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Engelmanns Eigenhandel

Kurseinbruch am Wörthersee

Bevor er in den Urlaub fuhr, bei einem Dax von 7200 Punkten, nannte unser Kolumnist es "vernünftig", jetzt Aktien zu verkaufen. Den schlechten Nachrichten von der Börse konnte er aber auch in der österreichischen Provinz nicht entkommen.

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Oliver Engelmann, Rentenmarktexperte

Seit geraumer Zeit leide ich unter einer schweren Beeinträchtigung meines Gedächtnisses: dem "Marietta-Slomka-Syndrom". Jedes Mal, wenn das Bild der aparten Moderatorin des ZDF Heute-Journals vor meinem geistigen Auge auftaucht, will mir ihr Name partout nicht einfallen. Bislang tröstete ich mich über jenes erste Zeichen altersbedingt nachlassender Geisteskraft stets damit hinweg, dass so lange noch kein Anlass zur Sorge bestünde, wie der Name der immer etwas lasziv in die Kamera blickenden Reporterin das Einzige bliebe, das ich mir nicht merken kann. Doch der geistige Verfall schreitet gnadenlos voran. Als ich während meines Urlaubs den im malerischen Kärnten gelegenen Wörther See mit dem Auto umrundete, sah ich auf dem Bürgersteig eine elegante Dame mit Hund flanieren. Zwar hatte ich die - meiner Kurzsichtigkeit geschuldet - zunächst für einen Storch, der mit seinem Cocker Spaniel "Gassi" geht, gehalten, doch im Vorbeifahren erkannte ich meinen Irrtum. Zugleich beschlich mich ein eigentümliches "Deja vu" Gefühl - irgendwoher kannte ich jene Dame mit den grazilen Beinen, die in ein weisses Sommerkleid gehüllt die Promenade entlang geschritten war. 'War es am Ende Marietta Slomka?', so grübelte ich. 

Erst Stunden später konnte ich das Bild mit einem in der "Stars und Sternchen - Sektion" meines Gehirns abgelegten Namen in Verbindung bringen: Nadja Abd el Farrag - von ihren Fans, der deutschen Öffentlichkeit und ihrem "Ex" Dieter Bohlen auch liebevoll "Naddel" genannt. Nadja Abd el Farrag ist zweifelsohne eine Medienphänomen. Ob als Backgroundsängerin in des Pop-Titanen Kombo "Blue System" oder als Nachfolgerin von Verona "Hier werden Sie geholfen!" Pooth in der RTL II Show "Peep", ob als Lebensabschnittsgefährtin Ralph Siegels oder als Autorin eines Enthüllungsschinkens, ob als Überlebenskünstlerin im australischen Dschungelcamp oder als Sängerin in einem von Florian Silbereisens zahllosen Frühlings-, Sommer-, Herbst- oder Winterfesten der Volksmusik - stets war Naddel Gegenstand der Berichterstattung in den Boulevard-Medien. Nicht immer fiel die positiv aus und so manches Mal dürfte sich die Hamburgerin wohl gewünscht haben, die Geister, die sie selber rief, wieder aus ihrem Leben verbannen zu können. Vor einigen Jahren zog sie deshalb wohl auch nach Österreich - zunächst in die Mozartstadt Salzburg und im vergangenen Jahr nach Velden. Hier, inmitten der herrlichen Seenlandschaft Kärntens, lebt man fernab aller Sorgen, im Einklang mit sich und der Natur und vor allem: unbehelligt von den Medien. So wird es sich Naddel gedacht haben. Und auch mich trieb der Wunsch, einmal alles vergessen zu können, an jenes fremde Gestade.    

Kein Entkommen vor Anja Kohl

Doch genau so wenig wie Nadja Abd el Farrag am Wörther See Society-Reportern vom Schlage eines Baby Schimmerlos entkommen kann, kann der Erholung suchende Börsianer dort Anja Kohl und ihren Kollegen von "Börse im Ersten" entkommen - er müsste seinen Urlaub schon in einem Basis-Camp am Mount Everest oder in einem Zeltlager in der chinesischen Mandschurei verbringen, wollte er einmal keine Katastophenmeldungen hören. Mein inniger Wunsch, die Börse einmal zwei Wochen Börse sein zu lassen, blieb jedenfalls angesichts der Nachrichtenlage und meines Ferienortes unerfüllt. Der ARD-Börsenexpertin Berichterstattung wurde durch regelmässiges Surfen im Internet und hektisches Lesen aller auf dem Blackberry einlaufenden E-Mails ergänzt. Wieder einmal - wie schon im Jahre 2008, als ich inmitten des Tohuwabohus um den Untergang der amerikanischen Investment Bank Lehman Brothers zum Urlaub im Renterparadies Oberstdorf weilte - hätte der Kontrast zwischen der mich umgebenden lieblichen Landschaft mit ihren saftigen Wiesen und majestätischen Gipfeln und der Dürre in den Niederungen des Börsengeschehens nicht stärker sein können: am Wörther See das pralle Leben, an der Frankfurter Börse der Weltuntergang.    

