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Finanzkrise Die Enteignung der Mittelschicht

Crash, Niedrigzinsen, Schuldenfalle: wie die Krise Vermögen und Vorsorge der Mittelschicht zerlegt.

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Demonstrant in London Quelle: rtr

Am ersten Apriltag, als die britische Mittelklasse die Bank von England belagert, strahlen die hellen Sandsteinsäulen der 1694 gegründeten „Old Lady“ im gleißenden Sonnenlicht. Tausende Demonstranten versammeln sich auf der Threadneedle Street, rund um die Bank und die alte Londoner Börse, getrieben von der Wut auf die Krise, das Geld und die Gier – und von der Angst um die eigene Zukunft.

Es sind längst nicht nur vermummte Antikapitalismus-Aktivisten, die am Rande des G20-Gipfels demonstrieren; die globale Rezession treibt auch brave Steuerzahler aus der Mittelschicht auf die Straße. „Ich habe genug von Bankern, die sich selbst bereichert haben“, sagt die 64-jährige Christine Hickey aus dem Londoner Vorort Sutton. „Leute verlieren ihre Jobs und ihr Heim, mir reicht es einfach.“ Die für den Schlamassel verantwortlichen Manager sollten einen Teil ihrer Einnahmen an die Gemeinschaft zurückgeben, fordert Caroline Carter, eine 49-jährige Finanzberaterin aus der südenglischen Grafschaft Surrey. Andere denken bereits an ihre verdüsterte Zukunft: „Für jeden Job, um den ich mich bewerbe, konkurriere ich mit 150 anderen“, sagt der 35-jährige Londoner Nathan Dean, und: „Ich musste mich zum ersten Mal in meinem Leben arbeitslos melden.“ Nathan kann jetzt weder Geld zurücklegen noch Pensionsansprüche aufbauen. Und Nathan weiß, dass er und seine Generation die Unsummen werden bezahlen müssen, die jetzt zur Rettung der Banken ins Finanzsystem gepumpt werden.

Großdemos gegen Krisenverursacher

Bei Anlegern und Steuerzahlern wachsen Wut und Zukunftsangst – auch in Deutschland. In Bielefeld, Mainz und Hamburg gingen Anleger auf die Straße, die ihre Altersvorsorge mit Zertifikaten der insolventen Lehman Brothers verloren haben. In Berlin protestierten Ende März mehr als 20.000 unter dem Motto „Wir zahlen nicht für Eure Krise“, in Frankfurt waren es mehr als 12.000, die eine schweigende Mehrheit repräsentierten. Denn von der Krise getroffen wird vor allem die Mittelschicht, zu der Haushalte mit einem Netto-Jahreseinkommen zwischen 35.000 und 70.000 Euro zählen. Die Durchschnittsverdiener sind besonders stark durch Steuern belastet. Der deutsche Spitzensteuersatz von rund 42 Prozent greift eben nicht nur bei Spitzenverdienern, sondern schon ab einem zu versteuernden Einkommen von gut 52.000 Euro (demnächst 60.000 Euro). In einer Studie der Beratungsgesellschaft Mercer landete Deutschland wegen der hohen Steuerlast für mittlere Einkommen auf dem viertletzten von 32 Plätzen. Die mittleren Einkommen schmerzt die hohe Belastung besonders. Und der Schmerz dürfte angesichts explodierender Staatsausgaben im Zuge der globalen Finanzmarktrettung noch größer werden. Zumal der Crash auch die Altersvorsorge zerlegt. Das Finanzvermögen der europäischen Haushalte ist allein im dritten Jahresviertel 2008 um 10,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr gefallen, so die Statistikbehörde Eurostat. Tendenz fallend. Besonders betroffen: die arbeitende Mittelschicht, die – wie vom Staat befohlen – einen Teil ihres sauer verdienten Geldes auf die hohe Kante legt.

