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Elsässers Auslese
Lebensversicherung Quelle: dpa

Was läuft bei unseren Lebensversicherungen schief?

Markus Elsässer Value Investor

Sind Sie zufrieden mit der Wertentwicklung Ihrer Lebensversicherung? Ich nicht. Ein Blick hinter die Kulissen deckt enorme Defizite auf. Eine Kolumne.

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Zur Winterzeit flattern einem die Briefe der Lebensversicherer ins Haus. Es macht mir schon lange keinen Spaß mehr diese Briefe zu öffnen. Die jährliche Meldung über die voraussichtlichen Auszahlungen - als Rente oder Kapitalausschüttung – zur Endfälligkeit haben den Charakter wahrer Schreckensmeldungen angenommen.

Die einst in Aussicht gestellten Auszahlungsbeträge werden nach unten angepasst. Wer seine Versicherungsakte sauber führt und die Belege chronologisch verwahrt, der kommt aus dem Staunen kaum heraus. Die Wertentwicklung zeigt nach unten.

In diesem Jahr ist laut aktueller Mitteilung einer meiner Versicherungen über ein ganzes Jahr lang nichts, kein einziger Cent, für mich erwirtschaftet worden. Wie kann das sein? Immerhin geht es um die private Altersversorgung.

Hier steckt das Geld Ihrer Lebensversicherung
An den Kapitalmärkten sind Lebensversicherer deshalb machtvolle Spielern. Nur: Wohin genau investieren sie? Quelle: dpa
Ein großer Teil der Gelder fließt in Renten. Quelle: dpa
Es gibt verschiedene Arten von Renten, zum Beispiel Hypotheken, Darlehen und Staatsanleihen. Quelle: dpa
Der prozentuale Anteil von Pfandbriefen ist der drittgrößte innerhalb der Rentengelder Quelle: REUTERS
Lebensversicherer investieren nicht nur direkt in Renten, sondern auch dadurch, dass sie Anteile an Rentenfonds erwerben. Quelle: dpa
Genussrechte unterliegen etwas anderen Regeln als Aktien oder Anleihen. Quelle: dpa
Sicher aber wenig beliebt sind bei den Versicherern Tages-, Termin- und Festgelder. Quelle: gms

Die lapidare und landläufige Erklärung, die man so hört, lautet: „Ja, es gibt ja auch keine Zinsen mehr.“ Nun das spüren wir als Sparer und Geldanleger ja selber, wenn wir die Sparbücher und Anleihen betrachten. Doch dieses Argument reicht nicht aus, um die vermeintlich schlechte Leistung der Lebensversicherer als Kapitalanleger hinzunehmen.

Beleuchten wir den Sachverhalt einmal aus der Fernsicht. Die Lebensversicherer sind mit die größten professionellen Kapitalanleger mit einem klaren Langfrist-Mandat. Keiner der Versicherten hat sie gebeten, zur Absicherung seines Lebensabends, das Geld nur auf Sparbüchern anzulegen.

Und obendrein ist das Null-Zinsniveau zum einen nur auf einige Währungen beschränkt und zum anderen ein Phänomen der jüngeren Zeit. Noch vor fünf Jahren konnte man gute Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit zu attraktiven Zins-Coupons ins Depot nehmen. Diese Anleihen laufen heute noch zu hohen Kursen im Markt und zahlen jährlich Zinsen aus.

Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass die Lebensversicherer vernünftigerweise das Risiko ihrer Kapitalanlagen immer schon auf verschiedene Anlageklassen verteilt haben. Nur so konnten sie ja ihr Langfrist-Mandat erfüllen - nämlich: Kapitalien inflationsgesichert in einer weiten Zukunft zu garantieren.

Neben der Geldanlage in Anleihen (auch Obligationen genannt) haben die Lebensversicherer daher immer schon in großem Stil in Immobilien und in Aktien investiert. Und hier liegt ihre große Stärke. Denn anders als Einzelpersonen oder Familien können die Versicherer wirklich langfristig über viele Jahrzehnte disponieren.

Wenn wir nun an die unerfreuliche Entwicklung unserer Lebensversicherungswerte denken, dann müssen wir uns jetzt fragen: ist es denn bei den Immobilien und Aktien in den letzten Jahren und Jahrzehnten so schlecht gelaufen? Ist denn auf diesen beiden Märkten eine Dauerkrise gewesen, die unsere Versicherungspolicen in den Keller gerissen hat?

Um die Frage zu beantworten, schaue ich mir Beispiele aus dem realen Leben mit konkreten Zahlen an und halte mich nicht mit volkswirtschaftlich-statistischen Daten auf.

Zu den Immobilien: nach Jahren der Stagnation der Preise in Deutschland, Mitte der neunziger Jahre bis etwa 2005, ist bei Wohnimmobilien ein eindeutiger Aufwärtstrend zu verzeichnen. Dieser fing langsam und kaum merklich an, ist aber heute evident für fast jedermann sichtbar. Abgesehen von besonders strukturschwachen Regionen, ist allerorten bei den Immobilienmaklern immer mehr das Schild „verkauft“ zu sehen.

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Ein typisches Beispiel aus meinem Bekanntenkreis: in einer mittleren Kreisstadt im Rheinland finden 90-Quadratmeter Wohnungen, die vor sieben Jahren zu 190.000 Euro zu haben wahren, nun für 250.000 Euro problemlos einen Käufer.

In Spitzenlagen von begehrten Großstädten wie München oder Hamburg werden Rekordpreise erzielt, die einem den Atem verschlagen. Vieles kommt da gar nicht an die Öffentlichkeit. Ein mir bekannter Investor hat neulich so einen Deal gelandet.

