„Der Pflege-Bahr“ Das taugt das neue Pflege-Tagesgeld

Versicherer starten einen Werbefeldzug für den neuen geförderten „Pflege-Bahr“. Die Kritik der Verbraucherschützer ist vernichtend. Abschließen oder nicht? Ein Vergleich zeigt die besten Policen und deckt Schwächen auf.

Namensgeber: Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr vor der Bundespressekonferenz in Berlin. Quelle: dpa

Kaum ist der neue „Pflege-Bahr“ auf dem Markt, schon wird er von den Verbraucherschützern arg zerrissen. „Nichts anderes als eine Promotion für die Versicherungsbranche“, erklärt etwa Edda Castello von der Verbraucherzentrale Hamburg. Wegen Intransparenz und hoher Kosten sollten Versicherte das Geld lieber auf ein Festgeld-Konto legen.

Das Projekt sei ein „kalkulatorischer Blindflug der Versicherungsmathematiker, da die Privatwirtschaft ja keine Erfahrung mit derartigen Produkten habe“, erklärt Axel Kleinlein, ehemaliger Vorsitzender des Bundes der Versicherten. Stiftung Warentest verzichtete in einem Vergleich von Anfang Mai sogar auf das das bekannte Bewertungsurteil zwischen „sehr gut“ und „mangelhaft“. Auch Gerd Billen, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes lässt kein gutes Haar an der den neuen „Pflegetagegeldern“: „Es ist volkswirtschaftlich nicht sinnvoll, in diese Form der Risikoabsicherung zu investieren“.

Was ist nur passiert, das die Kundenvertreter derart erzürnt? Anfang des Jahres führte die Regierung eine neue Förderung für Pflegetagegeld-Policen ein. Solche Policen springen ein, wenn der Versicherte im eigenen Haushalt nicht mehr ohne Hilfe auskommt. Die private Vorsorge ist wichtig, weil die staatlichen Zuschüssen nicht annähernd reicht, um die Kosten einer Pflege abzudecken. Laut Analysehaus Morgen & Morgen können die Deckungslücken von 360 Euro bei ambulanter Pflege in Stufe I rund 1700 Euro bei stationärer Pflege in Stufe III betragen.

Die Tricks der Krankenversicherer
Mit günstigen Preisen lockenWer sich im Internet für Krankenversicherung interessiert, findet ganz schnell auch Anzeigen, in denen eine private Krankenversicherung für 49 Euro im Monat versprochen wird. Experten raten ab: In nur ganz wenigen Fällen kommen solche Beiträge überhaupt zustande. Wer so wirbt, hat meist nur ein Ziel: Die Daten des Interessenten einsammeln. Quelle: dpa
Adressen weiter verkaufenIm Internet sind viele professionelle Adressenhändler unterwegs. Wer seine Daten in einem scheinbar unabhängigen Portal für einen kostenlosen Vergleich eingibt, muss damit rechnen, dass er später mit Emails oder Anrufen bombardiert wird. Denn die Adressensammler verkaufen die Kontaktdaten an interessierte Vermittler weiter, die genau wissen, wie sie einen Versicherungsvertrag am besten verkaufen. Quelle: gms
Gierige Vermittler rausschickenNur wer eine private Krankenversicherung tatsächlich auch verkauft, verdient in der Vermittlerbranche Geld damit. Denn nur dann kassiert er Provision. Das Prinzip dabei: Je höher der Monatsbeitrag des Kunden, umso besser die Provision des Verkäufers. Nach den neuen Regeln wird der Monatsbeitrag hier in der Spitze mit dem Faktor neun multipliziert. Früher ging es bis zum Faktor 15 hoch. Quelle: dpa
Hohen Eigenanteil aufbrummenDas Prinzip in der privaten Krankenversicherung: Je mehr der Kunde im Falle einer Krankheit selbst bezahlt, umso niedriger wird sein Monatsbeitrag. Wer also einen Selbstbehalt von mehreren hundert bis zu 1000 Euro vereinbart, hat die Chance auf Prämien von weniger als 200 Euro. Quelle: dpa
Rechnungen nur teilweise zahlenJeder Versicherer hat seine eigenen Bedingungen. Daraus ergibt sich, was er im Zweifel bezahlt und was nicht. Für den Kunden ist das von vornherein schwer ersichtlich, deshalb haben die Analysten von Franke & Bornberg einen Index mit typischen Krankheiten gebildet und so das Leistungsniveau von unterschiedlichen Tarifen simuliert. Oft liegt das Erstattungsniveau der Billigtarife dabei nur zwischen 50 und 70 Prozent. Quelle: dpa
Teure Krankheiten ausschließenDie private Krankenversicherung (PKV) wirbt gerne damit, dass sie deutlich mehr leistet als die gesetzliche Krankenversicherung. In Billigtarifen wird jedoch die Leistung für bestimmte Krankheiten von vornherein ausgeschlossen. Dazu zählen etwa Behandlungen durch Psychologen, Wahlleistungen im Krankenhaus, Zahnleistungen oder die freie Arztwahl. Quelle: dpa
Prämien schnell erhöhenViele Krankenversicherer lockten Kunden in Billigtarife und hoffen, dass sie bald in höherwertige und teurere Tarife wechseln. Diese Rechnung ist in vielen Fällen jedoch nicht aufgegangen. Im Gegenteil: Viele Kunden in Einsteigertarifen zahlen sogar gar nichts mehr. Die Kosten tragen alle Versicherten im jeweiligen Kollektiv. Die Folge sind satte, zweistellige Prämienerhöhungen. Quelle: dpa