Hinzu kommt die Angst vor dem Jobverlust: Die OECD erwartet, dass im kommenden Jahr mehr als fünf Millionen Deutsche arbeitslos sein werden. Seit der Reform des Arbeitslosengeldes (Hartz IV) zum Januar 2005 droht nach nur einem Jahr Arbeitslosigkeit der Absturz auf das Existenzminimum. Die Angst davor ist selbst im bei Frankfurt gelegenen Bad Homburg, einer der reichsten Städte Deutschlands, zu spüren. Hier werden bereits wöchentlich 700 Menschen mit kostenlosem Essen versorgt, berichtet Alexander Dietz, Referent bei der Evangelischen Kirche. „Viele, denen es gut ging, leben jetzt in Armut, auch hier im Hochtaunuskreis“, sagt er. „Die Krise wird dazu führen, dass mehr Leute aus der Mittelschicht arbeitslos werden und bald von Sozialleistungen leben müssen.“

US-Bürger wurden jahrelang getäuscht

Eine Ahnung von dem, was noch kommen könnte, vermitteln die USA. Deren Bürger haben nicht wie die Deutschen die Erfahrung schleichender Einbußen gemacht, mit stagnierenden Reallöhnen, gestrichenen Feiertagen, Rente mit 67 oder Praxisgebühr. Für sie bringt die Finanzkrise die abrupte Umwertung aller Werte. Jahrelang wurden die Amerikaner über ihre wirtschaftlich fragile Lage hinweggetäuscht, zum Ratenkauf und zu immer wieder neuen Hypotheken selbst auf marode Bruchbuden ermuntert. So wurden sie Opfer einer Politik, die im Namen der Selbstverantwortung ein Eigenheim für alle versprach und sich über zunehmend billiges Geld der Notenbanken freute.

Reich gemacht hat dieses System vor allem die Banken. Ihr Anteil an den US-Unternehmensgewinnen stieg von unter zehn Prozent 1980 auf mehr als 40 Prozent zum Höhepunkt des Finanzbooms. 2007 strichen Angestellte im Finanzsektor fast doppelt so viel ein wie in anderen Branchen. „Die Finanzbranche hat unsere Regierung gekapert“, sagt Simon Johnson, ehemaliger Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds: „Die Erholung wird scheitern, wenn wir nicht die Finanzoligarchie aufbrechen, die grundlegende Reformen blockiert.“ Danach sieht es nicht aus. Finanzminister Timothy Geithner etwa segnete im US-Notenbankrat die Niedrigzinspolitik von Fed-Chef Alan Greenspan ab, Obama-Berater Lawrence Summers blockierte schon 1998 neue Finanzmarktregeln.

Weiten Teilen der Finanzelite geht es noch immer prächtig. Die Mittelschicht zahlt dagegen weltweit für die Folgen der Exzesse. Sie, die sich reich und sicher wähnte, steht plötzlich nackt da; hat weder Haus noch Vermögen und schon gar keine sichere Rente.

Der soziale Abstieg kann aus heiterem Himmel kommen. So wie bei Carol. Die 35-Jährige hat mehr als drei Jahre in einer New Yorker Event-Agentur gearbeitet, davor in der Modebranche. In den besten Jahren machte die Single-Frau bis zu 90.000 Dollar pro Jahr. Sie ging aus, leistete sich Luxusurlaube auf den Bahamas, verwöhnte sich mit teuren Schuhen. 2002 kaufte sie in der Finanzmeile ein Apartment, dessen Wert schnell stieg. Ein Freund überredete sie 2005 zum Kauf einer weiteren Immobilie: in Florida und auf Kredit. Heute ist sie nur noch die Hälfte wert. 150.000 Dollar Nettovermögen haben sich binnen drei Jahren in Schulden verwandelt. Im Januar verlor Carol ihren Job, Reserven hat sie keine. Den Kredit für das Florida-Apartment bedient sie schon nicht mehr, die Zinsen für die New Yorker Wohnung zahlte sie zuletzt mit einer ihrer Kreditkarten. Wenn ich nicht schnell einen neuen Job finde“, sagt sie, „werde ich wegziehen müssen.“ So wie Carol zahlt die US-Mittelschicht für ihre Teilnahme an einem System, das steigenden Wohlstand versprach – unter der Annahme, dass sich das Geld an der Wall Street und der Wert der eigenen Immobilie von selbst vermehren würden.

