WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

ETF Anleger verlangen mehr Transparenz von Indexfonds

Mehr Konkurrenz und immer neue Produkte beleben das Geschäft mit börsengehandelten Indexfonds. Doch ETFs sind oft nicht so einfach konstruiert, wie versprochen - Anleger sollten genauer hinschauen und Sicherheiten verlangen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Die Kurve des Deutschen Quelle: AP

Das muss ein Fehler sein“, war Rudolf Kreglewskis erster Gedanke. Der Rentner aus Berlin wollte schnell und günstig die größten deutschen Aktien in sein Depot stecken. Dazu hatte er einen börsengehandelten Indexfonds (Exchange Traded Fund, ETF) auf den deutschen Aktienindex Dax ausgewählt.

Gründlich wie er ist, hatte er im Dezember in den Jahresbericht des Fonds geschaut. „Statt der bekannten Dax-Namen fand ich dort japanische Aktien wie Bank of Kyoto, Fujitsu und Mazda“, erinnert er sich. Kreglewski glaubte, beim Erstellen des Berichts sei etwas schiefgegangen, vielleicht ein Computerfehler. Nach allem was er aus der Bankenwelt gehört hat, hätte es ihn nicht einmal überrascht, dass der niemandem aufgefallen war.

Doch es war keine Panne, sondern ein bei manchen ETF-Anbietern üblicher Winkelzug. Swap heißt das englische Fachwort für eine solche Transaktion, an deren Ende in einem Dax-ETF japanische Aktien stecken, dieser aber die Kursentwicklung des Dax nachbildet. Es ist ein Tauschhandel, an dem im Fall von Kreglewskis ETF der Anbieter DB x-trackers und dessen Mutterbank, die Deutsche Bank, beteiligt waren. Die Mutter zahlt der Tochter dabei die Gewinne oder Verluste aus der Entwicklung des Dax und erhält dafür die Performance aus dem japanischen Aktienmix.

Seit der Lehman-Pleite schauen Anleger bei ETFs genauer hin

Die in den Werbeaussagen der Anbieter gern als „einfach, günstig und transparent“ beschriebenen ETFs sind also mitnichten immer einfach konstruiert. Richtig ist: Mit ihnen können Anleger jede erdenkliche Anlagestrategie umsetzen. Das Angebot von Autoaktien-ETFs bis zum vietnamesischen Länder-ETF, lässt kaum Wünsche offen.

Anleiheliebhaber finden ETFs auf Interbanken-Geldmarktsätze und auch für Staatsanleihen. Die Produkte lassen sich über Börsen täglich mehrmals schnell und günstig handeln. Mit jährlichen Verwaltungskosten von 0,12 Prozent bei sehr gängigen Indizes bis hin zu 0,85 Prozent bei exotischeren sind sie im Vergleich zu traditionellen Investmentfonds noch immer billig.

„Die günstigen Gebühren sind aber die einzige Schnittmenge. Ansonsten sind ETFs sehr verschieden; jeder Anbieter baut seine Produkte mit anderen Instrumenten“, sagt André Härtel, Fondsprüfer bei der Bad Homburger Feri EuroRating Services.

Seit der Lehman-Pleite, nach der einige Zertifikate in Verruf gerieten, schauen Anleger auch bei ETFs genauer hin. Sie erwarten von ihnen genau die Performance, die der Index erzielt – und die Sicherheit, die ein Fonds als Sondervermögen bietet. Anders als bei Zertifikaten werden ETF-Gelder als Treuhandvermögen geführt und fallen auch bei einer Pleite einer Fondsgesellschaft oder einer Bank nicht in die Konkursmasse.

Aber was taugt ein Sondervermögen, das vor allem gespickt ist mit japanischen Aktien? Beim Konkurs der Fondsgesellschaft oder gar ihrer Depotbank würden die Papiere des Fonds zum aktuellen Wert verkauft und der Gegenwert an die Anleger ausgezahlt. Maximal zehn Prozent vom Fondsvermögen wären im schlimmsten Fall verloren. Das ist der Wert, bis zu dem ein Swap-Geschäft in das Fondsvermögen einfließen darf.

Finanzkrise zwingt ETF-Anbieter zu Änderungen

ETF Vermögensverteilung

Der Nachbau mancher Indizes ist schwierig. Manche enthalten mehrere Tausend Einzelwerte, wie der US-Aktienindex Russel 3000. Andere bestehen aus Unternehmensanleihen, die kaum gehandelt werden. Im Wettbewerb um Anleger bieten die ETF-Hersteller aber auch diese Indizes an – und das geht dann nur über Swap-Geschäfte.

Bei einem einfachen Dax-ETF, wie dem von Anleger Kreglewski, sind diese Umwege nicht notwendig. Störend auch, dass die Anbieter, wie DB x-trackers, dann meist mit ihren Mutterbanken dealen. „Es ist nicht gut, wenn die Risiken in einem einzigen Haus umverteilt werden“, sagt Härtel von Feri. Der Anleger hat keinen Einblick in die Verträge und fischt im Trüben.

