Bundesanleihen Lebensversicherer zeigen dem deutschen Staat die kalte Schulter

Wer sich heute eine Lebensversicherung zulegt, stellt fest, dass die Garantien immer niedriger ausfallen, weil sichere Staatsanleihen zu wenig Rendite bringen. Quelle: Getty Images

Trotz höherer Renditen halten sich Lebensversicherer von deutschen Staatsanleihen fern – wie eine Umfrage der WirtschaftsWoche zeigt. Deren Renditen reichen immer noch nicht, um die Branchenprobleme zu lösen.

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Endlich positiv: Zum ersten Mal seit 2019 zahlt die Bundesregierung wieder Zinsen an Gläubiger, die Deutschland für zehn Jahre Geld leihen. Bei einer Auktion in der vergangenen Woche lag die Durchschnittsrendite deutscher Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit bei 0,31 Prozent. Lebensversicherern ist das allerdings immer noch viel zu wenig. Sie kaufen seit Jahren keine Bundesanleihen mehr – und wollen ihren Käuferstreik auch so bald nicht beenden, zeigt eine exklusive Umfrage der WirtschaftsWoche unter Lebensversicherern in Deutschland.

Lebensversicherer gehörten lange zu den Hauptabnehmern deutscher Staatsanleihen. Sie müssen das Geld unter ihren Fittichen sicher, planbar und rentierlich investieren. Sicher und planbar sind Bundesanleihen als Investment zwar immer noch, rentierlich aber schon lange nicht mehr. 

Daran ändert auch der seit einiger Zeit zu beobachtende Aufwärtstrend im Renditeniveau nichts. Gut möglich, dass Lebensversicherer überhaupt nie wieder zu den Hauptfinanziers deutscher Staatsschulden gehören werden. Denn sie sind längst dabei, ihre Kapitalanlage neu aufzustellen, ebenso wie ihre Produktpaletten.

Alternative Anlagen werden beliebter

HDI Leben hat nach eigenem Bekunden zum bisher letzten Mal im Jahr 2012 zu deutschen Staatsanleihen gegriffen und findet sie nach wie vor uninteressant. Ein Renditeniveau für einen erneuten Kauf habe man nicht festgelegt, sagt Vorstandsmitglied Sven Lixenfeld. Ob Bundesanleihen als Investment in Frage kämen, hänge nicht vom Zinsniveau ab, sondern von ihrer relativen Attraktivität gegenüber anderen Investments. „Befeuert durch das Niedrigzinsniveau haben sich alternative Anlagen als Assetklasse etabliert und sind fester Bestandteil unseres aktuellen und zukünftigen Anlageuniversums“, sagt Lixenfeld.

Die Allianz will sich bei der Frage, ob beziehungsweise wann Bundesanleihen für sie wieder interessant werden, nicht festlegen. Man sei auf Staatsanleihen anderer Industriestaaten sowie Zinstitel supranationaler Emittenten wie des Europäischen Rettungs- und Stabilitätsfonds ausgewichen, teilt Deutschlands größter Lebensversicherer mit. 

Für höhere Renditen investiere man zudem in gewerbliche Hypotheken, privat platzierte Unternehmensfinanzierungen oder Finanzierungen von Infrastrukturprojekten. Das klingt nicht so, als sei eine Rückkehr in Bundesanleihen überhaupt eine naheliegende Option.

Die Generali hat nach eigenen Angaben im Januar 2014 das letzte Mal eine Bundesanleihe gekauft, mit 30 Jahren Laufzeit und einem Zinssatz von 2,75 Prozent pro Jahr. Bewege sich der Zins für diese Laufzeit wieder in Richtung zwei Prozent, denke man über einen Kauf nach, heißt es von dem Unternehmen. Momentan bekommt man für eine 30-jährige Bundesanleihe allerdings gerade einmal 0,45 Prozent Zins pro Jahr.