Wie die Deutschen ihr Geld investieren

Die Finanzkrise offenbart das Grundproblem der gesättigten Volkswirtschaften, allen voran der USA: Sie können ihr Wachstums- und Wohlstandsversprechen nicht mehr aufrechterhalten. Kein Kapital kann dreimal so schnell wachsen wie die Wirtschaft, auf die es verwiesen ist. Die angehäuften Staatsschulden zeigen, wohin die Reise geht: Spätestens unsere Kinder werden harten Einschränkungen unterworfen sein – weil die Eltern über ihre Verhältnisse leben.

Die Mittelschicht wird deshalb zwangsläufig der Lastesel der Wohlstandsgesellschaft bleiben: Die zunehmend vielen Niedriglöhner sind von Steuern befreit – und die wenigen Superreichen setzen entweder ihre Reichtümer oder sich selbst ab. Die arbeitende und ausreichend bis gut verdienende Mitte hingegen wird von Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen in die Zange genommen: Sie muss lernen, für die Maßlosigkeit ihrer Vorfahren zu büßen, nur noch mit niedrigen Renditen zu rechnen, weiter für den Sozialstaat aufzukommen und für sich und andere vorzusorgen.

Das aber wird immer schwieriger.

Ob US-Immobilie, Aktien oder Sparkonto – alle Elemente der Vermögensbildung leiden unter der Krise, überall wachsen die Risiken. Anleger Sven Frotscher aus Halle bleibt dennoch standhaft: Nur zwölfmal im Jahr, so hat er es sich selbst auferlegt, schaut er auf die Wertentwicklung seines Fonds-Depots. Der selbstständige Buchautor befürchtet, dass er sonst die Nerven verlieren und seine Anlagestrategie über den Haufen werfen könnte. Frotscher spart 20 Prozent des Haushaltseinkommens – „per Dauerauftrag direkt nach Gehaltseingang“. Die Hälfte steckt er in Festgeld, den Rest über Mischfonds in Aktien, Renten und Rohstoffe. Mehr als 100.000 Euro haben er und seine Frau, eine Lehrerin, in 20 Jahren angespart – und noch dazu den beiden Söhnen das Studium finanziert.

Deutsche Lebensversicherer sind erheblich betroffen

Der 47-Jährige sieht sein Vermögen noch in der Aufbauphase – und weiß, wofür er spart: „Ab dem Jahr 2025 möchte ich weniger arbeiten“, sagt Frotscher, der (freiwillig) in die staatliche Rentenkasse einzahlt. Das sei der „Angst-Teil“ seiner Altersvorsorge. Die bessere Rendite aber erhofft Frotscher sich von dem „Gier-Teil“: Auf Sicht von 20 bis 25 Jahren sollten seine Mischfonds 7 bis 15 Prozent Rendite bringen. Die Finanzkrise hat die Renditeerwartung des Hallensers nun gewaltig durchkreuzt. „Voriges Jahr hatten wir 19 Prozent Minus“, sagt er. Setzt sich die Erosion fort, wird er seinen Teil-Ruhestand wohl deutlich nach hinten verschieben müssen.

Noch gut da steht seine Lebensversicherung, die er kurz nach der Wende abgeschlossen hat – mit einem Garantiezins von vier Prozent. „Solche Altverträge sind echte Schätzchen“, sagt Joachim Geiberger, Chef des Analysehauses Morgen & Morgen. „Heute gibt es nur noch 2,25 Prozent.“

Die Lebensversicherer seien als größte Investoren am deutschen Kapitalmarkt „in erheblichem Ausmaß von der internationalen Finanzmarktkrise betroffen“, warnt Analyst Tim Ockenga von der Ratingagentur Fitch. Vor zehn Jahren waren die von ihnen verdienten Renditen noch doppelt so hoch wie im vergangenen Jahr. Hauptgrund für die aktuelle Schwäche sind die niedrigen Zinsen, mit denen Notenbanken die Wirtschaft stimulieren wollen.

