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Edelmetalle Beim Silber sind weitere Verluste drin

Die heiße Luft aus Silber ist erst einmal raus. Das heißt aber nicht, dass der Unzenpreis trotz des massiven Einbruchs in den nächsten Wochen wieder steigt. Im Gegenteil.

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Silberbarren mit einem Gewicht Quelle: dpa

Silber ist eine alte Währung. Vor rund 5000 Jahren gab es die ersten Versuche, das Edelmetall abzubauen. 550 vor Christi wurden schließlich die ersten Silbermünzen im östlichen Mittelmeerraum geprägt; 269 vor Christi  nahm das Römische Reich Silber in die Standard-Münzen-Prägung auf. Der kleine Bruder des Goldes zog auch immer Spekulanten an. Dass der Silberpreis mal wieder spekulativ getrieben ist und die sich beschleunigende Hausse bald Kleinzocker vom Sofa locken würde, war im April absehbar. Von August 2010 an war der Silberpreis bis Ende April um rund 200 Prozent nach oben geschossen. Je Unze erreicht der Preis knapp 50 Dollar.

Bankrott der Hunt-Brüder

Eine ähnliche, aber noch stärkere Hausse, hatte es zuletzt Ende 1979 bis Januar 1980 gegeben. 1973 hatten die Gebrüder Hunt begonnen, groß ins Silbergeschäft einzusteigen. Sie kauften Silber in den Folgejahren systematisch auf, um den Preis in die Höhe zu treiben. Im Januar 1980 steigt der Silberpreis in Reaktion auf die sowjetische Invasion in Afghanistan auf ein Rekordhoch von knapp 50 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Er hatte sich damit binnen weniger Monate verneunfacht. Die US-Terminbörse Comex verändert die Handelsregeln und verbietet vorübergehend den Kauf von Terminkontrakten, die auf weiter steigende Preise setzen. In den kommenden Monaten fällt der Silberpreis auf bis zu 15 Dollar. Die Gebrüder Hunt - Söhne des texanischen Öl-Tycoons Haroldson Lafayette Hunt Jr. - bleiben auf Milliardenverlusten sitzen und werden 1988 wegen versuchter Manipulation des Silbermarktes verurteilt. Sie müssen an ein peruanisches Mineralunternehmen 134 Millionen Dollar Schadenersatz zahlen. Die Brüder erklären ihren Bankrott.

Fast wie 1980

Aktuell gibt es viele Parallelen zu 1980. In Dollar hat Silber nun binnen zwei Wochen ein Drittel vom Top verloren, liegt seit Jahresanfang aber immer noch zehn Prozent im Plus. Die US-Terminbörsen wollten dem Gezocke nicht länger zusehen und dämmten die Spekulation ein. Sie zwangen Halter von Haussepositionen, die an den Börsen für solche Positionen zu hinterlegenden Gelder zu erhöhen. Zwischen dem 26. April und dem 10. Mai wurde diese Sicherheits-Marginum fünf Mal angehoben, um insgesamt 84 Prozent. Mit zwölf Prozent des Kontraktwerts liegt die Margin nun historisch hoch; weitere Erhöhungen sind – je nach Entwicklung des Silberpreises – nicht ausgeschlossen. Je 5000 Feinunzen wird nun eine Sicherheitsleistung  von 16000 statt zuvor 8700 Dollar verlangt. Auch in China erhöhte die Shanghai Gold Exchange die Marge auf die dort gehandelten Silber-Titel auf 19 von zuvor 18 Prozent.

Fundamental übertriebenes Niveau

Silberchart 2005 bis 2011

Die Rücklagenforderungen könnten bei fallenden Preisen und Rückgängen der Haussepositionen aber auch wieder sinken. Fundamental ist auch das aktuelle Preisniveau von derzeit rund 34 Dollar noch übertrieben. "Aufgrund der erhöhten industriellen Nachfrage wäre ein Silberpreis von 10 bis 20 Dollar je Feinunze gerechtfertigt. Alles, was darüber hinausgeht, ist durch Spekulation getrieben", sagte vergangene Woche Frank Heinricht. Als Chef des Hanauer Edelmetallunternehmens Heraeus dürfte er es wissen.