Auch die Alte Leipziger hat zuletzt 2014 zugegriffen. Eventuelle zukünftige Investitionen macht der Versicherer, ähnlich wie HDI, von der relativen Attraktivität von Bundesanleihen gegenüber anderen Rentenanlagen abhängig. Bei Debeka ist der letzte Bundesanleihekauf sogar schon 14 Jahre her. Erst ab einem Prozent Rendite für Bundesanleihen mit 20 Jahren Laufzeit mache man sich wieder Gedanken über einen möglichen Kauf, teilt das Unternehmen mit. Aktuell ist bei dieser Laufzeit ein Zins von rund 0,3 Prozent drin.

von Frank Doll, Philipp Frohn, Julia Groth, Niklas Hoyer, Saskia Littmann, Anton Riedl, Heike Schwerdtfeger

Axa, Zurich und Nürnberger halten sich mit konkreten Aussagen zurück, aber die Richtung ist klar: „Bundesanleihen spielen aufgrund ihres Renditeprofils seit Längerem keine Rolle bei unseren Neuanlagen“, heißt es von der Nürnberger. „Dies gilt auch im gegenwärtigen Umfeld.“ Bei der Axa machen Bundesanleihen „nur einen sehr geringen Anteil im unteren einstelligen Bereich“ der Kapitalanlagen aus. Hinweise darauf, dass sich das bald ändern könnte, gibt es keine.

Mehr Flexibilität beim Investieren

Lebensversicherer sind bei der Kapitalanlage mutiger geworden. Aus Not, wegen der anhaltenden Niedrigzinsen – aber auch, weil sie es dank neuer Versicherungstarife können. Heute abgeschlossene Lebens- oder Rentenversicherungen bieten oft keine volle Kapitalgarantie mehr. Versicherer ermöglichen es sich damit, das Geld ihrer Kunden risikoreicher und zugleich renditeträchtiger zu investieren als früher. „Die Lebensversicherung wandelt sich massiv. Es gibt kein Zurück mehr zum Klassiker“, kommentiert Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung bei der auf Versicherer spezialisierten Ratingagentur Assekurata in Köln.

Am liebsten würde die Versicherungswirtschaft die Anleihequote in ihren Portfolios generell weiter senken. „Lebensversicherer versuchen seit Jahren, von Zinspapieren wegzukommen“, sagt Heermann. Um Leistungszusagen aus früheren Jahren einhalten zu können, sind sie aber nach wie vor auf Zinspapiere angewiesen. 

Um die Jahrtausendwende wurden Lebensversicherungen teils mit vier Prozent Garantiezins angeboten. Versicherer werden noch jahrzehntelang für solche Altverträge zahlen müssen. Damit diese Leistungen nicht in Gefahr sind, müssen sie seit 2011 einen Puffer aufbauen, die Zinszusatzreserve. Dieser Topf ist derzeit im Branchenschnitt zu rund 80 Prozent gefüllt.

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Sollte im laufenden Jahr die erwartete Zinswende anstehen, würde das den Versicherern helfen – jedenfalls, sofern die Zinsen nicht zu rasch und kräftig steigen. Die Solvenzquote der Lebensversicherer hängt nämlich stark vom Zinsniveau ab. Diese Kennzahl zeigt an, ob Versicherer dazu in der Lage sind, aktuelle Verpflichtungen auch in Extremszenarien gegenüber ihren Kunden zu erfüllen. Sollte die Zinswende dagegen verschoben werden oder sollten die Zinsen sogar noch weiter sinken, kämen weitere harte Zeiten auf Lebensversicherer zu. Auch ohne Bundesanleihen im Portfolio.

Mehr zum Thema: Heutzutage müssen Kunden von Lebensversicherern kräftige Abstriche bei Garantien und Renditen hinnehmen. Bei wem ist die beliebteste Altersvorsorge der Deutschen noch sicher? Ein exklusives Rating der leistungsstärksten Lebensversicherer gibt Aufschluss.

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