Viele Versicherer haben Reserven schon aufgebraucht

Die Anlagen der Deutschen bringen immer weniger Rendite

Drei Viertel ihres Kapitals haben Lebensversicherer, auf die die Deutschen mit 97 Millionen Verträge hoffen, in festverzinslichen Anlagen gebunkert. Für zehnjährige Bundesanleihen gibt es noch drei Prozent Zinsen. Sollten die Zinsen länger auf dem jetzigen Niveau bleiben, sei für die Lebensversicherten deutlich weniger drin als heute, warnt Ockenga. Viele Versicherer hätten ihre Reserven schon aufgebraucht.

Bereits jetzt muss die Branche kämpfen. Um mehr Rendite erwirtschaften und versprechen zu können als mit sicheren Staatsanleihen, schaufelten die Versicherer Geld in die Banken. Laut Finanzaufsicht BaFin hielten Lebensversicherer Ende 2008 rund 162 Milliarden Euro in „Pfandbriefen, Kommunalobligationen und anderen Schuldverschreibungen von Banken“ – fast ein Viertel ihrer Anlagen von insgesamt knapp 700 Milliarden. Hinzu kommen 108 Milliarden in Schuldscheindarlehen und Namensschuldverschreibungen, praktisch nicht öffentlich handelbare Kredite an Banken und Unternehmen. Die deutschen Lebensversicherer seien viel stärker bei Finanzinstituten engagiert als die Rivalen weltweit, warnen die Fitch-Analysten. Sollten die an Banken vergebenen Gelder „nicht zurückgezahlt werden, werden Versicherer die nächsten Opfer der Krise“, sagt Ad van Tiggelen, Chefstratege von ING Investment Management.

Sicher: Massenhaft Schieflagen wie bei den Banken gab es bei Versicherern bisher nicht. Die gravierende Ausnahme bildet der einstige Assekuranz-Weltmarktführer AIG, der seine tödlichen Geschäfte mit Kreditausfall-Derivaten (Credit Default Swaps, CDS) weitgehend jenseits des klassischen Versicherungsgeschäfts betrieb – und daran zugrunde ging.

So lange Versicherer neue Kunden gewinnen und Prämieneinnahmen steigern, können sie Krisen aussitzen – und darauf warten, dass ihre Papiere wieder bessere Preise sehen. Gefahr droht, wenn diese Preise nicht mehr wiederkommen, Wirtschaftsprüfer nicht mehr warten wollen und die Papiere abgeschrieben werden müssen – oder wenn schlechte Nachrichten dafür sorgen, dass Neukunden abgeschreckt werden, Altkunden ihre Verträge kündigen – und der Zufluss neuer Gelder stockt.

Mittelschicht unter Druck

Dass Versicherer nicht, so wie viele Banken und Fonds, für das berühmte „Bisschen mehr Rendite“ empfänglich gewesen sein sollen, die komplexe Derivate wie verbriefte Kredite (ABS) versprachen, fällt schwer zu glauben. „Wir haben doch die ganze Zeit nichts anderes gemacht, als derivative Produkte für Versicherer gebaut“, berichtet ein Londoner Banker. Waren die Versicherungsmanager alle schlauer als Banker? In der vergangenen Krise waren sie es nicht. Im Boom während der Jahrtausendwende hoben Versicherer ihre Aktienquoten drastisch an und verkauften 2003 – zu Tiefstpreisen.

In einer Umfrage im Dezember unter 403 Brancheninsidern sagten nur vier Prozent der Befragten, dass die Assekuranz gut auf die Herausforderungen der Finanzkrise vorbereitet sei. Das Londoner Centre for the Study of Financial Innovation nannte dieses Ergebnis „furchteinflößend“.