Berechtigte Skepsis

Am 13. Juli schrieb ich an dieser Stelle: "Doch Aktienbestände inmitten der größten Staatsschuldenkrise der vergangenen Jahrzehnte abzubauen - zumal auf vergleichsweise hohem Niveau - scheint mir mittlerweile eine durchaus vernünftige Überlegung." "Damals" - vor noch nicht einmal 6 Wochen - notierte der Deutsche Aktienindex (DAX) bei 7.267 Punkten. Dass so wenig Zeit bleiben würde, die Eingebung der Vernunft in die Tat umzusetzen, hat mich zutiefst erschreckt. Der Absturz, den die Weltbörsen im August erlebt haben, ist Beleg für die Skepsis der Anleger über den Fortgang der Konjunktur und die Fähigkeit der Politik, die Staatsfinanzen dies- und jenseits des Atlantiks zu sanieren. Zwar konnte die Zahlungsunfähigkeit der Vereinigten Staaten durch eine Anhebung der Schuldenobergrenze in letzter Sekunde abgewendet werden, auch konnte der Wertverfall italienischer und spanischer Staatsanleihen durch beherztes Eingreifen der Europäischen Zentralbank (EZB) eingedämmt werden, doch die Flucht der Anleger in die Sicherheit von Bundesanleihen und Gold hält unvermindert an.   

Säckeweise Gold

Deutsche Staatsanleihen mit zehnjähriger Restlaufzeit sind so gefragt, dass mit ihnen mittlerweile nur noch Renditen um 2 Prozent erzielt werden können. Dies ist zum einen dem nach wie vor hohen Vertrauen der Investoren in die Zahlungsfähigkeit der Bundesrepublik geschuldet, zum anderen dem Umstand, dass der Markt für Bundesanleihen nach der Herabstufung der Kreditwürdigkeit der USA durch die Rating-Agentur Standard & Poors der weltweit größte, verbliebene Markt ist, der noch von allen drei führenden Bonitätswächtern mit der Spitzennote "AAA" bewertet wird. Auch Gold wird weiterhin gekauft, als stünde der Weltuntergang unmittelbar bevor. In den Geschäftsräumen führender Edelmetallhändler fühlt man sich mittlerweile wie in den Wartezimmern von Kassenärzten - einzig das "Goldene Blatt" und "Gala" fehlen. Taschenweise schleppen Privatanleger Goldbarren und Silbermünzen nach Hause - eine eindeutigere "Abstimmung" über das Vertrauen in die Zukunft lässt sich kaum vorstellen.      

Irrweg Euro-Bonds

Zunehmend wird die Debatte um eine Lösung der europäischen Staatsschuldenkrise auch zu einem Politikum. Die Diskussion um die Einführung sogenannter "Euro-Bonds", also gemeinschaftlich von allen Staaten der Euro-Zone begebener Staatsanleihen, hat gewaltig an Fahrt aufgenommen. Die Befürworter solcher Anleihen sehen diese als "ultima ratio" im Kampf gegen die stetig steigenden Zinsen, die einzelne Länder wie Italien und Spanien dieser Tage bieten müssen, um Anlegern ihre Anleihen schmackhaft zu machen. Auch hierzulande ist die Diskussion um die Euro-Bonds voll entbrannt. Dabei hat sich die Opposition, SPD wie Grüne und Linke, für die Einführung solcher Gemeinschaftsanleihen ausgesprochen. Ob sie damit gut beraten ist? Ich wage zu behaupten, dass eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung "Euro-Bonds" ablehnt. Und das aus gutem Grund. Es geht dabei weniger um die Frage, ob hilfsbedürftigen Staaten der Euro-Zone geholfen werden sollte oder nicht. Das steht ausser Frage! Und dazu sind bereits umfangreiche Massnahmen beschlossen und auf den Weg gebracht worden. Man denke hier nur an die "European Financial Stability Facility" (EFSF), die Kredite an Euro-Land Staaten in finanzieller Notlage vergeben kann, sowie an die Käufe von Staatsanleihen durch die EZB.    

