Geld ohne Arbeit Nie mehr arbeiten: Traum oder Albtraum?

Seite 2/2

Traum von der Rente

Holger Grethe sieht den Traum von der verfrühten Rente dagegen kritisch: „Wenn jemand mit Anfang 20 das Ziel hat, mit 40 in Rente zu gehen, dann muss man sich doch fragen, wieso er bereit ist, einen Job zu machen, aus dem er so früh schon wieder raus will.“ Wer mit seiner beruflichen Situation unzufrieden sei, solle lieber daran etwas ändern statt von früher Rente zu träumen, meint er. „Sich vom frühen Privatiersleben Glückseligkeit zu versprechen, halte ich für eine Illusion."

Grethe selbst arbeitete bis 2009 als Narkosearzt fest angestellt in einer Klinik. „Die Krankenhäuser hatten damals zu wenig Personal und haben als Narkoseärzte zunehmend Freiberufler angeheuert“, erzählt Grethe. Er sah eine Chance, weil die Selbständigen mehr verdienten und freier über ihre Zeit entscheiden konnten. Also gab er den sicheren Job auf und wurde sein eigener Chef. Heute hat er eine eigene Praxis in Düsseldorf, arbeitet aber nur noch rund 25 Stunden pro Woche als Arzt.

Die gewonnene Zeit investiert er wie Ranning in ein Finanzblog, Zendepot. Dort schreibt er über entspannten Vermögensaufbau mit indexbasierten Fonds (ETFs). Den schließlich will auch Grethe fördern und selbst finanzielle Unabhängigkeit erreichen. Nur eben nicht um jeden Preis. „Wer mit 40 in Rente gehen will, muss einen extrem sparsamen Lebensstil führen oder sehr viel verdienen“, sagt Grethe. „Schon für jeden, der Kinder hat und nicht überdurchschnittlich verdient, ist das ein unrealistisches Ziel.“

Lieber sollten Arbeitnehmer und Selbständige vernünftig für die reguläre Rentenzeit vorsorgen. „Das ist beim Vermögensaufbau die Pflicht; alles, was darüber hinausgeht, die Kür.“

Das, was sich viele von der Kür, also dem vorzeitigen Ruhestand erhoffen, hat Grethe ohnehin längst: Unabhängigkeit und Zeit. „Wenn ich möchte, kann ich mich mitten in der Woche vormittags auf mein Rennrad setzen und in die Natur fahren.“ Das, sagt Grethe, sei doch viel erstrebenswerter als ein Leben ohne Arbeit.

Darum dürfte es vielen Arbeitnehmern, die von der frühen Rente träumen, aber ohnehin nicht gehen. Ihnen würde es wahrscheinlich schon reichen, nicht mehr arbeiten zu müssen. Frühes Aufstehen, Alltagsfrust im Büro oder Streitereien mit Kollegen sind eben leichter zu ertragen, wenn Angestellte sich nicht in einer Zwangslage wähnen, sondern jederzeit gehen könnten. Allein darüber entscheiden zu können, führt ihnen dann auch die Vorteile der Arbeit und deren oft sinnstiftende Wirkung vor Augen.

Wer sich tatsächlich aus dem alten Job verabschiedet, kann die gewonnene Zeit für neue Aufgaben und Hobbys nutzen: zum Beispiel als Gemüsegärtner, Jazz-Pianist oder eben Blogger. Solche Beschäftigungen bieten neue Kontakte, auch mit Gleichgesinnten. Auch ehrenamtliche Engagements sind eine Option und zeigen, dass das Leben als Privatier keine Ego-Show sein muss, sondern eine Gesellschaft durchaus bereichern kann.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%