Der Einbruch der Zinsen trifft die sparende Mittelschicht gleich doppelt: bei den Lebensversicherungen und bei Tages- und Festgeldkonten. Der Bar-Anteil des Finanzvermögens der Deutschen liegt mittlerweile bei 36 Prozent. Gab es für private Einlagen in Deutschland im Vorjahr 4,5 Prozent, sind es aktuell im Schnitt nur noch 2,6 Prozent.

Geldentwertung dürfte am Ersparten knabbern

Zudem dürfte bald die Geldentwertung am Ersparten knabbern: Weil die Notenbanken Geld ohne Ende drucken, droht eine eilig trabende Inflation, sobald die Wirtschaft wieder anspringt. Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, erwartet ab 2010 eine Teuerungsrate von fünf bis zehn Prozent.

Anleger Sven Frotscher teilt die Sorge – und setzt deshalb auf Aktien: „Firmen zu gründen und Anteile herauszugeben ist schwieriger, als Geld zu drucken“, sagt er.

„Langfristig sind Aktien die überlegene Anlageklasse.“ Dieses Mantra beteten Finanztheoretiker jahrzehntelang. Inzwischen fragt man sich, wie lang denn langfristig ist. Nicht einmal ein halbes Jahrhundert reicht als Garantie für eine anständige Börsen-Rendite: Der US-Leitindex DowJones wird inflationsbereinigt heute nicht wesentlich höher notiert als Mitte der Sechzigerjahre. Das nährt beim größten Aktien-Fan die Zweifel. Geschwunden ist auch die Hoffnung, den Tücken der Börse mithilfe eines Fondsmanagers entgehen zu können. Wer seit zehn Jahren monatlich in einen Aktienfonds einzahlte, verlor pro Jahr durchschnittlich acht Prozent. Sogar für die vergangenen 20 Jahre liegen europäische Aktien-Sparpläne im Minus. Sie haben nicht die Anleger, sondern nur die Fondsgesellschaften reich gemacht, die für die Vermittlung der Einbußen üppige Gebühren kassierten.

Analysten trommeln für mehr Renten-Vorsorge

Durchschnittsverdiener finanzieren den Sozialstaat

Angesichts der Verluste mit aktienbasierter Altersversorgung wird so mancher froh sein, dass es noch eine staatliche Rentenversicherung gibt. Auch wenn deren Entwicklung alles andere als beeindruckend ist: Seit 2002 stieg die gesetzliche Rente um durchschnittlich 0,8 Prozent.

Aber, aber: Selbst jemand, der 45 Jahre lang einzahlt und die gesamte Zeit über das Durchschnittseinkommen von derzeit rund 30.000 Euro verdient, bekommt 2030 weniger als 41 Prozent seines Bruttolohns als Rente, schätzen Analysten aus dem Allianz-Konzern – und trommeln für mehr Vorsorge. Ursache ist das deutsche Umlagesystem: Wer heute arbeitet, zahlt für die heutigen Rentner. Und weil die Menschen immer älter werden, müssen immer weniger Angestellte für immer mehr Leistungsberechtigte zahlen: „Heute kommen 100 Beitragszahler für 58 Rentner auf, 2050 werden es 72 Rentner sein“, sagt Jürgen Stanowsky von Dresdner Economic Research.

Trotzdem räumen selbst erklärte Kritiker des Sozialstaats wie der Berliner Historiker und Mittelschichts-Forscher Paul Nolte ein, dass „der beste Sozialstaat derjenige ist, der die Risiken der Rentenvorsorge streut und Formen der Absicherung verteilt“. Nolte hält den deutschen Renten-Dreiklang aus staatlichem Umlagesystem, Privatsparplan und betrieblicher Altersvorsorge für das beste Modell, den Wohlstand der Mittelschicht dauerhaft zu sichern.

Verluste bei Aktienfonds, schwache Renditeaussichten bei Lebensversicherungen und eine schmale Staatsrente bieten aber immer noch keinen Grund zum Jubel. Vermag also zumindest die Betriebsrente die Lücke zum letzten Erwerbseinkommen zu schließen?

