Betriebsrenten Deutsche wollen zur Altersvorsorge gezwungen werden

Das sogenannte Opt-Out-Modell bei der betrieblichen Altersvorsorge ist in Deutschland sehr beliebt Quelle: dpa

Obwohl sich viele vor Altersarmut fürchten, sorgen die Deutschen zu wenig privat fürs Alter vor. Eine Umfrage offenbart nun, dass zwei von drei Befragten gerne zu ihrem Glück gezwungen würden.

Sie muss sehr tief sitzen, die Scheu der Deutschen vor privater Altersvorsorge. Anders sind die Ergebnisse einer neuen Umfrage kaum zu erklären, die die Fondsgesellschaft Fidelity International am Donnerstag veröffentlicht hat. Demnach wünschen sich 64 Prozent der Arbeitnehmer, dass ein Teil ihres Gehalts automatisch in eine betriebliche Altersvorsorge (baV) umgewandelt wird. In diesem Opt Out genannten Modell müsste der Arbeitnehmer aktiv widersprechen, damit das nicht passiert.

Überspitzt formuliert: Zwei von drei Befragten möchten zu ihrem Glück gezwungen werden. Dabei geben in derselben Umfrage in etwa ebenso viele Arbeitnehmer an, sich gut über die betriebliche Altersvorsorge informiert zu fühlen. Offenbar wünschen sich also viele Deutsche eine Betriebsrente, kennen sich mit dem Thema auch aus – und werden doch nicht selbst tätig.

Dass die Deutschen in Gelddingen übervorsichtig sind, zeigt sich auch in anderen Bereichen. Gerade einmal jeder zehnte Deutsche hält Aktien, und das obwohl Finanzexperten deutschlandweit seit Jahren gebetsmühlenartig deren Vorzüge preisen. Zurecht, schließlich wirft etwa der Dax im Schnitt Jahr für Jahr Gewinne ab, während das Gros der Deutschen sein Geld auf Null-Zins-Konten versauern lässt.

Und der Hang zur Sicherheit verschärft sich offenbar noch: Das Beratungsunternehmen Willis Towers Watson hat sich ebenfalls mit dem Thema Betriebsrente beschäftigt und dabei herausgefunden, dass vier von fünf Deutschen hier Sicherheit wichtiger ist als eine gute Rendite. Vor zwei Jahren waren es noch 65 Prozent. Die anhaltenden Niedrigzinsen haben die Deutschen also nicht zu mehr Risiko bewegt, wie viele gehofft hatten, sondern genau das Gegenteil ist passiert.

Dabei bieten ausgerechnet auf Sicherheit bedachte betriebliche Altersvorsorgen paradoxerweise ein Risiko. Je weniger Geld sie in Aktien investieren, desto geringer die mögliche Rendite, desto geringer die Marge für die Anbieter. Das könnte einige Kassen gar in Existenznöte bringen, wie Deutschlands oberster Versicherungsaufseher Frank Grund unlängst warnte: „Ohne zusätzliches Kapital von außen werden einige Pensionskassen nicht mehr ihre vollen Leistungen erbringen können.“

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hält nach eigenen Angaben bereits 130 Pensionskassen in Deutschland unter verschärfter Beobachtung. In der schwierigsten Gruppe befinden sich demnach etwa zehn Prozent der Kassen, bei denen die Bafin sich „schon erhebliche Sorgen“ macht. Im schlimmsten Fall drohen den Kunden hier Leistungskürzungen - also genau das Gegenteil der so erhofften Sicherheit.

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