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Engelmanns Eigenhandel

Kurseinbruch am Wörthersee

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Niedriger Zins kein Naturgesetz

Was gegen die Einführung von Euro-Bonds zum jetzigen Zeitpunkt spricht, ist zweierlei: 1. Eine gemeinschaftliche Finanzierung der Staatsdefizite nimmt den Reformdruck von den Ländern, denen die Anleger zurzeit das Vertrauen entzogen haben. Wenn das Geld zu niedrigen Zinssätzen bequem aus Brüssel in die jeweiligen Staatskassen fließt, entfällt der Zwang, die Haushalte durch Sparmassnahmen und Effizienzsteigerungen zu sanieren. 2. Hat schon jemand einmal darüber nachgedacht, ob die Annahme, "Euro-Bonds" könnten zu niedrigeren Zinssätzen begeben werden als denjenigen, die Länder wie Italien und Spanien dieser Tage zahlen müssen, wenn sie sich neu verschulden wollen, die Gültigkeit eines Naturgesetzes hat? Gewiss: Ein solcher, nicht mehr länger fragmentierter europäischer Staatsanleihenmarkt könnte von der hohen Bonität der immer noch mit dem Gütesiegel "AAA" bewerteten Teilmärkte und von der höheren Liquidität profitieren. Aber was passiert, wenn die Anleger dem neuen Markt den Rücken kehren und ihr Geld lieber in Anleihen von Staaten mit deutlich besseren Verschuldungskennziffern investieren - zum Beispiel in solche der Emerging Markets?    

Sparsame Haushaltsführung

Mit der Krise der europäischen Anleihenmärkte verhält es sich ein wenig so wie mit dem Abnehmen: Niemand kann ernsthaft erwarten, über Nacht das abzunehmen, was er sich in Jahren oder Jahrzehnten angefressen hat. Ebensowenig können die Haushalte der Staaten Europas, die über Jahrzehnte einen Schuldenberg aufgetürmt haben, gegen die der Großglockner wie der Frankfurter "Monte Scherbelino" wirkt, in kurzer Frist saniert werden. Schon gar nicht mit "Wundermitteln" wie "Euro-Bonds". Der Weg aus der Krise wird lang und steinig. Jahre werden vergehen, bis eine sparsame Haushaltsführung das Vertrauen der Anleger erneuern und damit eine Verschuldung zu akzeptablen Zinssätzen ermöglichen wird. In der Zwischenzeit müssen die Instrumente greifen, die bereits entwickelt worden sind, um die Liquidität der Euro-Land Staaten sicherzustellen. Und auch die der in Euro-Land agierenden Banken. Die EZB hat auf die Verspannungen, die im Juli am Geldmarkt zu beobachten waren, bereits mit der Bereitstellung von zusätzlicher Liquidität für einen Zeitraum von sechs Monaten reagiert.    

Vorboten von QE3

Interessant wird zu beobachten sein, ob auch die "Zinswende" schon bald der Vergangenheit angehört. Wundern würde es mich nicht. Sowohl die amerikanische als auch die britische Notenbank machen den Zentralbankern in Franfurt vor, dass man die Leitzinsen auch in einem Umfeld hoher oder deutlich ansteigender Inflationsraten unverändert auf niedrigem Niveau belassen kann. Ob sie damit ihrem Auftrag gerecht werden, bleibt zwar fraglich. Nichtsdestotrotz hat sich der Vorsteher der Federal Reserve, Ben Bernacke, bereits jetzt darauf festgelegt, den Leitzins für eine "extended period" - voraussichtlich wohl zwei Jahre - auf dem jetzigen Stand zu belassen. Wer in diesem Zusammenhang noch nicht die Nachtigall um die Ecke trapsen hört, die das fröhliche Lied einer weiteren Runde des "quantative easing" trällert, muss schon sehr schwerhörig sein.   

Ruhe im Himalaya?

Alles in allem werden uns weitere Hiobsbotschaften also auch in den kommenden Jahren erreichen. Ich habe deshalb beschlossen, meinen nächsten Urlaub in Nepal zu verbringen. Im Funkloch am Fuße des Mount Everest sitzend und Ravioli aus einer Thermoskanne löffelnd, werde ich dort wohl einmal zwei Wochen von Nachrichten über das Geschehen verschont bleiben. Und wer weiss: Vielleicht kommt Naddel dann ja auch noch vorbei. Nach der Aufregung um ihre vergangene Woche entsorgte Perücke dürfte auch für sie das ansonsten so malerische Städtchen Velden nicht mehr die Ruhe und Abgeschiedenheit garantieren, die sie sich doch anscheindend im Innersten so sehr wünscht.  

Hinweis: Herr Engelmann ist Mitarbeiter der Citigroup in Deutschland. Der von ihm verfasste Text gibt allein seine persönliche Meinung wieder und ist keine Analyse, Beratung oder Empfehlung der Citigroup.

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