Wie die Finanzkrise die US-Amerikaner ärmer macht

Wohl kaum. Ansprüche aus Betriebsrenten und Versorgungswerken machen hierzulande nur sechs Prozent des Finanzvermögens der privaten Haushalte aus – insgesamt 262 Milliarden Euro. Und die Pensionskassen der Unternehmen leiden unter demselben Problem wie die Lebensversicherer: niedrige Zinsen.

Laut Unternehmensberatung Towers Perrin haben die Pensionsfonds der Dax-Unternehmen 2008 knapp 13 Milliarden Euro am Kapitalmarkt verloren, ihr Vermögen schrumpfte auf 125 Milliarden Euro. Dem stehen Pensionsverpflichtungen von 191 Milliarden Euro gegenüber. Die Differenz von rund einem Drittel müssen die Unternehmen verdienen. Die Lücke ist dreimal so hoch wie die Summe der gesamten Gewinne der Dax-Konzerne im Geschäftsjahr 2008.

Verglichen mit den Sorgen in den USA sind die deutscher Pensionskassen allerdings gering. US-Pensionsfonds, die massiv in Aktien investieren, haben bereits drei Billionen Dollar verloren. „Aktienquoten von 60 Prozent sind dort keine Seltenheit“, sagt Thomas Jasper von Towers Perrin. Das führt zu großen Deckungslücken der Pensionspläne – ebenso wie in den am US-Vorbild ausgerichteten Niederlanden und in Großbritannien.

In den USA spricht jeder Vierte von der Halbierung seines Vermögens

Suzanne Brereton hat derzeit allerdings dringendere Sorgen als die Altersvorsorge. Die 53-jährige geschiedene Mutter zweier Teenager durchlebt den tiefen Fall von der Mittelschicht in die Armut. 17 Jahre lang war sie von Sevenoaks, einem begüterten Vorort Londons, jeden Tag in die City gependelt. Als Chefsekretärin eines Investmentbankers verdiente sie jährlich 55.000 Pfund, kaufte ein Einfamilienhaus und einen Landrover, leistete sich Karibik-Reisen.

2008 wurde ihr Chef versetzt, sie verlor ihren Job. Mehrere Hundert Bewerbungen blieben ohne Antwort, selbst der örtliche Supermarkt, wo sie als Putzfrau Arbeit suchte, will sie nicht haben. Heute lebt Brereton von ihren knappen Ersparnissen und von dem auf 182 Tage begrenzten Arbeitslosengeld von 60,50 Pfund (65 Euro) in der Woche. Sie dreht die Heizung ab und duscht nur kalt. „Nie hätte ich gedacht, dass mir so etwas passieren könnte“, seufzt sie.

Derzeit wohnt sie noch in ihrem Haus, dessen Preis um rund 20 Prozent gefallen ist. Weil sie ihre Hypothek von 235.000 Pfund nicht mehr bedienen und trotz eines drastischen Preisnachlasses auch nicht verkaufen kann, rechnet sie in den nächsten Tagen mit Räumungsbescheid und Zwangsversteigerung. Dann wird sie wohl in eine Sozialwohnung ziehen müssen. Das Haus, wichtigster Bestandteil ihrer Altersversorgung, wäre verloren.

In der US-Mittelschicht lässt die Krise den „Net Worth“ rapide schmelzen – das Nettovermögen, für die in Gelddingen ungenierten Amerikaner eine ganz wichtige Größe. Die danach befragten Leser des „Wall Street Journal“ gaben kürzlich deprimiert zu Protokoll, ihre Finanzvorräte schrumpften durch die Krise um rund 25 Prozent; jeder Vierte sprach gar von der Halbierung seines Vermögens.

Ruhestand rückt für amerikanische Arbeitnehmer in weite Ferne

Die US-Häuserpreise fallen weiter

„Das Platzen der Immobilienblase“, so prognostiziert das Washingtoner Center for Economic and Policy Research in einer Studie, „wird voraussichtlich den größten Teil, wenn nicht die gesamten Gewinne eliminieren, die Familien bei der Vermögensansammlung in den vergangenen zwei Dekaden gemacht haben.“ Verschärfend hinzu kommt der Crash am Aktienmarkt: Sieben Billionen Dollar verloren US-Bürger mit direkt gehaltenen Aktien.