Niedriger Zins kein Naturgesetz

Was gegen die Einführung von Euro-Bonds zum jetzigen Zeitpunkt spricht, ist zweierlei: 1. Eine gemeinschaftliche Finanzierung der Staatsdefizite nimmt den Reformdruck von den Ländern, denen die Anleger zurzeit das Vertrauen entzogen haben. Wenn das Geld zu niedrigen Zinssätzen bequem aus Brüssel in die jeweiligen Staatskassen fließt, entfällt der Zwang, die Haushalte durch Sparmassnahmen und Effizienzsteigerungen zu sanieren. 2. Hat schon jemand einmal darüber nachgedacht, ob die Annahme, "Euro-Bonds" könnten zu niedrigeren Zinssätzen begeben werden als denjenigen, die Länder wie Italien und Spanien dieser Tage zahlen müssen, wenn sie sich neu verschulden wollen, die Gültigkeit eines Naturgesetzes hat? Gewiss: Ein solcher, nicht mehr länger fragmentierter europäischer Staatsanleihenmarkt könnte von der hohen Bonität der immer noch mit dem Gütesiegel "AAA" bewerteten Teilmärkte und von der höheren Liquidität profitieren. Aber was passiert, wenn die Anleger dem neuen Markt den Rücken kehren und ihr Geld lieber in Anleihen von Staaten mit deutlich besseren Verschuldungskennziffern investieren - zum Beispiel in solche der Emerging Markets?    

Sparsame Haushaltsführung

Mit der Krise der europäischen Anleihenmärkte verhält es sich ein wenig so wie mit dem Abnehmen: Niemand kann ernsthaft erwarten, über Nacht das abzunehmen, was er sich in Jahren oder Jahrzehnten angefressen hat. Ebensowenig können die Haushalte der Staaten Europas, die über Jahrzehnte einen Schuldenberg aufgetürmt haben, gegen die der Großglockner wie der Frankfurter "Monte Scherbelino" wirkt, in kurzer Frist saniert werden. Schon gar nicht mit "Wundermitteln" wie "Euro-Bonds". Der Weg aus der Krise wird lang und steinig. Jahre werden vergehen, bis eine sparsame Haushaltsführung das Vertrauen der Anleger erneuern und damit eine Verschuldung zu akzeptablen Zinssätzen ermöglichen wird. In der Zwischenzeit müssen die Instrumente greifen, die bereits entwickelt worden sind, um die Liquidität der Euro-Land Staaten sicherzustellen. Und auch die der in Euro-Land agierenden Banken. Die EZB hat auf die Verspannungen, die im Juli am Geldmarkt zu beobachten waren, bereits mit der Bereitstellung von zusätzlicher Liquidität für einen Zeitraum von sechs Monaten reagiert.    

Vorboten von QE3

Interessant wird zu beobachten sein, ob auch die "Zinswende" schon bald der Vergangenheit angehört. Wundern würde es mich nicht. Sowohl die amerikanische als auch die britische Notenbank machen den Zentralbankern in Franfurt vor, dass man die Leitzinsen auch in einem Umfeld hoher oder deutlich ansteigender Inflationsraten unverändert auf niedrigem Niveau belassen kann. Ob sie damit ihrem Auftrag gerecht werden, bleibt zwar fraglich. Nichtsdestotrotz hat sich der Vorsteher der Federal Reserve, Ben Bernacke, bereits jetzt darauf festgelegt, den Leitzins für eine "extended period" - voraussichtlich wohl zwei Jahre - auf dem jetzigen Stand zu belassen. Wer in diesem Zusammenhang noch nicht die Nachtigall um die Ecke trapsen hört, die das fröhliche Lied einer weiteren Runde des "quantative easing" trällert, muss schon sehr schwerhörig sein.   

Ruhe im Himalaya?

Alles in allem werden uns weitere Hiobsbotschaften also auch in den kommenden Jahren erreichen. Ich habe deshalb beschlossen, meinen nächsten Urlaub in Nepal zu verbringen. Im Funkloch am Fuße des Mount Everest sitzend und Ravioli aus einer Thermoskanne löffelnd, werde ich dort wohl einmal zwei Wochen von Nachrichten über das Geschehen verschont bleiben. Und wer weiss: Vielleicht kommt Naddel dann ja auch noch vorbei. Nach der Aufregung um ihre vergangene Woche entsorgte Perücke dürfte auch für sie das ansonsten so malerische Städtchen Velden nicht mehr die Ruhe und Abgeschiedenheit garantieren, die sie sich doch anscheindend im Innersten so sehr wünscht.  

Hinweis: Herr Engelmann ist Mitarbeiter der Citigroup in Deutschland. Der von ihm verfasste Text gibt allein seine persönliche Meinung wieder und ist keine Analyse, Beratung oder Empfehlung der Citigroup.

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