Seine Familie hat in den achtziger Jahren eine erstklassige Gewerbeimmobilie erworben. Im Verlauf der Jahre hat sich die jährliche Mieteinnahme auf vier Millionen Euro gesteigert. Ein tolles Immobilieninvestment, wie es sich jeder wünscht. Nun ist diese Immobilie aber für sage und schreibe 150 Millionen Euro an einen neuen Eigentümer gegangen. Einem solchen Angebot konnte die Familie nicht widerstehen. Das Geld ist inzwischen auf dem Bankkonto.

Langfrist-Anlage in Aktien

Es ist nur wenigen Privatanlegern vergönnt, einen solchen Schachzug zu landen. Den Versicherern mit ihrem Langfrist-Anlagehorizont hingegen gehören von jeher die feinsten Immobilien. Da brauchen wir gar nicht nur nach Manhattan, Paris, Genf oder London zu schauen. Auch dort befinden sich die guten Lagen natürlich seit Jahrzehnten auf immer höherem Topniveau, im Eigentum von Versicherern.

Also mit den Immobilien sind die Versicherer schon mal bestens gefahren. Doch wie sieht es mit den Aktien aus, die weitere Säule der Kapitalanlagen bei den Lebensversicherungen? Bevor ich Ihnen da lang und breit Erklärungen abgebe, hier ein paar Aktienkursentwicklungen:

Für den langfristigen Vergleich habe ich den Januar 2004 gewählt. Die Henkel Aktie stand zum dem Zeitpunkt bei 22 Euro, heute notiert sie bei über 100 Euro. Beiersdorf ist von 31 Euro auf über 75 Euro gestiegen. Der Markenspezialist Reckitt Benckiser (Calgon, Scholl, Sagrotan, u.ä.) hat sich gar von 1.250 Pence auf heute über 6.700 Pence im Kurs gesteigert.

Trotz Rückschlägen wegen der Monsanto-Übernahmepläne konnte sich der Wert der Bayer AG Aktie von 24 Euro auf über 85 Euro erhöhen. Im Januar 2004 notierte die BASF bei 22 Euro, heute über 75 Euro. Der Augenoptiker-Filialist Fielmann AG war für 9,50 Euro in 2004 zu haben. Dieser Tage müssen Sie über 55 Euro für die Aktie zahlen.

Die Aktie des Braukonzerns Heineken in Holland stand bei 31 Euro, heute bei 70 Euro. Der amerikanische Mischkonzern „3M“ war für 31 US-Dollar pro Aktie im Januar 2004 zu haben. Heute steht die Notiz bei etwa 170 US-Dollar. Das sind nur ein paar Beispiele.

Muss ich dazu noch etwas sagen? Trotz der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 haben sich die Aktienvermögen guter Firmen in den Depots von Langfrist-Anlegern geradezu fantastisch gut entwickelt. Daneben haben die meisten Aktiengesellschaft jährlich steigende Dividenden konstant ausgeschüttet.

Welche Fonds Lebensversicherungskunden für ihre Policen wählen können

Also auch auf dem Gebiet der Langfrist-Anlage in Aktien sind die Lebensversicherer in einen wahren Honigtopf gefallen!

Mein Fazit ist ganz klar: Wer sich entschieden hat, einen Teil seiner Altersversorgung einer Lebensversicherung anzuvertrauen, der ist einen Pakt für viele Jahre eingegangen. Eben im vollen Vertrauen auf eine umsichtige Arbeit eines Profi-Kapitalanlage-Teams von Spezialisten mit Langfrist-Mandat. Wegen dieser soliden Qualität, die sich von kurzfristig agierenden Asset Managern oder auch von Amateuren unterscheidet, habe auch ich mich vor Jahren für Lebensversicherungspolicen entschieden.

Angesichts idealer Rahmenbedingungen für Immobilien- und Aktienprofis während der letzten 15 Jahre kann ich mich über die mir offerierten „angebotenen“ Resultate der Lebensversicherer nur wundern. Immerhin gehören die Top-Manager der Versicherungsbranche zu den hochgeschätzten Führungskräften der Nation. Ihre Namen sind in Aufsichtsräten und in Familienbeiräten zu finden. Offensichtlich wird ihr Rat gesucht und geschätzt.

Wie verhält sich das im Verhältnis zu der mir erbrachten jahrelangen Leistung? Wo ist der ganze Wertzuwachs geblieben?

Zum Abschluss noch ein Punkt: ab und an ist zu hören, dass es den „armen“ Versicherungen von Regierungsseite bzw. Aufsichtsbehörden unmöglich gemacht worden ist, vernünftig Kapital anzulegen.

Da kann ich nur lächeln. Wer hinter verschlossenen Türen, unter Ausschluss jeder Öffentlichkeit, zu vorgerückter Stunde, einmal die Führer der großen Versicherer erlebt hat, der weiß, wie die Machtverhältnisse zwischen den Politikern in Berlin und den Versicherungsgrößen einzuschätzen sind. Wenn es um wirklich existentielle Belange geht, lässt sich die Versicherungswirtschaft nichts gefallen. Offensichtlich drückt der Schuh im derzeitigen Modell nicht so arg. Es lebt sich ganz bequem.

Wie sagte schon mein Lateinlehrer 1970 zu mir, aus tiefer Überzeugung: „Bei Abschluss einer Versicherung ist danach die Versicherung der Gesicherte und der Versicherte der Verunsicherte“. So viel zu dem Thema: Da läuft was schief.

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