 Jahre alt. Quelle: dpa
AlkoholkonsumDas erste Glas Alkohol trinken Jugendliche in Deutschland mit 14,1 Jahren, ihren ersten Alkoholrausch erleben sie knapp zwei Jahre später mit 15,9 Jahren. Quelle: dpa
Erstes MalMit dem ersten Sex haben es die Jugendlichen nicht so eilig: Im Schnitt erleben sie ihr erstes Mal mit 17,6 Jahren. Quelle: dpa
SchulabschlussWenn sie die Schule verlassen, sind deutsche Abiturienten durchschnittlich 19,4 Jahre alt. Quelle: dpa
AusbildungsbeginnWer sich in Deutschland nach dem Schulabschluss für eine Berufsausbildung entscheidet, ist im Durchschnitt 19,5 Jahre alt. Mit durchschnittlich 22 Jahren schließen junge Erwachsene ihre Berufsausbildung ab. Quelle: dpa

Es geht weniger um die Berücksichtigung der Bedürfnisse älterer Mitbürger als um das Ende der Arroganz und Ignoranz ganzer Industrien. Um die Ü50-Vorstände, die nicht erkennen, was um sie herum vorgeht. Um ihre Entrücktheit vom normalen Leben, an dem sie munter vorbeiproduzieren.

Entrückt, wie diese Menschen in Berlin, die wir Politiker nennen, die jedoch nur Pofallas sind. Ohne Lebenserfahrung, ohne Empathie, ohne Talente, ohne Mustererkennung und Weitblick.

Der 'Senior' im anglo-amerikanischen Raum ist der Erfahrene, der Dienstälteste, Dorfälteste, Alterspräsident. Nicht einer der 'Senioren', die in Deutschland seit den 70ern euphemistisch die 'Alten' ablösen, aber nur dem Worte nach Erfolg haben.

Wären wir selbstbewusste, zu recht stolze 'Seniors' (und natürlich 'Juniors'), würden wir unsere Vergänglichkeit akzeptieren. Wir wären weniger geduldig, weniger kompromissbereit, weil wir nicht soviel Lebenszeit zu verplempern hätten wie wir uns gerne vormachen. Würden uns auf das Wesentliche konzentrieren, uns nicht länger von Politik und Industrie, mit Verlaub, verar*** lassen wollen.

Wir würden einfach gesund leben, in Bewegung bleiben, geistig und körperlich. Gesunde Lebensmittel fordern, nicht schnelle, nicht billige, nicht tierquälende. Würden das Leben genießen, statt neidvoll hindurch zu hetzen.

Wir wären weise - und würden die Weisesten, nicht die Lautesten, an die Spitzen unserer Aufsichtsräte, Vorstände, Universitäten und Ministerien wählen. Die wählen, die verstanden haben, dass das Leben ein Kontinuum ist, kein Tabellenchart diskreter Altersklassen.

Vorsorge



In unseren Unternehmen würde statt des künstlichen Jugendwahnes wieder der Mensch Nukleus unseres Strebens und Handelns sein. Wir würden uns als Ü50-Vorstände und CEOs nicht täglich selbst ad Absurdum führen (lassen).

Wir wären weise und würden wählen, und nicht kuschen. Wir würden aufstehen, und nicht im Lehnstuhl sitzen bleiben. Wir würden aufschreien, und nicht schweigen - bei all der Ungerechtigkeit und Dummheit in der Welt. Wir würden handeln, und nicht längst aufgegeben haben.

Wir würden neugierig im Kopfe bleiben, alert und achtsam, weil unser Leben noch einen Sinn hätte. Den nämlich, unserem Leben endlich wieder einen Sinn zu geben.

Dem Autor auf Twitter folgen: @leadculture

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