Demografie Wie alte Mitglieder die Krankenkassen belasten

Gesetzliche Krankenversicherungen (GKV) leiden darunter, dass sie immer mehr alte und kranke Mitglieder versorgen müssen. Die Beiträge müssen weiter steigen. Es fehlt an Ideen, die GKV zukunftsfähig zu machen. 

Diesen Krankenkassen sterben die Kunden weg
Krankenkassenkarten Quelle: dpa
Steine mit Aufschriften Quelle: dpa
Schriftzug der AOK Quelle: dpa
Grafik des Dienstes für Gesellschaftspolitik Quelle: Handelsblatt
Screenshot der Internetseite der G&V BKK Quelle: Handelsblatt
Screenshot der Internetseite der BKK Phoenix Quelle: Handelsblatt
Screenshot der Internetseite der BKK Medicus Quelle: Handelsblatt

Werner Görg, Chef des Versicherers Gothaer, schlägt vor, Erben für die Krankheitskosten verstorbener Mitglieder gesetzlicher Krankenkassen (GKV) heranzuziehen. Deren Umlagesystem, bei dem junge, gesunde Mitglieder für alte, kranke zahlen, sei nicht demografiefest, so Görg. Müssten die Erben für die medizinische Versorgung in den letzten Lebensmonaten aufkommen, könnten die GKV-Beiträge ein Drittel niedriger sein.

Richtig ist, dass die Krankheitskosten statistisch in den letzten beiden Lebensjahren am höchsten sind. Laut Verband der privaten Krankenversicherer (PKV) kostet ein Mann im Krankenhaus zwischen 81 und 85 Jahren im Schnitt zehn Mal so viel wie ein männlicher Patient zwischen 41 und 45 Jahren. Wenn mehr Kassenmitglieder 85 Jahre oder älter werden, müssen auch die Beiträge steigen.

Die Beitragsschraube lässt sich jedoch nicht endlos drehen. Schon jetzt saugen Steuern und Sozialabgaben bei Arbeitnehmern mehr als die Hälfte des Einkommens ab. Demnächst kommen dazu noch Zusatzbeiträge.

Kinder zahlen für Eltern

Noch fehlen Ideen, wie staatlich regulierte Gesundheit langfristig bezahlbar wird. Gothaer-Chef Görg stößt in diese Lücke. Bereits heute werden in der gesetzlichen Pflegeversicherung Angehörige herangezogen, wenn Rente und staatliche Leistung nicht reichen, um das Pflegeheim zu finanzieren. Was liegt näher, Ähnliches auch bei Krankenkassen zu fordern? Das fällt um so leichter, wenn man als PKV-Manager Reformen bei der GKV nicht zu verantworten hätte und durch solche Vorschläge noch freiwillig Versicherte von der GKV zu den Privaten treibt.

Der Versuch, bei Erben Krankenhausrechnungen einzutreiben, dürfte die Probleme der Kassen kaum lösen. Man muss gar nicht zynisch unterstellen, dass Angehörige dann teure Behandlungen sabotieren, etwa seltener den Notarzt rufen würden. Ausweichreaktionen, etwa Schenkungen statt Erbschaften, wären wahrscheinlich. Und wer viel zu vererben hat, ist ohnehin privat versichert. Gerade Geringverdiener aber, die nichts zu vererben haben, sind statistisch häufiger krank als Gutverdiener. Deren Kosten muss dann das Kollektiv tragen.

Weltmeister bei Kunstknien

Mehr Eigenverantwortung in der GKV wäre wünschenswert. Zu klären wäre aber zunächst einmal, wie viel Gesundheit sich eine vergreisende Gesellschaft leisten will. Niemand zwingt die Deutschen, bei der Zahl künstlicher Hüften oder Kniegelenke weltweit an der Spitze zu liegen. Wenn alle Eingriffe nötig wären, dann müssten die Deutschen viel schlechtere Gelenke haben als ihre europäischen Nachbarn.

Sind die privaten Krankenversicherer besser auf das Demografie-Problem vorbereitet als die GKV? Auf den ersten Blick schon. Schließlich bilden sie für die im Alter steigenden Krankheitskosten Rückstellungen. Ende 2013 waren insgesamt 164 Milliarden Euro im Topf. Dieser Puffer soll garantieren, dass die Beiträge von älteren Versicherten nicht durch die Decke gehen. Oft reicht das dennoch nicht. Trotz Rückstellungen zahlen 70-Jährige in der PKV häufig das Dreifache dessen, was ein 30-Jähriger aufbringen muss.

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Wie hoch das finanzielle Risiko der Vergreisung für privat Krankenversicherte ist, hängt davon vor allem davon ab, wie groß der Anteil an Kranken im Tarif ist. Wie sich Kranke und Gesunde in einem Tarif verteilen, legt kein Krankenversicherer offen – auch nicht die Gothaer. Wer glaubt, er könne dem Kollektiv entfliehen, wenn er zur PKV wechselt, der irrt.

Was die Zukunftsfähigkeit angeht, hat Vorstandschef Görg im eigenen Haus noch viel zu tun. Im PKV-Unternehmens-Ranking landet die Gothaer mit nur zwei Sternen auf einem der hintersten Plätze.

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