Die ETF-Bauer, die Swaps einsetzen, machen inzwischen Zugeständnisse. Bei der Aktienauswahl versuchen sie näher an den Inhalt der Indizes heranzukommen, die der Anleger gekauft hat. „Japanische Aktien werden dann beispielsweise durch europäische Titel ersetzt, wenn es sinnvoll ist“, gelobt DB x-trackers-Chef Thorsten Michalik.

Die Finanzkrise zwingt auch den ETF-Anbieter Ishares, sein Gerüst zu ändern. Im vergangenen Jahr hat sich die derzeit noch zur britischen Barclays-Gruppe gehörende Fondsgesellschaft, die zum Verkauf steht, rechtzeitig aus riskanten Geschäften verabschiedet. Ishares hatte unter anderem in dem DJ Euro Stoxx 50 ETF Einzelaktien zeitweise aus steuerlichen Gründen durch Zertifikate ersetzt, die von Lehman-Brothers herausgegeben wurden.

Im Juni habe sich Ishares komplett aus Lehman-Zertifikaten verabschiedet, teilt das Unternehmen mit. Im September war Lehman pleite und die Zertifikate wären wertlos geworden. Weil die Strategie zu unsicher geworden ist, setzt Ishares sie zunächst in diesem und dem kommenden Jahr aus. Das Haus habe von Anlegern das Feedback bekommen, dass sie lieber auf Erträge verzichten, als Risiken einzugehen, heißt es.

ETF Wachstum

Ishares umging durch die Zertifikate die Besteuerung von Auslandsdividenden. In Indizes wie den DJ Euro Stoxx 50 fließen Dividenden ohne den Steuerabzug ein, er hätte dadurch den steuerbelasteten ETF abgehängt. Zwar fordern auch ETF-Anbieter im Ausland gezahlte Quellensteuer vom dortigen Fiskus zurück, nur warten sie auf ihr Geld mitunter Jahre. Kurz vor einem Dividendentermin verkaufte Ishares deshalb Aktien und kaufte Zertifikate, die die Kursentwicklung der Aktien nachbilden.

Solche unsicheren Konstrukte sind in der Finanzkrise nicht mehr gefragt. Das in 2008 neu gegründet Sparkassen-ETF-Haus ETFlab ist dagegen erfolgreich mit konventionellen Index-Nachbauten, bei denen im Korb steckt, was draufsteht. Mit 1,2 Milliarden Euro Volumen ist der Dax-ETF des Hauses größer als Swap-Nachbauten der Konkurrenz.

Auch Anleger Kreglewski hat hier zugegriffen. Ganz ohne Tücken sind allerdings auch diese ETFs nicht. Sie holen sich fehlende Prozentpunkte, die durch Verwaltungskosten oder auch den Steuerabzug entstehen, durch Wertpapierleihe-Geschäfte herein. Dazu überlassen sie Aktien aus dem Portfolio beispielsweise Hedgefonds und kassieren dafür eine Gebühr. „Für die Leihgeschäfte gibt es Sicherheiten, die täglich 105 Prozent des Wertes der verliehenen Aktien entsprechen“, beschwichtigt ETFlab-Chef Andreas Fehrenbach.

Unsicherheit bei Zertifikaten und Misstrauen gegenüber konventionellen Fondsmanagern brachten ETFs einen Nachfrageschub – trotz der entstandenen Unsicherheiten über den Zusammenbau. Nach Zahlen des Fondsdatenanbieters Lipper haben europaweit Anleger in 2008 in alle angebotenen ETFs 60 Milliarden Euro mehr eingezahlt, als Verkäufer abgezogen haben. Bei herkömmlichen Investmentfonds blieb hingegen unterm Strich ein dickes Minus von 389 Milliarden Euro.

Volumen an ETFs im Depot verdoppelt

Für Profis sind ETFs derzeit erste Wahl, um kurzfristig Trends in ihren Depots schnell und günstig umzusetzen. Vermögensverwalter sparen sich immer öfter die mühsame Auswahl einzelner Aktien und wählen Indizes an einem Stück. Die Frankfurter Gesellschaft Firstfive, die Depots von 80 Vermögensverwaltern und Banken analysiert, hat nachgezählt.

„Das Volumen von ETFs in den Depots hat sich in einem Jahr auf 151 Millionen Euro verdoppelt. Ihr Anteil am gesamten Depotvolumen ist von drei auf acht Prozent gestiegen“, sagt Firstfive-Vorstand Jürgen Lampe. Favorit in den Profi-Depots ist aktuell der Short-Dax-ETF von DB x-trackers. Mit ihm können Anleger von fallenden Kursen profitieren. In zwölf Monaten brachte ihnen der Fonds ein Plus von 53 Prozent.

Anleger Kreglewski hat mit seinen ETFs bisher noch keinen Gewinn erzielt, aber enttäuscht ist er nicht. „Ich weiß, worauf ich mich eingelassen habe.“ Ein traditioneller Aktienfonds, den er noch im Depot hat, läuft auch nicht besser. Jetzt tritt der Fidelity European Growth, bei dem ein Fondsmanager Aktien auswählt, gegen den Indexnachbau DJ Euro Stoxx 50 an. Kreglewski ist gespannt, wer den Wettlauf um die beste Performance für sich entscheidet. 

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%