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Gbureks Geld-Geklimper

Inflationsschutz zwischen Spekulation und Illusion

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Dass Immobilien und Gold immer vor Inflation schützen, ist ein Märchen. Doch wer differenziert und spekulativ investiert, kann von beiden profitieren.

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gold Quelle: REUTERS

Treffender kann man die Hysterie, die inzwischen rund um das Thema Inflation ausgebrochen ist, kaum beschreiben: „Was Käufer im Moment für Immobilien ausgeben, das nimmt einem den Atem. Und das Ganze nur aus Sorge vor der drohenden Inflation.“ Zu dieser Aussage ließ sich vor kurzem nicht etwa  ein Immobilien-Skeptiker hinreißen, sondern Detlev von Wangenheim, der in München Edelimmobilien makelt. Für Ex-Fußballtorwart Oliver Kahn bedeutet Inflation „eine ernsthafte Bedrohung“, weshalb er vor zwei bis drei Jahren begonnen habe, zusätzlich zu Immobilien, Anleihen und Fonds  „größere Positionen in Gold aufzubauen“. Und der erfolgreiche Fondsmanager Klaus Kaldemorgen, für dessen DWS-Produkte Kahn kräftig die Werbetrommel rührt, hat ebenfalls schon seine Liebe zu dem Edelmetall entdeckt: „Wenn Inflationssorgen hochkochen, wird die Nachfrage gewaltig steigen.“ Goldpreise über 2000 Euro, also doppelt so hoch wie aktuell, hält er für möglich und dann immer noch nicht für eine Blase.

Immobilien, früher irrtümlich als Betongold bezeichnet, eignen sich trefflich zum Spekulieren – vorausgesetzt, ihre Lage stimmt und sie sind mal wieder an der Reihe, Preisblasen zu bilden. Beides trifft zu, nicht nur auf gute Lagen in München, sondern auch in den anderen Metropolen, wie Frankfurt, Stuttgart, Köln, Düsseldorf, Hamburg und vor allem Berlin. Dort entsteht gerade – wenn auch aus anderen Gründen - das, was die USA von 2001 bis 2007 erlebt haben: Eine Immobilienblase, deren Platzen wohl noch einige Jahre auf sich warten lassen wird. Während der langen Wartezeit wird die Spekulation auch auf andere deutsche Immobilien übergreifen, nicht zu vergessen Immobilienaktien mit dem Schwerpunkt Wohnen, vorausgesetzt, das Geschäftsmodell stimmt.

Steinreich oder pleite

Ob Gold und Immobilien wirklich vor Inflation schützen, wird nie abschließend zu beweisen sein. Das liegt zunächst daran, dass man alle erdenklichen Zeitspannen zugrunde legen kann, um den vermeintlichen Beweis in die eine oder andere Richtung zu drehen: Je nachdem, ob zum Beispiel die 70er, 80er, 90er oder Nullerjahre herangezogen werden, hat der Goldpreis sich mal positiv entwickelt (in den 70er und Nullerjahren), mal negativ (in den 80er und 90er Jahren). Mit Inflationsschutz hatte das bestenfalls in den inflationären 70er Jahren zu tun, aber keinesfalls in der inflationsarmen Zeit seit 2000. Bei Immobilien gilt es über die unterschiedlichen Zeitspannen hinaus noch mehr zu differenzieren: nach Ländern, Regionen, Lagen, Nutzungsarten und weiteren Merkmalen. Wer beispielsweise den Preisaufschwung nach der deutschen Vereinigung mitgenommen hatte, um Mitte der 90er Jahre in Spanien zu investieren, war 2007 steinreich. Wer das Gegenteil getan hatte und erst 2007 in Spanien einstieg, ist heute wahrscheinlich pleite.