Nachfrageplus von 40 Prozent

Doch was hatte den Preis überhaupt getrieben? Dazu ein Blick in den jüngsten World Silver Survey des Researchhauses GFMS. Demnach stieg die Nachfrage nach Silber als Anlage- und Spekulationsobjekt 2010 um 40 Prozent auf 279 Millionen Unzen. Davon entfielen 41 Prozent auf börsengehandelte Fonds (Exchange Traded Funds/ETFs). Der Investmentanteil an der Gesamtnachfrage stieg von 22 auf 26 Prozent. In der Industrie wurden 487 Millionen Unzen verarbeitet. Das waren 21 Prozent mehr als 2009, der Anteil an der Gesamtnachfrage verharrte aber auf Vorjahresniveau. Doch auch das Angebot reagierte auf den Preisanstieg. Die Minen förderten zwar nur 2,5 Prozent mehr Silber. Insgesamt aber stieg ihr Angebot um 15 Prozent auf 797 Millionen Unzen, weil Teile der zukünftigen Produktion vorab verkauft wurden. Mit höheren Preisen wird zudem mehr Tafelsilber versilbert und das Recycling von industriell verarbeitetem Silber lohnt eher. Richtig, noch landet ein Großteil des in ausgedienten Handys, Laptops oder Katalysatoren verarbeiteten Silbers für immer auf der Müllkippe. Gerade darin sehen Silberfanatiker einen Knappheitsvorteil ihres Lieblingsmetalls gegenüber Gold. Andererseits: Solange das Gold des kleinen Mannes noch im Müll landet, glänzt es offenbar nicht so stark wie das Original. Was knapp und begehrt ist, landet nicht auf dem Müll.

Deutsche halten lieber Gold

Trotz Hausse spielte Silber auch eine noch geringere Rolle in der Vermögensstruktur der Deutschen als Gold. Das hat das Research Center for Financial Services der Steinbeis-Hochschule Berlin in einer repräsentativen Umfrage ermittelt. Demnach besitzen die Deutschen 29.000 Tonnen Silber (Schmuck, Tafelsilber, Barren, Münzen) im Wert von 19 Milliarden Euro. In silberbasierten Wertpapieren (Zertifikate, ETF, Aktien) stecken weitere gut 15 Milliarden Dollar. Damit halten die Deutschen nur 0,7 Prozent ihres Geldvermögens direkt oder indirekt in Silber. Rund die Hälfte der 1122 Befragten sagen, dass sie in Zukunft kein Silber kaufen wollen.

Mittelfristiger Aufwärtstrend intakt

Silberfans wie der Ex-Investmentbanker Thorsten Schulte, der das regelmäßige Bulletin "Silberjunge" herausgibt, halten  weit höherer Kurse in Silber für möglich. "Auf lange Sicht sind weit höhere Preise wahrscheinlich. Inflationsbereinigt hätte Silber sein Hoch von 50 Dollar im Januar 1980 erst bei 140 Dollar erreicht. Berechnete man in den USA die Inflation heute noch so wie damals, dann entspräche gar ein Silberpreis von 450 Dollar dem alten Preishoch", so Schulte. Anleger sollten sich bewußt sein, dass Silber wesentlich schwankungsanfälliger als Gold ist. Wer auf dem Hoch Ende April gekauft hatte, muss jetzt erst einmal hoffen, dass Silber um die Hälfte zulegt, damit er aus den roten Zahlen herauskommt.

Platz nach unten

Der  - intakte - Aufwärtstrend seit 2008 liegt übrigens bei derzeit nur rund 24 Dollar. Gut möglich, dass Silber diesen - steigenden Trend - zunächst einmal anvisiert und noch einmal um ein knappes Drittel nachgibt. Spekulativ eingestellte Anleger legen sich in diesem Preisbereich mit einer Handvoll Kleingeld auf die Lauer.

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