Der Abschluss einer Police ist Pflicht für Vermögende, die im Alter nicht auf die Grundsicherung angewiesen sind oder ihren Nachkommen ein reiches Erbe hinterlassen möchten. Die ungeförderten Policen, die es bislang gab, galten in der Branche aber eher als Ladenhüter.

Die besten Policen im Vergleich

Das soll sich nun ändern. „Die Einführung der neuen Pflegezusatzversicherung ist auf jeden Fall ein historischer Schritt“, sagt Volker Leienbach, Direktor beim Verband der Privaten Krankenversicherung. „Bereits in den ersten vier Monaten nach seiner Einführung wurden 70.000 Verträge abgeschlossen und täglich kommen hunderte neue hinzu“. Bis zu 1,5 Millionen Menschen sollen laut Verband in den nächsten Jahren eine Police abschließen.

Aber lohnen die geförderten Tarife nicht nur für die Versicherer, sondern auch für den Kunden? Die Auswahl des besten Tarifes ist für Normalkunden ohne Fachwissen kaum möglich. Ein Marktvergleich des Analysehauses Morgen & Morgen von 20 Pflege-Bahr-Tarifen, die Handelsblatt Online vorab vorliegt, zeigt immense Unterschiede bei den Leistungen.

Bei einem 20 Jahre alten Versicherten, der monatlich einen Beitrag von rund 15 Euro zahlt, schwanken in Pflegestufe III die monatlichen Leistungen zwischen 1980 Euro beim besten Anbieter und 840 Euro beim schlechtesten Anbieter. 600 Euro sind vom Gesetzgeber als Untergrenze vorgeschrieben. Auch bei den Tarifen in Pflegestufe I und II sind die Unterschiede je nach Anbieter erheblich.

Das Problem: Es gibt keinen Versicherer, der in allen Pflegestufen die höchste Leistung bietet. Während bei einem jungen Versicherten vor allem die Leistungen variieren, unterscheiden sich bei Älteren vor allem die Monatsbeiträge. Einen 60 Jahre alte Versicherter kann bei keiner Gesellschaft in Pflegestufe III mehr als die gesetzliche Mindestanforderung von 600 Euro absichern.

Die Beiträge variieren je nach Anbieter dabei zwischen 24 Euro und mehr als 38 Euro im Monat. „Das Thema Pflege-Bahr ist komplex“, sagt Stephan Schinnenburg, Geschäftsführer von Morgen & Morgen. „Starke Beitragsunterschiede bei älteren Versicherungsnehmern, extrem variierende Pflegemonatsgelder bei jüngeren Versicherten, unterschiedliche Leistungen innerhalb der Pflegestufen machen die geförderte Pflege beratungsintensiver als ursprünglich angenommen“.

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