Jeder Preisaufschwung, egal bei welcher Anlage, ist nicht einfach nur das Ergebnis von Angebot und Nachfrage, sondern auch von Manipulationen und Erwartungen, die dem Angebot und der Nachfrage sozusagen vorgelagert sind. Wobei während der ersten Phase, in Bezug auf den Goldpreis etwa von 2001 bis 2006, üblicherweise erst wenig manipuliert wird und die Erwartungen noch nicht allzu euphorisch sind. Inzwischen mischen allerdings so viele Goldbullen und -bären mit, dass man – bei allem Potenzial, das der Goldpreis aus verschiedenen Gründen sicher noch hat – zumindest schon mit einigen irrationalen Preisbewegungen in beiden Richtungen rechnen muss.

Manfred Gburek

Bei allem Respekt vor dem Makler von Wangenheim: Die Käufer von Edelimmobilien in der Bayernmetropole mögen ihm den Atem rauben, bundesweit ist dagegen – bis auf die genannten anderen Metropolen - eine allgemeine Immobilien-Euphorie von der Art wie in den USA bis 2007 längst noch nichts zu spüren. Das wird erst der Fall sein, wenn neben der Mehrzahl der Makler auch Banken und Sparkassen in der ganzen Republik mit dem unsinnigen Argument kommen, Immobilien taugten generell statt nur punktuell als Schutz vor Inflation. Das deutet sich erst zaghaft an. Doch sobald das Argument seine Kreise ziehen wird, dürften die Institute zum Großangriff auf ihre Kunden starten: Um ihnen die dann immer teurer werdenden Baukredite mit im Vergleich zu heute viel höheren Gewinnmargen zu verkaufen und um endlich ihre Immobilien-Ladenhüter mit hohen Courtagen loszuwerden.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob Gold, Immobilien oder sonst was vor Inflation schützen, sondern ob Anleger es schaffen, die Preisbewegungen nach oben spekulativ durch vorzeitige Käufe zu nutzen und später in der Nähe des Preisgipfels wieder auszusteigen. Der Goldpreis befindet sich immer noch in einem Mega-Aufwärtstrend, während die Preise deutscher Wohnimmobilien am Beginn eines stark differenzierten zyklischen Aufschwungs stehen, was zum Teil auch auf Gewerbeimmobilien zutrifft.

Angst vor Staatsschulden

Warum der Goldpreis schon seit zehn Jahren aufwärts strebt, lässt sich damit erklären, dass immer dann, wenn den Anlegern ein Argument pro Gold auszugehen drohte, ein anderes hinzukam. Erst war es die Begrenzung der Zentralbankverkäufe, die dem Preis des Edelmetalls auf die Sprünge half, dann reichte das Minenangebot nicht mehr aus, um die Nachfrage zu befriedigen, weil die Minen nicht genug in die Erschließung neuer Vorkommen investiert hatten, und mit der Ausbreitung börsengehandelter Goldfonds entstand danach eine regelrechte neue Nachfragemacht. Heute treibt vor allem die Angst der Anleger vor unbezahlbaren Staatsschulden und damit einhergehendem Währungsverfall den Goldpreis nach oben.

Gold und Silber noch nicht ausgereizt

Verfall der Währungen, das bedeutet: aktuell und potenziell sinkende Kaufkraft, aktuell in Bezug auf die nach oben geschossenen Rohstoffpreise, potenziell auch wegen hoher  Rohstoffpreise, aber zusätzlich wegen überbordender Geldmengen und weiterer Einflüsse, die in Zukunft zu kräftig steigenden Lebenshaltungskosten führen werden. Insofern ist der Goldpreis - und mit ihm der Silberpreis - noch nicht ausgereizt. Bei diesem Gedanken handelt es sich um eine Spekulation auf die nächsten Monate und gegebenenfalls Jahre; das mag man dann auch Inflationsschutz nennen. Was schließlich Immobilien betrifft, geht es noch viel mehr um Spekulation statt um Inflationsschutz, weil diese Anlagekategorie so heterogen ist wie keine andere und deshalb vor dem Kauf einen größeren Wagemut erfordert als das – jedenfalls in Metallform - quasi monogene Gold.  Anleger sollten sich dessen unbedingt bewusst ein, bevor sie auch nur einen Euro in Immobilien investieren.

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