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Finanzkrise Die Enteignung der Mittelschicht

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Mittelschicht unter Druck

Dass Versicherer nicht, so wie viele Banken und Fonds, für das berühmte „Bisschen mehr Rendite“ empfänglich gewesen sein sollen, die komplexe Derivate wie verbriefte Kredite (ABS) versprachen, fällt schwer zu glauben. „Wir haben doch die ganze Zeit nichts anderes gemacht, als derivative Produkte für Versicherer gebaut“, berichtet ein Londoner Banker. Waren die Versicherungsmanager alle schlauer als Banker? In der vergangenen Krise waren sie es nicht. Im Boom während der Jahrtausendwende hoben Versicherer ihre Aktienquoten drastisch an und verkauften 2003 – zu Tiefstpreisen.

In einer Umfrage im Dezember unter 403 Brancheninsidern sagten nur vier Prozent der Befragten, dass die Assekuranz gut auf die Herausforderungen der Finanzkrise vorbereitet sei. Das Londoner Centre for the Study of Financial Innovation nannte dieses Ergebnis „furchteinflößend“.

Der Einbruch der Zinsen trifft die sparende Mittelschicht gleich doppelt: bei den Lebensversicherungen und bei Tages- und Festgeldkonten. Der Bar-Anteil des Finanzvermögens der Deutschen liegt mittlerweile bei 36 Prozent. Gab es für private Einlagen in Deutschland im Vorjahr 4,5 Prozent, sind es aktuell im Schnitt nur noch 2,6 Prozent.

Geldentwertung dürfte am Ersparten knabbern

Zudem dürfte bald die Geldentwertung am Ersparten knabbern: Weil die Notenbanken Geld ohne Ende drucken, droht eine eilig trabende Inflation, sobald die Wirtschaft wieder anspringt. Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, erwartet ab 2010 eine Teuerungsrate von fünf bis zehn Prozent.

Anleger Sven Frotscher teilt die Sorge – und setzt deshalb auf Aktien: „Firmen zu gründen und Anteile herauszugeben ist schwieriger, als Geld zu drucken“, sagt er.

„Langfristig sind Aktien die überlegene Anlageklasse.“ Dieses Mantra beteten Finanztheoretiker jahrzehntelang. Inzwischen fragt man sich, wie lang denn langfristig ist. Nicht einmal ein halbes Jahrhundert reicht als Garantie für eine anständige Börsen-Rendite: Der US-Leitindex DowJones wird inflationsbereinigt heute nicht wesentlich höher notiert als Mitte der Sechzigerjahre. Das nährt beim größten Aktien-Fan die Zweifel. Geschwunden ist auch die Hoffnung, den Tücken der Börse mithilfe eines Fondsmanagers entgehen zu können. Wer seit zehn Jahren monatlich in einen Aktienfonds einzahlte, verlor pro Jahr durchschnittlich acht Prozent. Sogar für die vergangenen 20 Jahre liegen europäische Aktien-Sparpläne im Minus. Sie haben nicht die Anleger, sondern nur die Fondsgesellschaften reich gemacht, die für die Vermittlung der Einbußen üppige Gebühren kassierten.

Analysten trommeln für mehr Renten-Vorsorge

Durchschnittsverdiener finanzieren den Sozialstaat

Angesichts der Verluste mit aktienbasierter Altersversorgung wird so mancher froh sein, dass es noch eine staatliche Rentenversicherung gibt. Auch wenn deren Entwicklung alles andere als beeindruckend ist: Seit 2002 stieg die gesetzliche Rente um durchschnittlich 0,8 Prozent.

Aber, aber: Selbst jemand, der 45 Jahre lang einzahlt und die gesamte Zeit über das Durchschnittseinkommen von derzeit rund 30.000 Euro verdient, bekommt 2030 weniger als 41 Prozent seines Bruttolohns als Rente, schätzen Analysten aus dem Allianz-Konzern – und trommeln für mehr Vorsorge. Ursache ist das deutsche Umlagesystem: Wer heute arbeitet, zahlt für die heutigen Rentner. Und weil die Menschen immer älter werden, müssen immer weniger Angestellte für immer mehr Leistungsberechtigte zahlen: „Heute kommen 100 Beitragszahler für 58 Rentner auf, 2050 werden es 72 Rentner sein“, sagt Jürgen Stanowsky von Dresdner Economic Research.

Trotzdem räumen selbst erklärte Kritiker des Sozialstaats wie der Berliner Historiker und Mittelschichts-Forscher Paul Nolte ein, dass „der beste Sozialstaat derjenige ist, der die Risiken der Rentenvorsorge streut und Formen der Absicherung verteilt“. Nolte hält den deutschen Renten-Dreiklang aus staatlichem Umlagesystem, Privatsparplan und betrieblicher Altersvorsorge für das beste Modell, den Wohlstand der Mittelschicht dauerhaft zu sichern.

Verluste bei Aktienfonds, schwache Renditeaussichten bei Lebensversicherungen und eine schmale Staatsrente bieten aber immer noch keinen Grund zum Jubel. Vermag also zumindest die Betriebsrente die Lücke zum letzten Erwerbseinkommen zu schließen?

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