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Edelmetall-Experte "Silber ist gegenüber Gold unterbewertet"

Silber sei die preiswerte Alternative zum Gold und biete das deutlich höhere Preissteigerungspotenzial, meint Investor Thorsten Schulte. Vor allem für die Industrie ist das Edelmetall als Rohstoff unverzichtbar.

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Thorsten Schulte

WirtschaftsWoche: Herr Schulte, Sie sagen Silber werde in Papierwährungen noch stärker steigen als Gold. Warum sollte das passieren?

Weil es gegenüber Gold unterbewertet ist. Es gibt zwar mehr als fünfmal soviel Silber wie Gold, das noch im Boden liegt. Doch dieses Silber wird nur mit einem Zehntel des Wertes des Goldes bewertet. Bezogen auf den Preis pro Unze müsste das Preisverhältnis zwischen Gold und Silber also nicht bei 58 liegen, sondern auf 30 fallen.

Potenzielles Silberangebot liegt auch über der Erde. Rechnet man die bereits geförderten Mengen dazu, dann passte das aktuelle Preisverhältnis exakt.

Der Vergleich hinkt. Etwa die Hälfte des bisher gewonnen Silbers ging verloren oder wurde industriell verbraucht. Gold aber wird gehortet und wiederverwertet.

Genießt Gold nicht gerade deshalb eine höhere Wertschätzung, weil es nicht auf der Mülldeponie landet? Gold hat seinen monetären Charakter behalten, Silber hat sich immer mehr zum Industriemetall entwickelt.

Richtig. Deshalb haben Regierungen ja heute fast kein Silber mehr, das sie verkaufen könnten.     Zwischen 1993 und 2009 verkauften Regierungen 753 Millionen Unzen und drückten so den Preis. Aber das Ende ist in Sicht. Die Silberlager der Regierungen sind so gut wie leer. Dagegen können Staaten und internationale Organisationen noch 982 Millionen Unzen Gold verkaufen.

In der Praxis passiert das Gegenteil. Notenbanken stocken die Staatsreserven auf - mit Gold, nicht mit Silber.

Es steht nicht in Stein gemeißelt, dass das ewig so bleibt. Möglicherweise werden die Staaten irgendwann auch wieder Silberreserven aufbauen. Ganz hat Silber seinen Währungscharakter ja nicht verloren. Da Silber von großer realwirtschaftlicher Bedeutung ist, wird der private Besitz von Silber kaum verboten aufgrund hoher administrativer Kosten. Gold war in den USA und China lange verboten. Gerade in der Doppelrolle von Silber als Edel- und Industriemetall sehe ich einen starken Preistreiber. Beim Gold kommt nur weniger als zehn Prozent der Nachfrage aus der Industrie, beim Silber tragen industrielle Anwendungen, die Fotografie und Tafelsilber rund zwei Drittel zur Gesamtnachfrage bei. Die Nachfrage aus der Industrie stieg binnen zehn Jahren um 70 Prozent.

Das reichte gerade, um den Nachfrageschwund aus anderen Bereichen aufzufangen. Fotografiert wird heute digital, als Aussteuer ist Silberbesteck out. Bei schwacher Konjunktur braucht auch die Industrie weniger Silber.

Aber die Weltwirtschaft wächst. Man sollte weniger auf die schwache Geldmengenentwicklung in den USA schauen und sich besser die Entwicklung in den Schwellenländern anschauen. Die gemeinsame Geldmenge von Brasilien, Russland, Indien, Indonesien, China und Südafrika hat sich seit 1999 bis heute versiebenfacht auf fast 14 000 Milliarden Dollar. Ich sehe keinen baldigen Zusammenbruch der Weltwirtschaft. Die weltweiten Exporte haben das Vorkrisenniveau nahezu wieder erreicht – dank Asien. Ich bleibe für die kommenden Monate optimistisch, dass die Erholung nicht abbricht.

Silberaktien

Und wenn es doch passiert?

Selbst dann wird die Silbernachfrage nicht dramatisch einbrechen. Silber ist bei vielen neuen Anwendungen für die Industrie unverzichtbar geworden. Auch sorgen die geringen Einsatzmengen in den Endprodukten dafür, dass die industrielle Nachfrage relativ preisunelastisch auf Veränderungen des Silberpreises reagiert. In diesem Jahr werden 330 Tonnen Silber alleine in den neuen Mobilfunktelefonen der Welt verbraucht. In Solarpanels nochmals rund 1500 Tonnen. In einer Studie für das Bundeswirtschaftsministerium untersuchte das Fraunhofer-Institut zusammen mit dem Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung die Auswirkungen von Zukunftstechnologien auf die Rohstoffnachfrage. Silber bescheinigt die Studie hohes Potenzial. Das größte Mengenwachstum sei beim Einsatz von Silber in RFID-Tags zu erwarten, über Funk lesbare Chips, die künftig klassische Etiketten ersetzen sollen. Der jährliche Silberbedarf der sieben untersuchten Zukunftstechnologien könnte sich bis 2030 verdreifachen auf gut 500 Millionen Unzen.

Allein aus den Minen ließe sich der zusätzliche Bedarf nicht decken?

Das stimmt. Gleichzeitig müssen Recyclingketten für verbrauchtes Silber aufgebaut werden.

Wegen der geringen Einsatzmengen lohnt sich Recycling oft nicht?

Weil Silber in vielen Anwendungen unverzichtbar geworden ist, arbeitet die Industrie daran. Auch der steigenden Silberpreis hilft.

Noch ist Silber aber nicht knapp. Anders als beim Gold steigt die Minenproduktion. Drohen Überschüsse?

Nein. Das meiste Silber fällt als Beiprodukt in Minen an, die zyklische Metalle wie Blei, Zink und Kupfer produzieren. Viel Silber wird also nur produziert, wenn die Konjunktur läuft. Dann aber steigt die Industrienachfrage.

Bestimmende Größe am Silbermarkt sind die Investoren?

Ja. Das zeigen die Zuflüsse in die mit Barren gedeckten Wertpapiere. Ihre Bestände liegen inzwischen bei fast 450 Millionen Unzen.

Wie sollten Privatanleger investieren?

Vor allem in physisches Silber...

...trotz Mehrwertsteuer, die beim Goldkauf nicht anfällt?

Die liegt bei Anlagemünzen bei sieben Prozent. Das ist verkraftbar mit Blick auf das hohe Preissteigerungspotenzial. Aktien von Silberproduzenten und der Silber-ETF der Zürcher Kantonalbank bieten sich als Ergänzung an.

Seit August ist der Silberpreis um 30 Prozent gestiegen. Ist die Luft nicht zunächst raus?

Eine Korrektur ist immer drin. Andererseits schoss der Silberpreis im April 2006 gut 70 Prozent über seinen gleitenden 200-Tage-Durchschnittskurs. Wenn wir das auf heute übertragen, könnte Silber durchstarten auf über 31 Dollar. Es ist also nicht abwegig, weitere markante Anstiege vorherzusagen. Aber ich bin mir sicher, dass das beste erst noch kommt. Inflationsbereinigt hätte Silber sein Hoch von 50,36 Dollar vom 18. Januar 1980 erst bei rund 140 Dollar erreicht. Legen wir die Berechnungsmethodik für die Inflationsmessung auf Basis des Jahres 1983 zugrunde, dann entspräche erst ein Silberpreis von 453 Dollar je Feinunze dem damaligen Preishoch.

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