Damit entspricht der Vermögensverlust der US-Amerikaner seit Anfang 2008 dem 1,5-fachen Jahreseinkommen. „Die Haushalte haben quasi anderthalb Jahre lang umsonst gearbeitet“, sagt Harm Bandholz, Volkswirt bei der Bank UniCredit. „Der wohlverdiente Ruhestand ist für viele Arbeitnehmer in weite Ferne gerückt.“

Hinter den nackten Zahlen verbergen sich Millionen tragischer Einzelschicksale. Die neuen amerikanischen Slums, Zeltstädte außerhalb großer Städte wie zum Beispiel nahe Sacramento, wachsen. „Der Absturz von einem bescheidenen Wohlstand in die Obdachlosigkeit kann ganz schnell passieren, denn die meisten Familien haben keine Reserven“, sagt Leslie Linfield vom Institute for Financial Literacy, das die US-Bürger in Finanzfragen weiterbilden will.

Ihre Wurzeln hat die zunehmend prekäre Lage der Mittelschichten in den Achtzigerjahren, als sich die gesellschaftsspaltende Schere zwischen schamlos hohen Managergehältern und beschämenden Niedriglöhnen immer weiter auftat – zwei Jahrzehnte früher als in Kontinentaleuropa. Nach Margaret Thatcher war es vor allem US-Präsident Ronald Reagan, der im Namen der Eigenverantwortung einen „Kreuzzug für die Demontage des Wohlfahrtsstaats“ (Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman) initiierte, Mindestlöhne drückte und Gewerkschaften entmachtete.

Demo gegen Hilfe für US-Versicherer AIG Quelle: rtr

Reagan versuchte, die mittleren Einkommensschichten durch Steuersenkungen zu entschädigen. Und tatsächlich – die Amerikaner glaubten wieder daran, dass sie ihren Aufstieg selbst in der Hand hätten. Doch die Steuersenkungen konnten die Einkommenseinbußen nicht abfedern, zumal im mittleren Segment. Unter Reagans Nachfolgern – Bush-Clinton-Bush – drohte der Glaube der Mittelschicht an ihren fortwährenden Wohlstand verloren zu gehen.

Irgendwo zwischen Weißem Haus, Notenbank und Wall Street erfanden Banken und US-Politik deshalb eine zweite Einnahmequelle für die Mittelschicht: Die sinkenden Arbeitseinkommen, so US-Ökonom Robert Shiller bereits vor einem Jahrzehnt, sollten durch steigende Spekulationsgewinne kompensiert werden.

Die Aufstiegsillusion

Die Idee erwies sich als so genial wie gefährlich: Der Aufstiegswillen der Mitte verwandelte sich in eine Aufstiegsillusion, das moralische Aufbauprogramm Reagans mündete in ein gigantisches Täuschungsmanöver. Das heute für Wertpapiere und Häuser eingesetzte Geld, so die Wahnvorstellung, werde dauerhaft schneller wachsen als die Wirtschaft – und sich bis ins hohe Alter hinein rentieren.

Offensichtlich glaubten die USA, mit den Selbstbeschwörungskräften des Geldes eine gültige Antwort auf den Sozialstaat europäischer Prägung gefunden zu haben. Doch heute bekommen die Steuerzahler die drei Jahrzehnte gestundete Rechnung für diese politisch gewollte Fehlkalkulation, für eine Sozialpolitik des schlanken Staates, die sich an Zinsen, Aktien und Hypotheken orientiert, mit einem Schlag nachgereicht. Und die amerikanische Mittelschicht stürzt ab in die harte Wirklichkeit.

