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Finanzkrise Vorsorge für den Ernstfall

Profi-Investoren wie Vermögensverwalter und Versicherer, die das Geld ihrer Kunden über Jahrzehnte sichern sollen, stellen sich längst im stillen Kämmerlein dieselbe Frage wie Millionen Deutsche: Angenommen, es käme in den nächsten Jahren richtig schlimm – wie erhalte ich mein Kapital?

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1948: Bei der Einführung der D-Mark ist diese dem Ansturm der Bürger ausgesetzt. Das Vertrauen sollte sich auszahlen Quelle: AP

Wie würden sich solche Investoren für das skizzierte Worst-Case-Szenario wappnen? Zur Erinnerung: Die Weltwirtschaft schrumpft über fünf Jahre, das deutsche BIP insgesamt um 15 Prozent, Pleiten und Arbeitslosigkeit nehmen drastisch zu, Staatsschulden explodieren. Erst kommt es zur Deflation, dann zur Inflation.

Michael Schramm, persönlich haftender Gesellschafter bei der Privatbank Hauck & Aufhäuser, nimmt dann auch unkonventionelle Anlagen ins Visier – zum Beispiel Ackerland; „Wenn es in einem GAU darum geht, was die Welt wirklich braucht, gehört Getreide dazu.“ Über geschlossene Fonds – bei denen der Ausstieg allerdings kurzfristig schwer möglich ist – können sich Normalverdiener beteiligen.

Aktien. Dividendenpapiere sieht Schramm in einem GAU-Szenario eher als Verlierer: „Wir werden noch sehr viele Pleiten sehen.“ Auch bei rettenden Teilverstaatlichungen müssten die Aktionäre damit rechnen, mit zur Kasse gebeten zu werden.

Ganz so schwarz sieht es Alfred Roelli, Leiter der Finanzanalyse bei der Schweizer Privatbank Pictet, nicht. Wagemutigen rät er zu selektiven Käufen: „Vor allem unterbewertete Konzerne, die das Rückgrat des produzierenden Gewerbes sind.“ Wie den Industriegase-Hersteller Linde aus dem Dax, der schon für 95 Prozent des Buchwerts zu haben ist. „Wenn unsere Industriegesellschaft nicht verschwindet und wir zu einer Tauschgesellschaft zurückkehren, werden solche Firmen überleben und sind für Anleger einen Blick wert“, sagt Roelli. Selbst dann, wenn die Konzerne in einer langen Rezession auf Überlebensmodus umschalten und die Dividende opfern. 

Bekämpfung der Inflation im Mittelpunkt

Anleihen. Um das Katastrophenszenario zu überdauern, gilt es, abgestuft zu handeln. „So lange Vermögenswerte und Preise weiter im freien Fall sind, muss die Hauptsorge der Staaten und Notenbanken die Bekämpfung der Deflation sein“, sagt Vermögensverwalter Joachim Paul Schäfer von PSM in München. Bis dahin sollten Anleger Schulden abbauen und Kasse halten, und zwar nur in erstklassigen Staatsanleihen wie Deutschland, Frankreich oder Finnland.

Von einer Deflation würden vor allem Staatsanleihen mit zehn oder mehr Jahren Laufzeit profitieren. Franz Wenzel, Anlagestratege bei der Fondsgesellschaft des Versicherers Axa, sieht dafür nur eine Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent. Er räumt jedoch ein, dass in Japan während der

Deflation in den Neunzigerjahren die Staatsanleihe-Renditen auf ein Prozent fielen. Die US-Renditen liegen derzeit bereits bei 2,6 Prozent.

Bei einer Deflation wie in Japan fallen die Renditen weiter und die Kurse steigen. Das Problem bei Staatsanleihen: Kommt statt Deflation gleich eine moderate Inflation von zwei Prozent, haben sie kein Geld verdient – oder sogar welches verloren.

Bei Unternehmensanleihen bleibt vor allem das Insolvenzrisiko. Weil das viele Investoren selbst bei solide finanzierten Großkonzernen mit stabilem Geschäft nicht mehr ausschließen wollen, bieten solche Firmenbonds derzeit Renditen von sieben oder acht Prozent. „Wenn Unternehmensanleihen, dann auch hier nur allererste Qualität mit lupenreiner Bilanz und hohem Cash-Flow“, sagt Schäfer von PSM.

Gold. „Falls alle Finanzwerte zusammenbrechen, wären physisch greifbare Anlagen wie Gold noch am ehesten zu empfehlen“, bringt Alfred Roelli vom Bankhaus Pictet eine jahrhundertealte Erfahrung auf den Punkt. Und die gilt auch für die größte und liebste Vermögensanlage der Deutschen: die eigenen vier Wände.

Immobilien. Crashwahrscheinlichkeiten für Hochzinsanleihen, Bewertungen von Aktien – diese Überlegungen interessieren Immobilienbesitzer nicht.

Das gesteht sogar ein ausgewiesener Kritiker der selbst genutzten Immobilie ihnen zu. In guten Zeiten gilt für Matthias Thomas, Professor für Immobilienmanagement an der European Business School in Oestrich-Winkel: „Die meisten Anleger haben mit einer Immobilie ein extremes Klumpenrisiko im Portfolio. Man stelle sich vor, jemand setzte sein ganzes Eigenkapital plus einen hohen Kredit auf eine einzige Aktie – alle würden den Kopf schütteln.“ Doch in Krisen gewinnen Haus und Garten neuen Charme: „Finanzvermögen kann vernichtet werden, das Haus bleibt stehen, lässt sich vermieten und abbezahlt erneut beleihen um als Sicherheit zum Beispiel für eine Unternehmensgründung zu dienen.“

Selbst das Worst-Case-Szenario muss Immobilienbesitzer also nicht um den Schlaf bringen. Im Moment liegen sie goldrichtig.

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