In China und Russland hindert die Krise die Entstehung einer Mittelschicht

Fernab der westlichen Metropolen treffen die weltwirtschaftlichen Folgen dieses Absturzes auch jene Mittelschichten, die erst im Entstehen begriffen waren – in Wachstumsländern wie China oder Russland. Besonders gut zu beobachten ist das in den großen Städten im Osten des Landes: Dort haben viele Aufsteiger und Jungmanager mit ihren Ersparnissen in den vergangenen Jahren Wohnungen und Häuser gekauft. Deren Wert ist seit Herbst vergangenen Jahres kräftig gesunken. In der Hauptstadt Peking etwa sind die Immobilienpreise in den vergangenen Monaten zum Teil um 30 Prozent gefallen. Die Vermögen der neuen Mittelschicht, zu der schätzungsweise 150 Millionen Chinesen gehören, dürften in den kommenden Jahren deutlich langsamer wachsen. Schon 2008 hat etwa ein Viertel der rund 4,5 Millionen Hochschulabsolventen keine Jobs gefunden.

Dramatisch ist die Situation auch in Russland: Der Staat muss laut Weltbank seine Ausgaben drastisch erhöhen, um soziale Unruhen zu verhindern. Der Wirtschaftsabschwung drohe vier Millionen für sich selbst aufkommende Russen in Armut und Abhängigkeit zu stürzen. „Mich besorgt, dass die Krise gerade die Mittelschicht in Russland treffen könnte“, sagte in der vergangenen Woche Altkanzler Gerhard Schröder im „Zeit Magazin“. „Wenn es hier zu Unsicherheiten kommt, ist das nicht gut für Russland“, warnte Schröder.

Die Mittelschicht darf ihre Interessen einfordern

Kind auf Demo in Berlin Quelle: Laif

Verarmungsängste sind in Deutschland für viele noch fern – zu gut ausgebaut das soziale Netz, glauben viele. Doch für die Mittelschicht ist dieses Netz auch eine Belastung: Weit mehr als 50 Prozent der Sozialabgaben schultern die mittleren Einkommensgruppen.

Und die schiere Zahl der leistungsfähigen Durchschnittsverdiener nimmt dramatisch ab. Laut Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hatten bereits 2006 nur noch 54 Prozent der Deutschen zwischen 70 und 150 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung (2000: 62 Prozent). Die Zahl der Absteiger übertrifft die der Aufsteiger. Der Kölner Sozialstaats-Forscher Christoph Butterwegge spricht von einem „Paternoster-Effekt“, bei dem „die meisten leider nicht nach oben, sondern nach unten befördert werden“.

Ein Effekt, der auch jene trifft, die in der Mitte verbleiben, denn auf sie greift der Staat zu – so oder so. Wer wie die FDP und Teile der Union die Ausweitung des Niedriglohnsektors fordert und zur Eigenverantwortung ermahnt, wird nicht umhinkönnen, Geringverdiener noch stärker zu entlasten, damit diese für sich selbst vorsorgen können – eine Entlastung auf Kosten der Mitte. Und wer umgekehrt, wie die Linke und Teile der SPD, die Abschaffung der Rente mit 67 und die Erhöhung der Hartz-IV-Sätze fordert, müsste dabei schon so ehrlich sein zu sagen, dass er damit den Druck auf die Mitte erhöht.

Die Mittelschicht hat eben deshalb das Recht, forscher denn je von der Politik, für deren Segnungen sie bezahlt wie nie, ihre Interessen einzufordern – den intelligenten Umbau des Sozialstaats zum Beispiel und seine möglichst weitgehende Selbstbeschränkung auf ihm ureigene Aufgaben: die Gewährung von Sicherheit, Bildung und Gesundheit. Und eben nicht das Retten von immer mehr Unternehmen mit Milliarden vom Staat.

Der Umverteilungskampf kommt so oder so – da kann die Politik noch so hohe Schulden anhäufen, um ihn hinauszuzögern. Siehe USA: Dort hat die Mittelschicht abrupt gelernt, dass sie über ihre Lage systematisch getäuscht wurde. In Deutschland wird sie es noch lernen müssen.

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